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Die Gesellschaft des Spektakels – Guy Debord

Die Gesellschaft des Spektakels (La société du Spectacle) ist das 1967 erschienene Hauptwerk von Guy Debord. Es handelt sich um eine philosophisch radikale Anklage der modernen westlichen und östlichen Industriegesellschaft, des Kapitalismus, der realsozialistischen Bürokratie, der Form der Ware und der modernen damit einhergehenden Regierungstechniken.

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Guy Debord – Die Gesellschaft des Spektakels
I. Die vollendete Trennung
„Aber freilich, diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original,
die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht; denn heilig
ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit. Ja die Heiligkeit steigt in
ihren Augen in demselben Maße, als die Wahrheit ab- und die Illusion zunimmt,
so daß der höchste Grad der Illusion für sie auch der höchste Grad der
Heiligkeit ist.“
Feuerbach (Das Wesen des Christentums, Vorrede zur zweiten Auflage)
1
Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen
Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von
Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung
entwichen.
2
Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen
in einen gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht
wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich
in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt der
bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich
vollendet in der autonom gewordenen Bildwelt wieder, in der sich das Verlogene
selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist als konkrete Verkehrung des
Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.
3
Das Spektakel stellt sich zugleich als die Gesellschaft selbst, als Teil der
Gesellschaft und als Vereinigungsinstrument dar. Als Teil der Gesellschaft ist
das Spektakel ausdrücklich der Bereich, der jeden Blick und jedes Bewußtsein auf
sich zieht. Aufgrund dieser Tatsache, daß dieser Bereich abgetrennt ist, ist er
der Ort des getäuschten Blicks und des falschen Bewußtseins; und die
Vereinigung, die es bewirkt, ist nichts anderes als eine offizielle Sprache der
verallgemeinerten Trennung.
4
Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder
vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.
5
Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt
der Techniken der Massenverarbreitung von Bildern begriffen werden. Es ist
vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung.
Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.
6
In seiner Totalität begriffen, ist das Spektakel zugleich das Ergebnis und die
Zielsetzung der bestehenden Produktionsweise. Es ist kein Zusatz zur wirklichen
Welt, kein aufgesetzter Zierat. Es ist das Herz des Irrealismus der realen
Gesellschaft. In allen seinen besonderen Formen: Information oder Propaganda,
Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen ist das Spektakel das
gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens. Es ist die
allgegenwärtige Behauptung der in der Produktion und ihrem korollären Konsum
bereits getroffenen Wahl. Form und Inhalt des Spektakels sind identisch die
vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden
Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Gegenwart dieser Rechtfertigung,
als Beschlagnahme des hauptsächlichen Teils der außerhalb der modernen
Produktion erlebten Zeit.
7
Die Trennung selbst gehört zur Einheit der Welt, zur globalen
gesellschaftlichen Praxis, die sich in Realität und Bild aufgespalten hat. Die
gesellschaftliche Praxis, vor die sich das autonome Spektakel stellt, ist auch
die das Spektakel umfassende wirkliche Totalität. Aber die Aufspaltung dieser
Totalität verstümmelt sie so sehr, daß sie das Spektakel als ihren Zweck
erscheinen läßt. Die Sprache des Spektakels besteht aus Zeichen der
herrschenden Produktion, die zugleich der letzte Zweck dieser Produktion sind.
8
Das Spektakel und die wirkliche gesellschaftliche Tätigkeit lassen sich nicht
abstrakt einander entgegensetzen; diese Verdoppelung ist selbst doppelt. Das
Spektakel, das das Wirkliche verkehrt, wird wirklich erzeugt. Zugleich wird die
erlebte Wirklichkeit durch die Kontemplation des Spektakels materiell
überschwemmt und nimmt in sich selbst die spektakuläre Ordnung wieder auf, indem
sie ihr eine positive Zustimmung gibt. Die objektive Realität ist auf beiden
Seiten vorhanden. Jeder so festgesetzte Begriff gründet sich nur auf seinen
Übergang in die Gegenseite. Ins Spektakel tritt die Wirklichkeit ein, und das
Spektakel ist wirklich. Diese gegenseitige Entfremdung ist das Wesen und die
Stütze der bestehenden Gesellschaft.
9
In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.
10
Der Begriff des Spektakels vereinigt und erklärt eine große Mannigfaltigkeit
von erscheinenden Phänomenen. Ihre Verschiedenheiten und Kontraste sind die
Erscheinungen dieses gesellschaftlich veranstalteten Scheins, der in seiner
allgemeinen Wahrheit erkannt werden muß. Das Spektakel ist, seinen eigenen
Begriffen nach betrachtet, die Behauptung des Scheins und die Behauptung jedes
menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Lebens als eines bloßen Scheins. Aber die
Kritik, die die Wahrheit des Spektakels trifft, entdeckt es als die sichtbare
Negation des Lebens; als eine Negation des Lebens, die sichtbar geworden ist.
11
Untrennbare Elemente müssen künstlich unterschieden werden, um das Spektakel,
seine Herausbildung und seine Funktionen sowie die Kräfte, die zu seiner
Auflösung hinstreben, zu beschreiben. Bei der Analyse des Spektakels muß in
einem gewissen Maß die Sprache des Spektakulären geredet werden, insofern dabei
der methodologische Boden dieser Gesellschaft, die sich im Spektakel ausdrückt,
betreten wird. Aber das Spektakel ist nichts anderes als der Sinn der ganzen
Praxis einer ökonomischen Gesellschaftsformation, sein Zeitplan. Es ist der
geschichtliche Moment, in dem wir enthalten sind.
12
Das Spektakel stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare
Positivität dar. Es sagt nichts mehr als: „Was erscheint, das ist gut; und was
gut ist, das erscheint.“ Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung
ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu
erscheinen, durch sein Monopol des Scheins, faktisch erwirkt hat.
13
Der zutiefst tautologische Charakter des Spektakels geht aus der bloßen
Tatsache hervor, daß seine Mittel zugleich sein Zweck sind. Es ist die Sonne,
die über dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es deckt die ganze
Oberfläche der Welt und badet sich endlos in seinem eigenen Ruhm.
14
Die Gesellschaft, die auf der modernen Industrie beruht, ist nicht zufällig
oder oberflächlich spektakulär, sie ist zutiefst spektakularistisch. Im
Spektakel, dem Bild der herrschenden Wirtschaft, ist das Endziel nichts, die
Entwicklung alles. Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich
selbst.
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Als unerläßlicher Schmuck der jetzt erzeugten Waren, als allgemeine Darstellung
der Rationalität des Systems und als fortgeschrittener Wirtschaftsbereich, der
unmittelbar eine wachsende Menge von Objekt-Bildern gestaltet, ist das Spektakel
die hauptsächliche Produktion der heutigen Gesellschaft.
16
Das Spektakel unterjocht sich die lebendigen Menschen, insofern die Wirtschaft
sie gänzlich unterjocht hat. Es ist nichts als die sich für sich selbst
entwickelnde Wirtschaft. Es ist der getreue Widerschein der Produktion der Dinge
und die ungetreue Vergegenständlichung der Produzenten.
17
Die erste Phase der Herrschaft der Wirtschaft über das gesellschaftliche Leben
hatte in der Definition jeder menschlichen Realisierung eine offensichtliche
Degradierung des Seins zum Haben mit sich gebracht. Die gegenwärtige Phase der
völligen Beschlagnahme des gesellschaftlichen Lebens durch die akkumulierten
Ergebnisse der Wirtschaft führt zu einer verallgemeinerten Verschiebung vom
Haben zum Scheinen, aus welchem jedes tatsächliche „Haben“ sein unmittelbares
Prestige und seinen letzten Zweck beziehen muß. Zugleich ist jede individuelle
Wirklichkeit gesellschaftlich geworden, direkt von der gesellschaftlichen Macht
abhängig und von ihr geformt. Nur sofern sie nicht ist, darf sie erscheinen.
18
Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen
Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines
hypnotischen Verhaltens. Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene
spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur
Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen
Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und
mystifizierbarste Sinn entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der
heutigen Gesellschaft. Das Spektakel läßt sich jedoch nicht mit dem bloßen
Zusehen identifizieren, wenn dieses auch mit dem Zuhören kombiniert wäre. Das
Spektakel ist das, was der Tätigkeit der Menschen, der Wiedererwägung und der
Berichtigung ihres Werkes entgeht. Es ist das Gegenteil des Dialogs. Überall,
wo es unabhängige Vorstellung gibt, baut sich das Spektakel wieder auf.
19
Das Spektakel hat die ganze Schwäche des abendländisch-philosophischen
Entwurfes geerbt, der in einem von den Kategorien des Sehens beherrschten
Begreifen der Tätigkeit bestand; so wie es sich auch auf die unaufhörliche
Entfaltung der genauen, technischen Rationalität, die aus diesem Gedanken
hervorgegangen ist, gründet. Es verwirklicht nicht die Philosophie, es
philosophiert die Wirklichkeit. Das konkrete Leben aller ist es, welches sich
zu einem spektakulären Universum degradiert hat.
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Als Gewalt des getrennten Gedankens und als Gedanke der getrennten Gewalt, ist
es der Philosophie nie durch eigene Kraft gelungen, die Theologie aufzuheben.
Das Spektakel ist der materielle Wiederaufbau der religiösen Illusion. Die
spektakuläre Technik hat die religiösen Wolken nicht aufgelöst, in die die
Menschen ihre von ihnen losgerissenen, eigenen Kräfte gesetzt hatten: sie hat
sie nur mit einer weltlichen Grundlage verbunden. So ist es das irdischste
Leben, welches undurchsichtig und erstickend wird. Es verweist nicht mehr auf
den Himmel, sondern beherbergt bei sich seine absolute Verwerfung, sein
trügerisches Paradies. Das Spektakel ist die technische Verwirklichung der
Verbannung der menschlichen Kräfte in ein Jenseits; die vollendete Entzweiung im
Innern des Menschen.
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Je nachdem wie die Notwendigkeit gesellschaftlich geträumt wird, wird der Traum
notwendig. Das Spektakel ist der schlechte Traum der gefesselten, modernen
Gesellschaft, der schließlich nur ihren Wunsch zu schlafen ausdrückt. Das
Spektakel ist der Wächter dieses Schlafes.
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Die Tatsache, daß die praktische Macht der modernen Gesellschaft sich von
selbst abgehoben und sich ein selbständiges Reich im Spektakel fixiert hat, ist
nur aus dieser anderen Tatsache, daß diese mächtige Praxis immer noch
selbstzerrissen und sichselbstwidersprechend geblieben war, zu erklären.
23
Die älteste gesellschaftliche Spezialisierung ist es, die Spezialisierung der
Gewalt, die an der Wurzel des Spektakels liegt. Das Spektakel ist somit eine
spezialisierte Tätigkeit, die für die Gesamtheit der anderen Tätigkeiten
spricht. Es ist die diplomatische Repräsentation der hierarchischen
Gesellschaft vor sich selbst, wo jedes andere Wort verbannt ist. Hier ist das
Modernste auch das Archaischste.
24
Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über
sich selbst hält, ihr lobender Monolog. Es ist das Selbstportrait der Macht in
der Epoche ihrer totalitären Verwaltung der Existenzberechtigungen. Der
fetischistische Schein reiner Objektivität in den spektakulären Beziehungen
verbirgt deren Charakter als Beziehung zwischen Menschen und zwischen Klassen:
eine zweite Natur scheint unsere Umwelt mit ihren unvermeidlichen Gesetzen zu
beherrschen. Aber das Spektakel ist nicht dieses notwendige Produkt der als eine
natürliche Entwicklung betrachteten technischen Entwicklung. Die Gesellschaft
des Spektakels ist im Gegenteil die Form, die ihren eigenen technischen Inhalt
wählt. Wenn das Spektakel, – unter dem engeren Gesichtspunkt der
„Massenkommunikationsmittel“ genommen, die seine erdrückendste
Oberflächenerscheinung sind -, als einfache Instrumentierung auf die
Gesellschaft überzugreifen scheinen kann, so ist diese Instrumentierung in
Wirklichkeit nichts Neutrales, sondern genau die Instrumentierung, die seiner
ganzen Selbstbewegung entspricht. Wenn die gesellschaftlichen Bedürfnisse der
Epoche, in der sich solche Techniken entwickeln, nur durch die Vermittlung
dieser Techniken befriedigt werden können, wenn die Verwaltung dieser
Gesellschaft sowie jeder Kontakt zwischen den Menschen nur mittels dieser Macht
augenblicklicher Kommunikation stattfinden können, ist dafür der Grund, daß
diese „Kommunikation“ wesentlich einseitig ist; folglich läuft ihre
Konzentrierung darauf hinaus, in den Händen der Verwaltung des bestehenden
Systems die Mittel anzuhäufen, die es ihm erlauben, diese bestimmte Verwaltung
fortzuführen. Die verallgemeinerte Entzweiung des Spektakels ist untrennbar vom
modernen Staat, – d.h. von der allgemeinen Form der Entzweiung in der
Gesellschaft -, dem Produkt der Teilung der gesellschaftlichen Arbeit und dem
Werkzeug der Klassenherrschaft.
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Die Trennung ist das Alpha und Omega des Spektakels. Die Institutionalisierung
der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit und die Herausbildung der Klassen
hatten eine erste heilige Kontemplation gebaut, die mythische Ordnung, mit der
sich jede Macht schon von Urbeginn an umhüllt. Das Heilige hat die kosmische
und ontologische Anordnung gerechtfertigt, die den Interessen der Herren
entsprach und es hat das erklärt und beschönigt, was die Gesellschaft nicht tun
konnte. Also war jede getrennte Macht spektakulär, aber die Zustimmung aller zu
einem solchen feststehenden Bild bedeutete nur die gemeinsame Anerkennung einer
imaginären Verlängerung für die Armut der wirklichen gesellschaftlichen
Tätigkeit, die noch sehr viel als einheitliche Bedingung empfunden wurde. Im
Gegenteil drückt das moderne Spektakel das aus, was die Gesellschaft tun kann,
aber in dieser Äußerung stellt sich das Erlaubte absolut dem Möglichen
entgegen. Das Spektakel ist die Erhaltung der Bewußtlosigkeit in der
praktischen Veränderung der Existenzbedingungen. Das Spektakel ist sein eigenes
Produkt, es selbst ist es, das seine Regeln aufgestellt hat: es ist ein
Pseudo-Heiliges. Es zeigt was es ist: die getrennte Macht, welche – bei dem
Produktivitätswachstum durch die unaufhörliche Verfeinerung der Teilung der
Arbeit zur Zerstückelung der zugleich von der unabhängigen Maschinenbewegung
beherrschten Gesten – sich in sich selbst entwickelt und für einen stets
weiteren Markt arbeitet. Jedes Gemeinwesen und jeder kritische Sinn haben sich
während dieser ganzen Bewegung aufgelöst, in der sich die Kräfte, die bei ihrer
Trennung wachsen konnten, noch nicht wiedergefunden haben.
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Bei der verallgemeinerten Trennung des Arbeiters von seinem Produkt geht jeder
einheitliche Überblick über die ausgeführte Tätigkeit, jede persönliche,
direkte Mitteilung zwischen den Produzenten verloren. Im Laufe des Fortschritts
der Akkumulation der getrennten Produkte und der Konzentration des
Produktionsprozesses werden die Einheit und die Mitteilung zum ausschließenden
Attribut der Systemleitung. Das Gelingen des wirtschaftlichen Systems der
Trennung ist die Proletarisierung der Welt.
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Am Pol der Entwicklung des Systems verschiebt sich durch das Gelingen selbst
der getrennten Produktion als Produktion des Getrennten die Grunderfahrung, die
in den Urgesellschaften mit einer hauptsächlichen Arbeit verbunden war, zur
Nichtarbeit und zur Untätigkeit. Doch diese Untätigkeit ist keineswegs von der
Produktionstätigkeit befreit: sie hängt von ihr ab, sie ist unruhige und
bewundernde Unterwerfung unter die Erfordernisse und Ergebnisse der Produktion;
sie ist selbst ein Produkt von deren Rationalität. Außerhalb der Tätigkeit kann
es keine Freiheit geben, und im Rahmen des Spektakels wird jede Tätigkeit
verneint, genauso wie die wirkliche Tätigkeit vollständig für den Gesamtaufbau
dieses Ergebnisses aufgefangen worden ist. Daher ist die heutige „Befreiung von
der Arbeit“, die Ausdehnung der Freizeit, keineswegs Befreiung in der Arbeit
oder Befreiung einer durch diese Arbeit geformten Welt. Nichts von der in der
Arbeit gestohlenen Tätigkeit kann sich in der Unterwerfung unter ihr Ergebnis
wiederfinden.
28
Das auf die Vereinzelung gegründete Wirtschaftssystem ist eine zirkuläre
Produktion der Vereinzelung. Die Vereinzelung begründet die Technik und der
technische Prozeß vereinzelt rückwirkend. Alle durch das spektakuläre System
ausgewählten Güter, vom Auto bis zum Fernsehen sind auch seine Waffen, um
beständig die Vereinzelungsbedingungen der „einsamen Massen“ zu verstärken. Das
Spektakel findet immer konkreter seine eigenen Voraussetzungen wieder.
29
Der Ursprung des Spektakels ist der Verlust der Einheit der Welt, und die
riesengroße Ausbreitung des modernen Spektakels drückt die Vollständigkeit
dieses Verlustes aus: die Abstraktion jeder besonderen Arbeit und die allgemeine
Abstraktion der Gesamtproduktion äußern sich vollkommen im Spektakel, dessen
konkrete Seinsweise gerade die Abstraktion ist. Im Spektakel stellt sich ein
Teil der Welt vor der Welt dar, und ist über sie erhaben. Das Spektakel ist nur
die gemeinschaftliche Sprache dieser Trennung. Was die Zuschauer miteinander
verbindet, ist nur ein irreversibles Verhältnis zum Zentrum selbst, das ihre
Vereinzelung aufrechterhält. Das Spektakel vereinigt das Getrennte, aber nur als
Getrenntes.
30
Die Entfremdung des Zuschauers zugunsten des angeschauten Objekts (das das
Ergebnis seiner eigenen bewußtlosen Tätigkeit ist) drückt sich so aus: je mehr
er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er sich in den herrschenden Bildern
des Bedürfnisses wiederzuerkennen akzeptiert, um so weniger versteht er seine
eigene Existenz und seine eigene Begierde. Die Äußerlichkeit des Spektakels im
Verhältnis zum tätigen Menschen erscheint darin, daß seine eigenen Gesten nicht
mehr ihm gehören, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt. Der Zuschauer
fühlt sich daher nirgends zu Hause, denn das Spektakel ist überall.
31
Der Arbeiter produziert nicht sich selbst, sondern eine unabhängige Macht. Der
Erfolg dieser Produktion, ihr Überfluß, kehrt zum Produzenten als Überfluß der
Enteignung zurück. Die ganze Zeit und der ganze Raum seiner Welt werden ihm bei
der Akkumulation seiner entfremdeten Produkte fremd. Das Spektakel ist die
Landkarte dieser neuen Welt, eine Landkarte, die genau ihr Territorium deckt.
Eben die Kräfte, die uns entgangen sind, zeigen sich uns in ihrer ganzen Macht.
32
Das Spektakel in der Gesellschaft entspricht einer konkreten Herstellung der
Entfremdung. Die wirtschaftliche Expansion ist hauptsächlich die Expansion
dieser bestimmten industriellen Produktion. Was mit der sich für sich selbst
bewegenden Wirtschaft anwächst, kann nur die Entfremdung sein, die gerade in
ihrem ursprünglichen Kern enthalten war.
33
Der von seinem Produkt getrennte Mensch produziert immer machtvoller alle
Einzelheiten seiner Welt und findet dadurch immer mehr von seiner Welt
getrennt. Je mehr sein Leben jetzt sein Produkt ist, um so mehr ist er von
seinem Leben getrennt.
34
Das Spektakel ist das Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht,
daß es zum Bild wird.
II. Die Ware als Spektakel
„Denn nur als Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins ist die
Ware in ihrer unverfälschten Wesensart begreifbar. Erst in diesem Zusammenhang
gewinnt die durch das Warenverhältnis entstandene Verdinglichung eine
entscheidende Bedeutung sowohl für die objektive Entwicklung der Gesellschaft
wie für das Verhalten der Menschen zu ihr; für das Unterworfenwerden ihres
Bewußtseins den Formen, in denen sich diese Verdinglichung ausdrückt. Diese
Willenlosigkeit steigert sich noch dadurch, daß mit zunehmender Rationalisierung
und Mechanisierung des Arbeitsprozesses die Tätigkeit des Arbeiters immer
stärker ihren Tätigkeitscharakter verliert und zu einer kontemplativen Haltung
wird.“
Lukacs (Geschichte und Klassenbewußtsein)
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An dieser wesentlichen Bewegung des Spektakels, die darin besteht, alles in
sich aufzunehmen, was in der menschlichen Tätigkeit in flüssigem Zustand war, um
es in geronnenem Zustand als Dinge zu besitzen, die durch die negative
Umformulierung des erlebten Wertes zum ausschließlichen Wert geworden sind –
erkennen wir unsere alte Feindin wieder, die so leicht auf den ersten Blick ein
selbstverständliches, triviales Ding scheint, während sie doch im Gegenteil ein
sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit: die Ware.
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Das Prinzip des Warenfetischismus ist es, d.h. die Beherrschung der
Gesellschaft durch „sinnliche übersinnliche Dinge“, das sich absolut im
Spektakel vollendet, wo die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende
Auswahl von Bildern ersetzt wird, welche sich zugleich als das Sinnliche
schlechthin hat anerkennen lassen.
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Die zugleich anwesende und abwesende Welt, die das Spektakel zur Schau stellt,
ist die jedes Erlebnis beherrschende Warenwelt. Und die Warenwelt wird auf
diese Weise gezeigt genau wie sie ist, denn ihre Bewegung ist identisch mit der
Entfernung der Menschen voneinander und ihrem Gesamtprodukt gegenüber.
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Der auf allen Ebenen der spektakulären Sprache so offensichtliche
Qualitätsverlust der von ihr gepriesenen Gegenstände und der von ihr geregelten
Verhaltensweisen drückt nur die Grundmerkmale der wirklichen Produktion aus, die
die Wirklichkeit beseitigt: die Warenform ist durch und durch die
Mitsichselbstgleichheit, die Kategorie des Quantitativen. Das Quantitative ist
es, das sie entwickelt, und in ihm nur kann sie sich entwickeln.
39
Diese Entwicklung, die das Qualitative ausschließt, untersteht selbst als
Entwicklung dem qualitativen Übergang: das Spektakel bedeutet, daß sie die
Schwelle ihres eigenen Überflusses überschritten hat; dies ist lokal erst auf
einigen Punkten wahr, dennoch trifft es bereits im Weltmaßstabe zu, der der
Urmaßstab ist, und ihre praktische Bewegung hat diesen Maßstab bestätigt, indem
sie die ganze Erde als Weltmarkt umfaßt.
40
Die Entwicklung der Produktivkräfte war die bewußtlose wirkliche Geschichte,
die die Existenzbedingungen der Menschengruppen als Überlebensbedingungen und
als deren Erweiterung aufgebaut und verändert hat; die ökonomische Basis all
ihrer Unternehmungen. Innerhalb einer Naturalwirtschaft bestand der Bereich der
Ware in der Schaffung eines Überschusses an Überleben. Die Warenproduktion, die
den Austausch verschiedenartiger Produkte zwischen unabhängigen Produzenten
voraussetzt, konnte lange handwerkmäßig, in einer wirtschaftlichen Randfunktion
beschränkt bleiben, worin ihre quantitative Wahrheit noch verdeckt ist. Da
jedoch, wo sie die gesellschaftlichen Bedingungen des Großhandels und der
Kapitalakkumulation antraf, bemächtigte sie sich der gesamten Wirtschaft. Die
ganze Wirtschaft ist also zu dem geworden, als was sich die Ware bei dieser
Eroberung erwiesen hatte: zu einem Prozeß quantitativer Entwicklung. Diese
unaufhörliche Entfaltung der wirtschaftlichen Macht in der Form der Ware, die
die menschliche Arbeit zur Ware Arbeit, zur Lohnarbeit, umgebildet hat, führte
kumulativ zu einem Überfluß, in dem die Grundfrage des Überlebens zweifelsohne
gelöst wird, aber so daß sie immer wiederkehren muß; sie wird jedesmal wieder
auf einer höheren Stufe gestellt. Das Wirtschaftswachstum befreit die
Gesellschaften vom natürlichen Druck, der ihren unmittelbaren Überlebenskampf
erforderte, nun aber sind sie von ihrem Befreier nicht befreit. Die
Unabhängigkeit der Ware hat sich auf das Ganze der von ihr beherrschten
Wirtschaft ausgedehnt. Die Wirtschaft verwandelt die Welt, aber nur in eine
Welt der Wirtschaft. Die Pseudonatur, in der sich die menschliche Arbeit
entfremdet hat, erfordert, daß ihr Dienst endlos fortgesetzt wird, und da dieser
Dienst nur von sich selbst beurteilt und freigesprochen wird, erlangt er in der
Tat die Gesamtheit der gesellschaftlich zulässigen Bemühungen und Vorhaben als
seine Diener. Der Überfluß der Waren, d.h. des Warenverhältnisses, kann nicht
mehr als das vermehrte Überleben sein.
41
Die Ware hat ihre Herrschaft über die Wirtschaft zuerst verdeckt ausgeübt, und
diese Wirtschaft selbst blieb als materielle Grundlage des gesellschaftlichen
Lebens unbemerkt und unbegriffen, so wie das Bekannte überhaupt darum, weil es
bekannt ist, nicht erkannt ist. In einer Gesellschaft, in der die konkrete Ware
selten oder in der Minderheit bleibt, stellt sich die scheinbare Herrschaft des
Geldes als der mit unumschränkter Vollmacht versehene Gesandte dar, der im
Namen einer unbekannten Macht spricht. Mit dem Eintreten der industriellen
Revolution, der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit und der massenhaften
Produktion für den Weltmarkt erscheint die Ware tatsächlich als eine Macht, die
das gesellschaftliche Leben wirklich in Beschlag nimmt. Zu dieser Zeit bildet
sich die politische Ökonomie als herrschende Wissenschaft und als Wissenschaft
der Herrschaft heraus.
42
Das Spektakel ist der Moment, in welchem die Ware zur völligen Beschlagnahme
des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht
nur sichtbar; sondern man sieht nichts anderes mehr: die Welt, die man sieht,
ist seine Welt. Die moderne Wirtschaftsproduktion dehnt ihre Diktatur extensiv
aus. An den am wenigsten industrialisierten Orten ist ihr Reich schon durch
einige Star-Waren und als imperialistische Herrschaft der an der Spitze der
Produktivitätsentwicklung stehenden Zonen vorhanden. In diesen fortgeschrittenen
Zonen wird der gesellschaftliche Raum durch eine ununterbrochene
Übereinanderlagerung geologischer Warenschichten überschwemmt. An diesem Punkt
der „zweiten industriellen Revolution“ wird neben der entfremdeten Produktion
der entfremdete Konsum zu einer zusätzlichen Pflicht für die Massen. Die ganze
verkaufte Arbeit einer Gesellschaft wird völlig zur Gesamtware, deren Kreislauf
sich fortsetzen muß. Dazu muß diese Gesamtware dem fragmentarischen Individuum,
das von den als ein Ganzes wirkenden Produktivkräften absolut getrennt ist,
fragmentarisch zurückkehren. Hier muß sich gerade die spezialisierte
Wissenschaft der Herrschaft ihrerseits spezialisieren: sie zerbröckelt in
Soziologie Psychotechnik, Kybernetik, Semiologie usw., und wacht über die
Selbstregulierung aller Stufen des Prozesses.
43
Während in der ursprünglichen Phase der kapitalistischen Akkumulation „die
Nationalökonomie den Proletarier nur als Arbeiter betrachtet“, der das zur
Erhaltung seiner Arbeitskraft unentbehrliche Minimum bekommen muß, ohne ihn
jemals „in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch“ zu betrachten, kehrt sich
diese Denkweise der herrschenden Klasse um, sobald der in der Warenproduktion
erreichte Überflußgrad vom Arbeiter einen Überschuß von Kollaboration
erfordert. Dieser Arbeiter, von der vollständigen Verachtung plötzlich
reingewaschen, die ihm durch alle Organisations- und Überwachungsbedingungen
der Produktion deutlich gezeigt wird, findet sich jeden Tag außerhalb dieser
Produktion, in der Verkleidung des Konsumenten, mit überaus zuvorkommender
Höflichkeit scheinbar wie ein Erwachsener behandelt. Da nimmt der Humanismus
der Ware den Arbeiter „in seiner arbeitslosen Zeit und als Mensch“ in die Hand
ganz einfach deswegen, weil die politische Ökonomie diese Sphären beherrschen
kann und muß. So hat „die konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen“
die Ganzheit der menschlichen Existenz in die Hand genommen.
44
Das Spektakel ist ein ständiger Opiumkrieg, um die Identifizierung der Güter
mit den Waren und auch die der Zufriedenheit mit dem sich nach seinen eigenen
Gesetzen vermehrenden Überleben aufzuzwingen. Wenn aber das konsumierbare
Überleben etwas ist, das sich ständig vermehren muß, so deshalb, weil es die
Entbehrung immer noch enthält. Wenn es kein Jenseits des vermehrten Überlebens
gibt, keinen Punkt, an dem dieses Überleben sein Wachstum beenden könnte, so
deshalb, weil es selbst nicht jenseits der Entbehrung liegt, sondern die reicher
gewordene Entbehrung ist.
45
Mit der Automation, die der fortgeschrittenste Bereich der modernen Industrie
und zugleich das Modell ist, in dem sich deren Praxis vollkommen zusammenfaßt,
muß die Warenwelt den folgenden Widerspruch überwinden: die technische
Instrumentierung, die objektiv die Arbeit abschafft, muß gleichzeitig die
Arbeit als Ware und als einzigen Geburtsort der Ware erhalten. Damit die
Automation oder jede andere weniger extreme Form der Produktivitätssteigerung
der Arbeit, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit wirklich nicht verkürzt,
müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Tertiärsektor, die
Dienstleistungen sind das ungeheure Ausdehnungsfeld für die Etappenlinien der
Distributions- und Lobpreisungsarmee der heutigen Waren; gerade in der
Künstlichkeit der Bedürfnisse nach solchen Waren findet diese Mobilisierung von
Ergänzungskräften glücklich die Notwendigkeit einer solchen Organisation der
Nachhut-Arbeit vor.
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Der Tauschwert konnte sich nur als Agent des Gebrauchswerts bilden, aber sein
durch seine eigenen Waffen errungener Sieg hat die Bedingungen seiner autonomen
Herrschaft geschaffen. Durch die Mobilisierung jedes menschlichen Gebrauchs und
die Ergreifung des Monopols von dessen Befriedigung ist der Tauschwert endlich
dazu gekommen, den Gebrauch zu steuern. Der Tauschprozeß hat sich mit jedem
möglichen Gebrauch identifiziert und hat ihn auf seine Gnade und Ungnade
unterjocht. Der Tauschwert ist der Kondottiere des Gebrauchswertes, der endlich
den Krieg für seine eigene Tasche führt.
47
Jene Konstante der kapitalistischen Wirtschaft, die in dem tendenziellen Fall
des Gebrauchswerts besteht, entwickelt eine neue Form der Entbehrung innerhalb
des vermehrten Überlebens; dieses ist ebensowenig von der alten Not befreit, da
es die Mitwirkung der großen Mehrheit der Menschen als Lohnarbeiter zur
endlosen Fortsetzung seines Strebens fordert und da jeder weiß, daß er sich
entweder unterwerfen oder sterben muß. Die Wirklichkeit dieser Erpressung, d.h.
die Tatsache, daß der Gebrauch in seiner ärmsten Form (Essen, Wohnen) nur noch
besteht, soweit er im Scheinreichtum des vermehrten Überlebens eingeschlossen
bleibt, ist die wirkliche Grundlage dafür, daß die Täuschung überhaupt beim
Konsum der modernen Waren hingenommen wird. Der wirkliche Konsument wird zu
einem Konsumenten von Illusionen; Die Ware ist diese wirkliche Illusion und das
Spektakel ihre allgemeine Äußerung.
48
Der Gebrauchswert, der im Tauschwert implizit mit inbegriffen war, muß jetzt in
der verkehrten Realität des Spektakels explizit verkündet werden, und zwar
gerade weil seine Wirklichkeit durch die überentwickelte Warenwirtschaft
zersetzt wird und weil eine Pseudorechtfertigung zum falschen Leben nötig wird.
49
Das Spektakel ist die andere Seite des Geldes: das abstrakte allgemeine
Äquivalent aller Waren. Wenn aber das Geld als Vertretung der zentralen
Äquivalenz, d.h. als Vertretung der vielfältigen Güter — deren Gebrauch
unvergleichbar blieb — die Gesellschaft beherrscht hat, ist das Spektakel
seine moderne, entwickelte Ergänzung, in der die Totalität der Warenwelt als
allgemeine Äquivalenz mit all dem, was die Gesamtheit der Gesellschaft sein und
tun kann, im ganzen erscheint: Das Spektakel ist das Geld, das man nur
anblickt, denn das Ganze des Gebrauchs hat sich in ihm schon gegen das Ganze der
abstrakten Vorstellung ausgetauscht. Das Spektakel ist nicht nur der Diener des
Pseudogebrauchs, es ist bereits in sich selbst der Pseudogebrauch des Lebens.
50
Beim wirtschaftlichen Überfluß wird das konzentrierte Ergebnis der
gesellschaftlichen Arbeit augenscheinlich und unterwirft jede Realität dem
Schein, der nun sein Produkt ist. Das Kapital ist nicht mehr das unsichtbare
Zentrum, das die Produktionsweise leitet: seine Akkumulation breitet es in der
Form von sinnlichen Gegenständen bis an die Peripherie aus. Die ganze Ausdehnung
der Gesellschaft ist sein Porträt.
51
Der Sieg der autonomen Wirtschaft muß zugleich ihr Untergang sein. Die Kräfte,
die sie entfesselt hat, beseitigen die wirtschaftliche Notwendigkeit, die die
unwandelbare Grundlage der alten Gesellschaften war. Wenn diese autonome
Wirtschaft durch die Notwendigkeit der endlosen wirtschaftlichen Entwicklung
die wirtschaftliche Notwendigkeit ersetzt, kann sie nur die Befriedigung der
summarisch anerkannten ersten menschlichen Bedürfnisse durch eine
ununterbrochene Erzeugung von Pseudobedürfnissen ersetzen, die sich auf das
einzige Pseudobedürfnis der Aufrechterhaltung ihres Reichs zurückführen lassen.
Die autonome Wirtschaft aber hebt sich für immer vom tiefen Bedürfnis im
gleichen Maße ab, wie sie aus dem gesellschaftlichen Unbewußten heraustritt, das
von ihr abhing, ohne es zu wissen. „Alles, was bewußt ist, nutzt sich ab. Was
unbewußt ist, bleibt unveränderlich. Aber wenn es einmal befreit ist, zerfällt
es dann nicht seinerseits?“ (Freud.)
52
In dem Moment, in dem die Gesellschaft entdeckt, daß sie von der Wirtschaft
abhängt, hängt die Wirtschaft tatsächlich von ihr ab. Diese unterirdische
Macht, die bis zu ihrem souveränen Erscheinen wuchs, hat auch ihre Macht
verloren. Wo das wirtschaftliche Es war, muß das Ich werden. Das Subjekt kann
nur aus der Gesellschaft, d.h. aus dem Kampf, der in ihr selbst ist,
hervorgehen. Seine mögliche Existenz hängt von den Ergebnissen des
Klassenkampfs ab, der sich als Produkt und Produzent der wissenschaftlichen
Grundlegung der Geschichte offenbart.
53
Das Bewußtsein der Begierde und die Begierde des Bewußtseins sind identisch
derjenige Entwurf, der in seiner negativen Form die Aufhebung der Klassen will,
d.h. die unmittelbare Herrschaft der Arbeiter über alle Momente ihrer Tätigkeit.
Sein Gegenteil ist die Gesellschaft des Spektakels, in der die Ware sich selbst
in einer von ihr geschaffenen Welt anschaut.
III. Einheit und Teilung im Schein
„An der Front der Philosophie durchzieht eine neue lebhafte Polemik das Land
über die Begriffe „eins teilt sich in zwei“ und „zwei vereinigen sich zu
einem“. Dieser Streit ist ein Kampf zwischen denjenigen, die für, und
denjenigen, die gegen die materialistische Dialektik sind, ein Kampf zwischen
zwei Weltanschauungen, der proletarischen und der bürgerlichen. Diejenigen, die
die Meinung verfechten, daß „sich eins in zwei teilt“ das grundlegende Gesetz
der Dinge ist, stehen auf der Seite der materialistischen Dialektik;
diejenigen, die die Meinung verfechten, daß „sich zwei zu einem vereinigen“,
sind Gegner der materialistischen Dialektik. Die beiden Seiten haben eine klare
Demarkationslinie zwischen einander gezogen, und ihre Argumente sind diametral
entgegengesetzt. Diese Polemik spiegelt auf der ideologischen Ebene den
zugespitzten und komplexen Klassenkampf wider, der sich in China und in der
Welt abspielt.“
Die Rote Fahne – Peking, 21. September 1964
54
Wie die moderne Gesellschaft ist das Spektakel zugleich geeint und geteilt. Wie
sie baut es seine Einheit auf die Zerrissenheit auf. Aber wenn der Widerspruch
im Spektakel auftaucht, wird ihm seinerseits durch eine Umkehrung seines Sinnes
widersprochen; so daß die aufgezeigte Teilung einheitlich ist, während die
aufgezeigte Einheit geteilt ist.
55
Der Kampf von Gewalten, die zur Verwaltung desselben sozialökonomischen Systems
entstanden sind, entfaltet sich als der offizielle Widerspruch, der in
Wirklichkeit zur tatsächlichen Einheit gehört; das gilt ebenso im Weltmaßstabe
wie innerhalb jeder Nation.
56
Die falschen, spektakulären Kämpfe zwischen den rivalisierenden Formen der
getrennten Gewalt sind zugleich real, indem sie die ungleiche, konfliktorische
Entwicklung des Systems äußern, und auch die relativ widersprüchlichen
Interessen der Klassen oder Klassenunterabteilungen, die das System anerkennen
und ihre eigene Teilnahme an seiner Gewalt definieren. Wie die Entwicklung der
fortgeschrittenen Wirtschaft im Zusammenstoß bestimmter Prioritäten mit anderen
besteht, so werden die durch eine Staatsbürokratie ausgeübte totalitäre
Verwaltung der Wirtschaft und der Zustand der Länder, welche sich in die Sphäre
der Kolonisation oder Halbkolonisation gestellt fanden, durch beträchtliche
Besonderheiten in den Produktions- und Machtbedingungen definiert. Diese
verschiedenen Gegensätze können sich im Spektakel mit ganz unterschiedlichen
Kriterien gemessen, als absolut verschiedenartige Gesellschaftsformen geben.
Aber ihrer Wirklichkeit als besonderen Bereichen gemäß, liegt die Wahrheit
ihrer Besonderheit im allgemeinen System, das sie enthält: in der einzigen
Bewegung, die den ganzen Planeten zu ihrem Spielraum gemacht hat, d.h. im
Kapitalismus.
57
Die Gesellschaft, die das Spektakel unterhält, beherrscht die unterentwickelten
Gebiete nicht allein durch ihre wirtschaftliche Hegemonie. Sie beherrscht sie
auch als Gesellschaft des Spektakels. Dort, wo die materielle Grundlage noch
fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits spektakulär auf die
gesellschaftliche Oberfläche jedes Kontinents übergegriffen. Sie definiert das
Programm einer herrschenden Klasse und leitet deren Herausbildung. Wie sie die
zu begehrenden Pseudogüter zeigt, so bietet sie den lokalen Revolutionären die
falschen Vorbilder von Revolutionen dar. Das besondere Spektakel der
bürokratischen Gewalt, die einige industrielle Länder unter ihrer Macht hält,
gehört eben zum Gesamtspektakel, als seine allgemeine Pseudo-Negation und seine
Stütze. Wenn das Spektakel, in seinen verschiedenen Lokalisierungen betrachtet,
totalitäre Spezialisierungen der gesellschaftlichen Sprache und Verwaltung an
den Tag legt, so verschmelzen diese auf der Ebene der Gesamtfunktion des
Systems zu einer weltweiten Teilung der Aufgaben im Spektakel.
58
Die Teilung der Aufgaben im Spektakel, die die Allgemeinheit der bestehenden
Ordnung erhält, erhält hauptsächlich den beherrschenden Pol ihrer Entwicklung.
Die Wurzel des Spektakels liegt im Boden der zum Überfluß gewordenen Wirtschaft,
und von dort kommen die Früchte her, die schließlich nach der Herrschaft über
den spektakulären Markt trachten, und dies trotz der polizeilich-ideologischen
Schutzzollschranken irgendeines lokalen Spektakels, das Autarkie beansprucht.
59
Die Banalisierungsbewegung, die hinter den schillernden Ablenkungen des
Spektakels die moderne Gesellschaft weltweit beherrscht, beherrscht sie auch
auf jedem der Punkte, wo der entwickelte Warenkonsum die zur Auswahl stehenden
Rollen und Gegenstände scheinbar vervielfacht hat. Die Überreste von Religion
und Familie – die die Hauptform des Erbes der Klassengewalt bleibt -, und
folglich der von ihnen ausgeübten moralischen Repression, können als ein und
dasselbe mit der weitschweifigen Behauptung des Genusses dieser Welt kombiniert
werden; während diese Welt gerade nur als Pseudogenuß produziert wird, der die
Repression in sich bewahrt. Mit der seligen Hinnahme des Bestehenden kann auch
die rein spektakuläre Empörung als ein und dasselbe verbunden werden: dies
äußert die einfache Tatsache, daß die Unzufriedenheit selbst zu einer Ware
geworden ist, sobald der wirtschaftliche Überfluß fähig wurde, seine Produktion
bis auf die Bearbeitung eines solchen Rohstoffes auszudehnen.
60
Indem er das Bild einer möglichen Rolle in sich konzentriert, konzentriert der
Star – d.h. die spektakuläre Vorstellung des lebendigen Menschen – diese
Banalität. Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbaren
Erlebten, ist das Objekt der Identifizierung mit dem untiefen, scheinbaren
Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten
Produktionsspezialisierungen aufwiegen soll. Die Stars sind da, um
verschiedenerlei Typen von Lebensstilen und Gesellschaftsauffassungen
darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verkörpern das
unzulängliche Resultat der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie Nebenprodukte
dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch über sie erhoben werden: die
Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, die am Anfang und am
Ende eines unbestrittenen Prozesses stehen. Dort personalisiert sich die
Regierungsgewalt zu einem Pseudostar, hier läßt sich der Star des Konsums als
Pseudogewalt über das Erleben durch Plebiszit akklamieren. Aber diese
Aktivitäten des Stars sind ebensowenig wirklich global wie verschiedenartig.
61
Der als Star in Szene gesetzte Agent des Spektakels ist das Gegenteil, der
Feind des Individuums, an sich selbst ebenso offensichtlich wie bei den
anderen. Indem er als Identifikationsmodell ins Spektakel übergeht, hat er auf
jede autonome Eigenschaft verzichtet, um sich selbst mit dem allgemeinen Gesetz
des Gehorsams gegenüber dem Lauf der Dinge zu identifizieren. Wenn er auch nach
außen hin die Darstellung verschiedener Persönlichkeitstypen ist, zeigt der
Konsumstar jeden dieser Typen, als ob er gleichmäßig zur Gesamtheit des Konsums
gelangen und dabei gleicherweise sein Glück finden könne. Der Star der
Entscheidung muß den vollständigen Bestand all dessen besitzen, was an
menschlichen Eigenschaften zugelassen wird. So werden die offiziellen
Gegensätzlichkeiten zwischen ihnen durch die offizielle Ähnlichkeit vernichtet,
die die Voraussetzung ihrer Vortrefflichkeit in allem ist. Chruschtschow ist
General geworden, um über die Schlacht von Kursk zu entscheiden, doch nicht auf
dem Felde, sondern am zwanzigsten Jahrestag, als er der Machthaber des Staates
war. Kennedy blieb ein Redner noch als er selbst seine Leichenrede an seinem
eigenen Grabe hielt, denn Theodore Sorensen redigierte zu dieser Zeit noch für
den Nachfolger die Reden in jenem Stil, der so viel dazu beitrug, daß die
bewundernswerten Leute, in denen sich das System personifiziert, nicht das
sind, was sie sind; sie sind große Männer geworden, weil sie unter die Realität
des bescheidensten, individuellen Lebens herabgesunken sind, und jedermann weiß
das.
62
Die falsche Auswahl im spektakulären Überfluß, die in der Nebeneinanderreihung
von konkurrierenden und solidarischen Spektakeln sowie in der
Nebeneinanderstellung von einanderausschließenden und ineinandergreifenden
Rollen (die hauptsächlich von Gegenständen getragen und ausgedrückt werden)
besteht, entwickelt sich zu einem Kampf zwischen gespenstischen Qualitäten, die
die Zustimmung zur quantitativen Trivialiät leidenschaftlich begeistern sollen.
So erstehen falsche, archaische Gegensätze, Regionalismen oder Rassismen wieder,
die die Vulgarität der hierarchischen Platzverteilung innerhalb des Konsums zu
einer phantastischen, ontologischen Überlegenheit verklären sollen. So setzt
sich die endlose Reihe der lächerlichen Zusammenstöße wieder zusammen, die von
den sportlichen Wettkämpfen bis zu den Wahlen ein noch nicht einmal
ludistisches Interesse mobilisieren. Dort, wo sich der Konsum im Überfluß
niedergelassen hat, nimmt ein hauptsächlicher schauspielhafter Gegensatz
zwischen der Jugend und den Erwachsenen den Vordergrund des trügerischen
Rollenspiels ein: denn nirgends gibt es einen Erwachsenen, einen Herrn über
sein Leben, und die Jugend, die Änderung des Bestehenden, ist keineswegs das
Eigentum derjenigen, die jetzt jung sind, sondern sie gehört dem
Wirtschaftssystem, dem Dynamismus des Kapitalismus an. Dinge sind es, die
herrschen und jung sind, die einander verjagen und ersetzen.
63
Hinter den spektakulären Gegensätzen verbirgt sich die Einheit des Elends. Wenn
verschiedene Formen derselben Entfremdung einander unter den Masken der totalen
Auswahl bekämpfen, so deswegen, weil sie alle auf den verdrängten, wirklichen
Widersprüchen aufgebaut sind. Nach den Erfordernissen der besonderen Stufe des
Elends, das es verleugnet und aufrechterhält, existiert das Spektakel in einer
konzentrierten oder diffusen Form. In beiden Fällen ist es nur ein von
Trostlosigkeit und Grausen umgebenes Bild glücklicher Vereinigung im stillen
Zentrum des Unglücks.
64
Das konzentrierte Spektakuläre gehört wesentlich zum bürokratischen
Kapitalismus, wenn es auch als Technik der Staatsgewalt über rückständigere
halbstaatliche Wirtschaften oder in bestimmten Krisenzeiten des
fortgeschrittenen Kapitalismus eingeführt werden kann. Das bürokratische
Eigentum ist tatsächlich selbst konzentriert in dem Sinne, daß der einzelne
Bürokrat lediglich vermittels der bürokratischen Gemeinschaft, nur als deren
Mitglied, mit dem Besitz der Gesamtwirtschaft verbunden ist. Außerdem stellt
sich auch die hier weniger entwickelte Warenproduktion in einer konzentrierten
Form dar: die von der Bürokratie verwahrte Ware ist die ganze gesellschaftliche
Arbeit, und was sie der Gesellschaft wiederverkauft, ist deren Überleben im
ganzen. Die Diktatur der bürokratischen Wirtschaft kann den ausgebeuteten
Massen keine nennenswerte Wahlfreiheit lassen, denn sie hat alles selbst wählen
müssen und jede andere äußere Wahl, ob sie nun die Ernährung oder die Musik
betrifft, ist deshalb bereits die Wahl ihrer vollständigen Zerstörung. Sie muß
von einer ständigen Gewaltsamkeit begleitet werden. Das in ihrem Spektakel
aufgedrängte Bild des Guten versammelt in sich die Gesamtheit des offiziell
Bestehenden und konzentriert sich normalerweise auf einen einzigen Menschen, der
der Garant seines totalitären Zusammenhaltes ist. Jedermann muß sich entweder
magisch mit diesem absoluten Star identifizieren oder verschwinden. Denn dieser
Star ist der Herr seines Nichtkonsums und das heroische Bild einer annehmbaren
Deutung für jene absolute Ausbeutung, worin die vom Terror beschleunigte
ursprüngliche Akkumulation in Wirklichkeit besteht. Wenn jeder Chinese Mao
lernen und folglich Mao sein muß, so heißt das, daß er nichts anderes zu sein
hat. Wo das konzentrierte Spektakuläre herrscht, da herrscht auch die Polizei.
65
Das diffuse Spektakuläre begleitet den Warenüberfluß, d.h. die ungestörte
Entwicklung des modernen Kapitalismus. In diesem Fall ist jede einzelne Ware im
Namen der Größe der Gesamtproduktion der Gegenstände gerechtfertigt, deren
Spektakel ein apologetischer Katalog ist. Unvereinbare Behauptungen drängen
sich auf der Bühne des vereinigten Spektakels der Überflußwirtschaft, ebenso wie
verschiedene Star-Waren gleichzeitig ihre widersprüchlichen Einrichtungspläne
der Gesellschaft vortragen, in der das Spektakel der Kraftwagen einen
vollkommenen Verkehr verlangt, der die Altstädte zerstört, während das
Spektakel der Stadt selbst Museen-Viertel braucht. Daher wird die bereits
problematische Zufriedenheit, die angeblich dem Konsum der Gesamtheit eignet,
unmittelbar verfälscht, indem der wirkliche Konsument direkt nur eine
Aufeinanderfolge von Bruchstücken dieses Warenglücks berühren kann, denen
jedesmal die der Gesamtheit zugeschriebene Qualität offensichtlich fehlt.
66
Jede bestimmte Ware kämpft für sich selbst, kann die anderen nicht anerkennen,
will sich überall durchsetzen, als ob sie die einzige wäre. Damit wird das
Spektakel zum epischen Gesang dieses Zusammenstoßes, den der Fall keines Ilion
beenden könnte. Das Spektakel besingt nicht die Männer und ihre Waffen, sondern
die Waren und ihre Leidenschaften. In diesem blinden Kampf vollbringt jede Ware,
indem sie sich von ihrer Leidenschaft hinreißen läßt, bewußtlos ein Höheres:
das weltlich-Werden der Ware, das ebenso das zur-Ware-Werden der Welt ist. So
kämpft sich, dank einer List der Warenvernunft, das Besondere der Ware
aneinander ab, während die Warenform auf ihre absolute Verwirklichung zugeht.
67
Die Befriedigung, die die Ware im Überfluß durch den Gebrauch nicht mehr
verschaffen kann, wird in der Anerkennung ihres Wertes als Ware gesucht: dies
ist der Gebrauch der Ware, der sich selbst genügt; und dies ist für den
Konsumenten der religiöse Erguß vor der souveränen Freiheit der Ware. So
breiten sich mit großer Geschwindigkeit Begeisterungswellen für ein mit allen
Informationsmitteln gestütztes und angekurbeltes bestimmtes Produkt aus. Ein
Kleidungsstil entsteht aus einem Film, eine Zeitschrift lanciert Klubs, die
ihrerseits verschiedenen Ausrüstungen lancieren. Das „Gadget“ spricht diese
Tatsache aus, daß im gleichen Augenblick, da die Masse der Waren dem Irrsinn
zugleitet, das Irrsinnige selbst zu einer besonderen Ware wird. An den
Werbeschlüsselringen z.B., die nicht mehr gekauft werden, sondern als Zugabe
bei dem Verkauf von Prestigegegenständen geschenkt werden oder die durch
Austausch aus ihrer eigenen Sphäre herkommen, läßt sich die Äußerung einer
mystischen Selbsthingabe an die Transzendenz der Ware erkennen. Wer die
Schlüsselringe sammelt, die nur zum Sammeln erzeugt wurden, häuft die
Ablaßbriefe der Ware, ein ruhmreiches Zeichen ihrer wirklichen Gegenwart unter
ihren Getreuen. Der verdinglichte Mensch trägt den Beweis seiner Intimität mit
der Ware zur Schau. Wie bei dem krampfhaften Taumeln oder den Wunderheilungen
der Schwärmer des alten religiösen Fetischismus, gelangt auch der
Warenfetischismus zu Momenten schwärmerischer Erregung. Der einzige Gebrauch,
der sich hier noch äußert, ist der grundlegende Brauch der Unterwerfung.
68
Zweifellos läßt sich das im modernen Konsum aufgezwungene Pseudobedürfnis
keinem echten Bedürfnis oder Begehren entgegensetzen, das nicht selbst durch
die Gesellschaft und ihre Geschichte geformt wäre. Aber die Ware im Überfluß
existiert als der absolute Bruch einer organischen Entwicklung der
gesellschaftlichen Bedürfnisse. Ihre mechanische Akkumulation macht ein
unbeschränktes Künstliches frei, angesichts dessen die lebendige Begierde
entwaffnet ist. Die kumulative Macht eines unabhängigen Künstlichen zieht berall
die Verfälschung des gesellschaftlichen Lebens nach sich.
69
Im Bild der glücklichen Vereinheitlichung der Gesellschaft durch den Konsum ist
die reale Teilung nur bis zum nächsten Nichterfüllen im Konsumierbaren
aufgeschoben. Jedes besondere Produkt, das die Hoffnung auf eine blitzschnelle
Abkürzung darstellen soll, um endlich ins gelobte Land des totalen Konsums zu
gelangen, wird der Reihe nach zeremoniös als die entscheidende Einzelheit
hingestellt. Aber wie im Falle der augenblicklichen Verbreitung der Moden von
scheinbar aristokratischen Vornamen, die von fast allen gleichaltrigen
Individuen getragen werden, so konnte der Gegenstand, von dem eine besondere
Gewalt erwartet wird, nur dadurch der Andacht der Massen angeboten werden, daß
er in einer hinreichend großen Zahl von Exemplaren vervielfältigt wurde, um
massenhaft konsumiert zu werden. Der Prestigecharakter kommt diesem beliebigen
Produkt nur dadurch zu, daß es als offenbares Mysterium der Produktionsfinalität
für einen Moment ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens gestellt wurde. Der
Gegenstand, der im Spektakel ein Prestige hatte, wird vulgär, sobald er bei
diesem Konsumenten und gleichzeitig bei allen anderen eintritt. Zu spät bringt
er seine wesentliche Armut ans Tageslicht, die er natürlich vom Elend seiner
Produktion her hat. Aber schon trägt ein anderer Gegenstand die Rechtfertigung
des Systems und die Forderung, anerkannt zu werden.
70
Der Betrug der Befriedigung muß sich selbst denunzieren, indem er sich
erneuert, indem er die Veränderung der Produkte und der allgemeinen
Produktionsbedingungen verfolgt. Was mit der vollkommensten Unverschämtheit
seine eigene endgültige Vortrefflichkeit behauptet hat, ändert sich dennoch im
diffusen Spektakel, aber auch im konzentrierten Spektakel, und das System allein
muß fortdauern: Stalin wie die veraltete Ware werden von ebendenen denunziert,
die sie eingeführt haben. Jede neue Lüge der Werbung ist auch das Eingeständnis
ihrer vorigen Lüge. Jeder Sturz einer Gestalt der totalitären Gewalt offenbart
die illusorische Gemeinschaft, die sie einstimmig guthieß und die nur ein
Agglomerat von illusionslosen Einsamkeiten war.
71
Was das Spektakel als dauernd präsentiert, ist auf die Veränderung gegründet
und muß sich mit seiner Basis verändern. Das Spektakel ist absolut dogmatisch
und zugleich ist es ihm unmöglich, zu irgendeinem festen Dogma zu kommen. Für
das Spektakel hört nichts auf; dies ist sein natürlicher und dennoch seiner
Neigung entgegengesetztester Zustand.
72
Die durch das Spektakel ausposaunte irreale Einheit ist die Maske der
Klassenteilung, auf der die reale Einheit der kapitalistischen Produktionsweise
beruht. Was die Produzenten verpflichtet, an dem Erbauen der Welt teilzunehmen,
ist auch das, was sie davon ausschließt. Was die von ihren lokalen und
nationalen Schranken befreiten Menschen in Beziehung zueinander bringt, ist auch
das, was sie voneinander entfernt. Was zur Vertiefung des Rationellen
verpflichtet, ist auch das, was das Irrationelle der hierarchischen Ausbeutung
und der Repression nährt. Was die abstrakte Gewalt der Gesellschaft erzeugt,
erzeugt auch ihre konkrete Unfreiheit.
IV. Das Proletariat als Subjekt und als Repräsentation
„Gleiches Recht aller auf die Güter und die Genüsse dieser Welt, die Zerstörung
jeder Autorität und die Verneinung aller moralischen Schranken: das ist, wenn
man der Sache auf den Grund geht, der wesentliche Zweck des Aufstandes vom 18.
März und die Charta der gefürchteten Assoziation, die ihm eine Armee
verschaffte.“
Parlamentarische Untersuchung über den Aufstand des 18. März
73
Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt, regiert die
Gesellschaft seit dem Sieg der Bourgeoisie in der Wirtschaft, sichtbar aber
erst seit der politischen Übertragung dieses Sieges. Die Entwicklung der
Produktivkräfte hat die alten Produktionsverhältnisse gesprengt, und jede
statistische Ordnung zerfällt zu Staub. Alles, was absolut war, wird
geschichtlich.
74
Indem sie in die Geschichte geworfen sind, indem sie an der Arbeit und an den
Kämpfen, aus denen diese Geschichte besteht, teilnehmen müssen, sind die
Menschen gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen
anzusehen. Diese Geschichte hat kein anderes Objekt als das, was sie an sich
selbst verwirklicht, obwohl die letzte, bewußtlose, metaphysische Anschauung von
der geschichtlichen Epoche das produktive Fortschreiten, durch das sich die
Geschichte entfaltet hat, als eigentliches Objekt der Geschichte betrachten
kann. Das Subjekt der Geschichte kann nur das Lebende sein, das sich selbst
produziert und zum Herrn und Besitzer seiner Welt wird, – die die Geschichte ist
– und als Bewußtsein seines Spiels existiert.
75
Als ein und dieselbe Strömung entwickeln sich die Klassenkämpfe der langen
revolutionären Epoche, die durch den Aufstieg der Bourgeoisie eröffnet wurde,
und das Denken der Geschichte, d.h. die Dialektik, das Denken, das nicht mehr
bei der Suche nach dem Sinn des Seienden stehen bleibt, sondern sich zur
Erkenntnis der Auflösung alles Bestehenden erhebt, und in der Bewegung jede
Trennung auflöst.
76
Hegel hatte nicht mehr die Welt zu interpretieren, sondern die Veränderung der
Welt. Indem er die Veränderung nur interpretierte, ist er nur die
philosophische Vollendung der Philosophie. Er will eine Welt begreifen, die sich
selbst erzeugt. Dieses geschichtliche Denken ist nur erst das Bewußtsein, das
immer zu spät kommt und die Rechtfertigung post festum ausspricht. Es hat die
Trennung daher nur im Gedanken aufgehoben. Das Paradox, das darin besteht, den
Sinn jeder Realität von ihrer geschichtlichen Vollendung abhängen zu lassen und
zugleich, sich selbst als die Vollendung der Geschichte hinstellend, diesen
Sinn zu enthüllen, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß der Denker der
bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in seiner Philosophie
nur die Versöhnung mit deren Ergebnis gesucht hat.“ Sie drückt auch als
Philosophie der bürgerlichen Revolution nicht den ganzen Prozeß dieser
Revolution aus, sondern nur seinen letzten Abschluß. Sie ist insofern eine
Philosophie nicht der Revolution, sondern der Restauration.“ (Karl Korsch,
Thesen über Hegel und die Revolution.) Hegel hat zum letzten Mal die Arbeit des
Philosophen geleistet, „die Verklärung des Bestehenden“; aber schon für ihn
konnte das Bestehende nur die Totalität der geschichtlichen Bewegung sein. Da
die äußere Stellung des Gedankens in der Tat aufrechterhalten wurde, konnte sie
nur durch ihre Identifizierung mit einem vorausgehenden Vorhaben des Geistes,
des absoluten Helden verhüllt werden, der vollbracht hat, was er wollte, und
wollte, was er vollbracht hat, und dessen Erfüllung mit der Gegenwart
zusammenfällt. Daher kann die Philosophie, die im Denken der Geschichte stirbt,
ihre Welt nur noch dadurch verklären, daß sie sie verleugnet, denn um das Wort
zu ergreifen, muß sie bereits das Ende dieser totalen Geschichte, auf die sie
alles zurückgeführt hat, und den Schluß der Sitzung des einzigen Gerichts
voraussetzen, das das Urteil der Wahrheit fällen kann.
77
Wenn das Proletariat durch seine eigene Existenz in Taten offenbart, daß sich
dieses Denken der Geschichte nicht vergessen hat, ist das Dementi des Schlusses
zugleich auch die Bestätigung der Methode.
78
Das Denken der Geschichte kann nur dadurch gerettet werden, daß es praktisches
Denken wird, und die Praxis des Proletariats als revolutionäre Klasse kann
nicht weniger sein als das geschichtliche Bewußtsein, das auf die Totalität
seiner Welt wirkt. Alle theoretischen Strömungen der revolutionären
Arbeiterbewegung sind aus einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Hegelschen
Denken hervorgegangen, bei Marx ebenso wie bei Stirner und Bakunin.
79
Die Untrennbarkeit der Hegelschen Methode von der Marxschen Theorie ist selbst
untrennbar von dem revolutionären Charakter dieser Theorie, d.h. von ihrer
Wahrheit. Hierin ist diese erste Beziehung allgemein unbekannt geblieben oder
mißverstanden oder sogar als die Schwäche dessen angeprangert worden, was
trügerisch zu einer marxistischen Lehre wurde. In „Die Voraussetzungen des
Sozialismus und die Aufgabe der Sozialdemokratie“ enthüllt Bernstein vollkommen
diese Verbindung der dialektischen Methode mit der geschichtlichen Parteinahme,
wenn er die unwissenschaftlichen Voraussagen des Manifests von 1847 über das
nahe Bevorstehen der proletarischen Revolution in Deutschland beklagt: „Diese
geschichtliche Selbsttäuschung, wie sie der erste beste politische Schwärmer
kaum überbieten konnte, würde bei einem Marx, der schon damals ernsthaft
Ökonomie getrieben hatte, unbegreiflich sein, wenn man in ihr nicht das Produkt
eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik zu erblicken hätte, das Marx –
ebenso wie Engels – sein Lebtag nicht völlig losgeworden ist, das aber damals in
einer Zeit allgemeiner Gärung, ihm um so verhängnisvoller werden sollte.“
80
Die Umkehrung, die Marx zwecks einer „Hinüberrettung“ des Denkens der
bürgerlichen Revolution vornimmt, besteht nicht trivialerweise darin, durch die
materialistische Entwicklung der Produktivkräfte das Fortschreiten des
Hegelschen Geistes zu ersetzen der sich selbst in der Zeit entgegen geht,
dessen Vergegenständlichung mit seiner Entäußerung identisch ist und dessen
geschichtliche Wunden keine Narben zurücklassen. Die wirklich gewordene
Geschichte hat kein Ende mehr. Marx hat die getrennte Stellung Hegels angesichts
dessen, was geschieht, und die Kontemplation jedes äußeren, höchsten Agenten
zugrunde gerichtet. Die Theorie hat nur noch zu erkennen, was sie tut. Im
Gegenteil ist die Kontemplation der Wirtschaftsbewegung im herrschenden Denken
der gegenwärtigen Gesellschaft das nicht umgekehrte Erbe des undialektischen
Teils des Hegelschen Versuchs eines kreisförmigen Systems; sie ist eine
Billigung, die die Dimension des Begriffs verloren hat und die kein
Hegelianertum mehr braucht, um sich zu rechtfertigen, denn die Bewegung, die es
zu loben gilt, ist nur mehr ein gedankenloser Bereich der Welt, dessen
mechanische Entwicklung tatsächlich das Ganze beherrscht. Das Marxsche Projekt
ist das einer bewußten Geschichte. Das Quantitative, das in der blinden
Entwicklung der bloß wirtschaftlichen Produktivkräfte entsteht, muß sich in
eine qualitative geschichtliche Aneignung verwandeln. Die Kritik der politischen
Ökonomie ist der erste Akt dieses Endes der Vorgeschichte. „Von allen
Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse
selbst.“
81
Was die Marxsche Theorie eng mit dem wissenschaftlichen Denken verbindet, ist
das rationelle Begreifen der Kräfte, die in der Gesellschaft walten. Aber sie
ist grundlegend ein Jenseits des wissenschaftlichen Denkens, in dem dieses nur
als aufgehobenes aufbewahrt wird: es geht um ein Begreifen des Kampfes und
keineswegs des Gesetzes. „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die
Wissenschaft der Geschichte“ heißt es in der deutschen Ideologie.
82
Die bürgerliche Epoche, die die Geschichte wissenschaftlich begründen will,
übersieht die Tatsache, daß diese verfügbare Wissenschaft vielmehr mit der
Ökonomie geschichtlich begründet werden sollte. Umgekehrt hängt die Geschichte
radikal von dieser Kenntnis ab, aber nur insofern, als diese Geschichte
Wirtschaftsgeschichte bleibt. Wieweit im übrigen der Anteil der Geschichte an
der Wirtschaft selbst – der Gesamtprozeß, der seine eigenen wissenschaftlichen
Grundvoraussetzungen verändert – von dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen
Grundvoraussetzungen verändert – von dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen
Beobachtung übersehen werden konnte, wird durch die Nichtigkeit der
sozialistischen Berechnungen gezeigt, die die exakte Periodizität der Krisen
festgestellt zu haben glaubten, und seitdem es der ständigen Intervention des
Staates gelungen ist, die Wirkung der Krisentendenzen zu kompensieren, sieht
dieselbe Art von Beweisführung in diesem Gleichgewicht eine endgültige
wirtschaftliche Harmonie. Das Projekt, die Wirtschaft zu überwinden, von der
Geschichte Besitz zu ergreifen, kann nicht selbst wissenschaftlich sein, auch
wenn es die Wissenschaft der Gesellschaft kennen (und zu sich zurückführen) muß.
In dieser letzten Bewegung, die die gegenwärtige Geschichte durch eine
wissenschaftliche Erkenntnis zu beherrschen glaubt, ist der revolutionäre
Standpunkt bürgerlich geblieben.
83
Obwohl sie selbst in der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Organisation
geschichtlich begründet sind, können die utopischen Strömungen des Sozialismus
mit Recht als utopisch angesprochen werden, in dem Maße wie sie die Geschichte
ablehnen – d.h. den stattfindenden wirklichen Kampf, ebenso wie die Bewegung
der Zeit jenseits der unbeweglichen Vollkommenheit ihres Bildes von einer
glücklichen Gesellschaft -, nicht jedoch, weil sie die Wissenschaft ablehnen.
Die utopischen Denker sind im Gegenteil ganz und gar vom wissenschaftlichen
Denken beherrscht, wie es sich in den vorigen Jahrhunderten durchgesetzt hatte.
Sie suchen die Vollendung dieses allgemeinen rationellen Systems: sie betrachten
sich keineswegs als entwaffnete Propheten, denn Sie glauben an die
gesellschaftliche Macht der wissenschaftlichen Beweisführung und sogar, im Fall
des Saint-Simonismus an die Machtergreifung durch die Wissenschaft. Wie fragt
Sombart, „sollte etwas, das durch Aufklärung, höchstens durch Beispiele in
seiner Vollkommenheit bewiesen werden soll, ertrotzt werden können im Kampf?“
Die wissenschaftliche Auffassung der Utopisten erstreckt sich jedoch nicht auf
die Erkenntnis, daß gesellschaftliche Gruppen in einer bestehenden Situation
Interessen haben und Kräfte, um sie aufrechtzuerhalten, sowie Formen falschen
Bewußtseins, die solchen Stellungen entsprechen. Sie bleibt daher weit diesseits
der geschichtlichen Realität der Wissenschaftsentwicklung selbst, deren
Richtung weitgehend von der aus solchen Faktoren hervorgegangenen
gesellschaftlichen Nachfrage bestimmt wurde, die nicht nur das auswählt, was
zugelassen, sondern auch das, was erforscht werden kann. Die utopischen
Sozialisten, die Gefangene der Darstellungsweise der wissenschaftlichen Wahrheit
geblieben sind, begreifen diese Wahrheit nach ihrem reinen abstrakten Bild, wie
es sich in einem sehr viel früheren Stadium der Gesellschaft durchgesetzt haue.
Die Utopisten wollen, wie Sorel bemerkte, die Gesetze der Gesellschaft nach dem
Modell der Astronomie entdecken und nachweisen. Die von ihnen erstrebte
Harmonie, die der Geschichte feindlich ist, ergibt sich aus einem Versuch, die
von der Geschichte am wenigsten abhängige Wissenschaft auf die Gesellschaft
anzuwenden. Diese Harmonie sucht ihre Anerkennung mit der gleichen
experimentellen Unschuld wie der Newtonismus, und das ständig postulierte
glückliche Menschenlos „spielt in ihrer Gesellschaftswissenschaft eine Rolle,
die derjenigen der Trägheit in der rationellen Mechanik analog ist“ (Materiaux
pour une theorie du proletariat).
84
Gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war die
Bresche, durch die der Prozeß der „ldeologisierung“ noch zu seinen Lebzeiten
eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene theoretische
Erbe. Die Ankunft des Subjekts der Geschichte wird noch auf später verschoben,
und die geschichtliche Wissenschaft par excellende, d.h. die Ökonomie, strebt
immer weitgehender darauf hin, die Notwendigkeit ihrer eigenen zukünftigen
Negation zu garantieren. Aber dadurch wird die revolutionäre Praxis, die die
einzige Wahrheit dieser Negation ist, aus dem Bereich der theoretischen
Anschauung verstoßen. Daher gilt es, geduldig die wirtschaftliche Entwicklung zu
studieren und noch das daraus erfolgende Leid mit einer Hegelschen Ruhe zu
dulden, was im Resultat „Friedhof der guten Absichten“ bleibt. Man entdeckt,
daß jetzt, der Wissenschaft der Revolutionen zufolge, das Bewußtsein immer zu
früh kommt und belehrt werden muß. „Die Geschichte hat uns und allen, die
ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der
ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif
war…“, sagt Engels 1895. Sein ganzes Leben lang hat Marx den einheitlichen
Gesichtspunkt seiner Theorie aufrechterhalten, aber die Darlegung seiner
Theorie hat sich auf den Boden des herrschenden Denkens begeben, indem sie sich
in der Form von Kritiken besonderer Disziplinen, hauptsächlich der Kritik der
grundlegenden Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, der politischen
Ökonomie, präzisiert. Diese Verstümmelung, die später als endgültig akzeptiert
wurde, hat den „Marxismus“ gebildet.
85
Der Mangel in der Marxschen Theorie ist natürlich der Mangel des revolutionären
Kampfes des Proletariates seiner Epoche. Die Arbeiterklasse im Deutschland von
1848 hat nicht die Revolution in Permanenz dekretiert; die Kommune wurde in der
Isolierung besiegt. Die revolutionäre Theorie kann daher noch nicht ihre eigene
vollständige Existenz erreichen. Darauf angewiesen zu sein, diese Theorie in der
Absonderung der Gelehrtenarbeit im British Museum zu verteidigen und zu
präzisieren, implizierte einen Verlust in der Theorie selbst. Gerade die auf die
Zukunft der Entwicklung der Arbeiterklasse bezogenen wissenschaftlichen
Rechtfertigungen und die mit ihnen verbundene organisatorische Praxis sollten in
einem weiter fortgeschrittenen Stadium zu Hindernissen für das proletarische
Bewußtsein werden.
86
Die ganze theoretische Mangelhaftigkeit bei der wissenschaftlichen Verteidigung
der proletarischen Revolution kann, sowohl was den Inhalt als was die Form der
Darstellung angeht, auf eine Identifizierung des Proletariats mit der
Bourgeoisie unter dem Gesichtspunkt der revolutionären Machtergreifung
zurückgeführt werden.
87
Die Tendenz, eine Beweisführung der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit der
proletarischen Gewalt durch den Bezug auf wiederholte Experimente der
Vergangenheit zu begründen, verdunkelt schon vom Manifest an das Marxsche Denken
der Geschichte, indem sie ihn dazu veranlaßt, ein lineares Bild der Entwicklung
der Produktionsweisen aufzustellen, die von Klassenkämpfen mitgerissen wird,
welche angeblich jedesmal „mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen
Gesellschaft oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ enden.
Aber ebenso wie in der beobachtbaren Realität der Geschichte „die asiatische
Produktionsweise“, wie Marx an anderer Stelle betonte, ihre Unbeweglichkeit
trotz aller Klassenauseinandersetzungen behalten hat, so wurden auch weder die
Barone von den Aufständen der Leibeigenen, noch die Freien von den
Sklavenrevolten des Altertums je besiegt. Im linearen Schema ist zunächst die
Tatsache aus dem Blickfeld entschwunden, daß die Bourgeoisie die einzige
revolutionäre Klasse ist, die jemals gesiegt hat und daß sie zugleich die
einzige Klasse ist, für die die Entwicklung der Wirtschaft Grund und Folge
ihrer Beschlagnahme der Gesellschaft war. Die gleiche Vereinfachung hat Marx
dazu verleitet, die wirtschaftliche Rolle des Staates bei der Verwaltung einer
Klassengesellschaft zu vernachlässigen. Wenn die aufsteigende Bourgeoisie die
Wirtschaft vom Staat zu befreien schien, dann nur insoweit, als der alte Staat
zugleich das Instrument einer Klassenunterdrückung in einer statischen
Wirtschaft war. Die Bourgeoisie hat ihre autonome wirtschaftliche Macht in der
mittelalterlichen Periode des Schwächerwerdens des Staates, im Moment feudaler
Zerstückelung gleichgewichtiger Gewalten entwickelt. Aber der moderne Staat, der
durch den Merkantilismus die Entwicklung der Bourgeoisie zu unterstützen begann
und der schließlich zur Zeit des „laisse faire, laisser passer“ zu ihrem Staat
wurde, wird sich später als Inhaber einer zentralen Macht in der kalkulierten
Verwaltung des wirtschaftlichen Prozesses zeigen. Marx konnte jedoch im
Bonapartismus diesen Entwurf der modernen staatlichen Bürokratie beschreiben,
nämlich die Fusion von Kapital und Staat, die Bildung einer „nationalen Macht
des Kapitals über die Arbeit, einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der
Arbeit“, wo die Bourgeoisie auf jedes geschichtliche Leben verzichtet, das
nicht seine Reduzierung auf die wirtschaftliche Geschichte der Dinge ist und
gerne „neben den anderen Klassen zur gleichen politischen Nichtigkeit verdammt“
werden will. Hier sind bereits die sozialpolitischen Grundlagen des modernen
Spektakels gelegt, das negativ das Proletariat als einzigen Bewerber um das
geschichtliche Leben definiert.
88
Die zwei einzigen Klassen, die tatsächlich der Marxschen Theorie entsprechen,
die zwei reinen Klassen, zu denen die gesamte Analyse in Das Kapital hinführt,
die Bourgeoisie und das Proletariat, sind auch die beiden einzigen
revolutionären Klassen der Geschichte, aber unter verschiedenen Bedingungen:
die bürgerliche Revolution hat stattgefunden, die proletarische Revolution ist
ein Projekt, das auf der Grundlage der vorangegangenen Revolutionen entstand,
jedoch von ihr qualitativ verschieden. Wenn man die Originalität der
geschichtlichen Rolle der Bourgeoisie übersieht, verdeckt man die konkrete
Originalität dieses proletarischen Projekts, das nur etwas erreichen kann,
insofern es seine eigenen Farben trägt und die „gewaltige Größe seiner Aufgaben“
kennt. Die Bourgeoisie ist zur Macht gelangt, weil sie die Klasse der sich
entwickelnden Wirtschaft ist. Das Proletariat kann seinerseits die Macht sein,
aber nur wenn es zur Klasse des Bewußtseins wird. Das Reifen der
Produktivkräfte kann eine solche Macht nicht garantieren, und dies auch nicht
auf dem Umweg der gesteigerten Enteignung, die dieses Reifen begleitet. Die
jakobinische Eroberung des Staates kann nicht das Instrument des Proletariats
sein. Keine Ideologie kann ihm helfen, Teilzwecke in Gesamtzwecke zu verkleiden,
denn es kann keine Teilrealität aufbewahren, die ihm tatsächlich gehörte.
89
Wenn Marx in einer bestimmten Periode seiner Teilnahme am Kampf des
Proletariats zu viel von der wissenschaftlichen Vorhersage erwartet hat, so
viel, daß er die intellektuelle Basis der Illusionen des Ökonomismus schuf, so
wissen wir doch, daß er persönlich ihm nicht verfiel. In einem wohlbekannten
Brief vom 7. Dezember 1867, der einen Artikel begleitete, worin er selbst Das
Kapital kritisiert und den Engels in die Presse bringen sollte, als ob er von
einem Gegner stammte, hat Marx klar die Grenze seiner eigenen Wissenschaft
dargelegt: „Die subjektive Tendenz des Verfassers dagegen – er war vielleicht
durch seine Parteistellung und Vergangenheit gebunden und verpflichtet dazu -,
d.h. die Manier, wie er sich und anderen das Endresultat der jetzigen Bewegung,
des jetzigen gesellschaftlichen Prozesses vorstellt, hat mit seiner wirklichen
Entwicklung gar nichts zu schaffen.“ Also dadurch, daß er selbst die
„tendenziellen Schlußfolgerungen“ seiner objektiven Analyse denunziert und
durch die Ironie des „vielleicht“ in Bezug auf die außerwissenschaftlichen
Entscheidungen, zu denen er verpflichtet gewesen sei, zeigt Marx gleichzeitig
den methodologischen Schlüssel für die Verschmelzung der beiden Aspekte.
90
Im geschichtlichen Kampf selbst muß die Verschmelzung des Erkennens mit dem
Handeln verwirklicht werden, so daß jede dieser Seiten die andere zur Garantie
ihrer eigenen Wahrheit macht. Die Herausbildung der proletarischen Klasse als
Subjekt ist die Organisation der revolutionären Kämpfe und die Organisation der
Gesellschaft im revolutionären Augenblick: hier müssen die praktischen
Bedingungen des Bewußtseins vorhanden sein, in denen sich die Theorie der
Praxis bestätigt, indem sie zu praktischer Theorie wird. Diese zentrale Frage
der Organisation wurde jedoch von der revolutionären Theorie in der Epoche am
wenigsten in Betracht gezogen, in der die Arbeiterbewegung entstand, d.h. als
diese Theorie noch den aus dem Denken der Geschichte stammenden einheitlichen
Charakter besaß (und sie hatte es sich gerade zur Aufgabe gemacht, ihn bis zu
einer einheitlichen geschichtlichen Praxis zu entwickeln). Diese Frage ist im
Gegenteil der Ort der Inkonsequenz dieser Theorie, die die Wiederbelebung
staatlicher und hierarchischer Anwendungsmethoden zuließ, die der bürgerlichen
Revolution entlehnt wurden. Die Organisationsformen der Arbeiterbewegung, die
auf der Grundlage dieses Verzichtes der Theorie entwickelt wurden, haben
ihrerseits dahin tendiert, die Erhaltung einer einheitlichen Theorie zu
verhindern, indem sie diese in spezialisierte und parzellierte Kenntnisse
auflösten. Diese ideologische Entfremdung der Theorie ist folglich außerstande,
die praktische Bewährung des von ihr verratenen einheitlichen geschichtlichen
Denkens wiederzuerkennen, wenn eine solche Bewährung im spontanen Kampf der
Arbeiter plötzlich hervortritt; sie kann lediglich dazu beitragen, ihre
Äußerung und ihre Erinnerung zu unterdrücken. Diese im Kampf aufgetauchten
geschichtlichen Formen sind jedoch gerade das praktische Milieu, das der
Theorie fehlte, um wahr zu sein. Sie sind eine Forderung der Theorie; die jedoch
nicht theoretisch formuliert worden war. Der Sowjet war keine Entdeckung der
Theorie. Und schon die höchste theoretische Wahrheit der Internationalen
Arbeiter Assoziation war ihr eigenes arbeitendes Dasein.
91
Die ersten Erfolge des Kampfes der Internationale brachten sie dazu, sich von
den konfusen Einflüssen der herrschenden Ideologie zu befreien, die in ihr
fortbestanden. Aber die Niederlage und die Unterdrückung, die sie bald erfuhr,
stellten einen Konflikt zwischen zwei Auffassungen der proletarischen
Revolution in den Vordergrund, die beide eine autoritäre Dimension beinhalten,
durch welche die bewußte Selbstbefreiung der Klasse aufgegeben wird.
Tatsächlich war der unversöhnlich gewordene Streit zwischen Marxisten und
Bakunisten zweifach, indem er zugleich die Macht in der revolutionären
Gesellschaft und die gegenwärtige Organisation der Bewegung betraf, und beim
Übergang von dem einen dieser Aspekte zu dem anderen kehren sich die Positionen
der Gegner um. Bakunin bekämpfte die lllusion einer Abschaffung der Klassen
durch den autoritären Gebrauch der Staatsmacht, weil er die Neubildung einer
herrschenden bürokratischen Klasse und die Diktatur der Gelehrtesten oder
derer, die dafür gehalten werden, voraussah. Marx, der glaubte, daß ein
untrennbares Reifen der wirtschaftlichen Widersprüche und der demokratischen
Erziehung der Arbeiter die Rolle des proletarischen Staates auf eine einfache
Phase der Legalisierung neuer gesellschaftlicher Beziehungen, die sich objektiv
durchsetzen, beschränken würde, denunzierte bei Bakunin und seinen Anhängern
den Autoritarismus einer konspirativen Elite, die sich absichtlich über die
Internationale gestellt hatte, mit der extravaganten Absicht, der Gesellschaft
die unverantwortliche Diktatur der Revolutionärsten oder derer, die sich als
solche werden bezeichnet haben, aufzuzwingen. Bakunin sammelte tatsächlich
seine Anhänger in einer derartigen Perspektive: „Als unsichtbare Piloten müssen
wir den Volkssturm aus seiner Mitte heraus lenken, aber nicht durch eine
offensichtliche Gewalt, sondern durch die kollektive Diktatur aller Verbündeten.
Durch eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel und ohne offizielles Recht, die
aber um so mächtiger ist, als sie nicht den äußeren Schein der Gewalt besitzt“.
So haben sich zwei entgegengesetzte ldeologien der Arbeiterrevolution bekämpft,
die beide eine zum Teil wahre Kritik enthielten, aber die Einheit des Denkens
der Geschichte verloren und sich selbst als ideologische Autorität errichteten.
Mächtige Organisationen, wie die deutsche Siozialdemokratie und die Iberische
Anarchistische Förderation, haben treu der einen oder der anderen dieser
Ideologien gedient; und überall unterschied sich das Ergebnis weit von dem, was
gewollt war.
92
Den Zweck der proletarischen Revolution als unmittelbar gegenwärtig anzusehen,
bildet zugleich die Größe und die Schwäche des wirklichen anarchistischen
Kampfes (denn in seinen individualistischen Varianten bleiben die Ansprüche des
Anarchismus lächerlich). Vom geschichtlichen Denken der modernen Klassenkämpfe
behält der kollektivistische Anarchismus einzig die Schlußfolgerung, und seine
absolute Forderung nach dieser Schlußfolgerung äußert sich gleichfalls durch
seine entschlossene Verachtung der Methode. Seine Kritik des politischen Kampfes
ist daher abstrakt geblieben, während seine Wahl des wirtschaftlichen Kampfes
selbst nur gemäß der lllusion einer endgültigen Lösung behauptet wird, welche
mit einem Schlag am Tag des Generalstreiks oder des Aufstandes auf diesem Boden
erkämpft wird. Die Anarchisten haben ein Ideal zu verwirklichen. Der Anarchismus
ist die noch ideologische Negation des Staates und der Klassen, d.h. der
gesellschaftlichen Bedingungen selbst der abgesonderten Ideologie. Er ist die
Ideologie der reinen Freiheit, die alles gleichmacht und jede Idee des
geschichtlichen Übels beseitigt. Dieser Gesichtspunkt der Fusion aller
Teilforderungen hat dem Anarchismus das Verdienst eingebracht, die Ablehnung
aller bestehenden Verhältnisse für die Gesamtheit des Lebens zu repräsentieren
und nicht hinsichtlich einer privilegierten kritischen Spezialisierung, aber da
diese Fusion im Absoluten, nach der individuellen Laune, vor ihrer
tatsächlichen Verwirklichung, betrachtet wird, hat sie den Anarchismus auch zu
einer allzu leicht merklichen Zusammenhangslosigkeit verdammt. Der Anarchismus
hat nur in jedem Kampf seine gleiche einfache totale Schlußfolgerung zu
wiederholen und wieder aufs Spiel zu setzen, denn diese erste Schlußfolgerung
war von Anfang an mit der vollständigen Vollendung der Bewegung gleichgesetzt
worden. Bakunin konnte daher im Jahre 1873, als er die Föderation des Jura
verließ, schreiben: „In den letzten neun Jahren wurden innerhalb der
Internationale mehr Ideen entwickelt als nötig sind, um die Welt zu retten,
wenn Ideen allein die Welt retten könnten, und ich glaube nicht, daß irgend
jemand imstande ist, noch eine neue zu erfinden. Die Zeit der Ideen ist vorbei,
die Zeit für Tatsachen und Taten ist gekommen.“ Ohne Zweifel behält diese
Auffassung vom geschichtlichen Denken des Proletariats diese Gewißheit, daß die
Ideen praktisch werden müssen, aber sie verläßt den geschichtlichen Boden, wenn
sie voraussetzt, daß die adäquaten Formen für diesen Übergang zur Praxis schon
gefunden sind und nicht mehr verändert werden.
93
Die Anarchisten, die sich ausdrücklich von der Gesamtheit der Arbeiterbewegung
durch ihre ideologische Überzeugung unterscheiden, reproduzieren untereinander
diese Trennung der Kompetenzen, indem sie einen günstigen Boden für die
informelle Herrschaft der Propagandisten und Verteidiger ihrer eigenen
Ideologie über jede anarchistische Organisation schaffen, und diese Spezialisten
sind im allgemeinen um so mittelmäßiger, als ihre intellektuelle Tätigkeit
hauptsächlich darauf ausgeht, einige endgültige Wahrheiten zu wiederholen. Die
ideologische Achtung vor der Einstimmigkeit in der Entscheidung hat vielmehr
die unkontrollierte Autorität von Spezialisten der Freiheit in der Organisation
selbst begünstigt, und der revolutionäre Anarchismus erwartet vom befreiten Volk
die gleiche Art von Einstimmigkeit, welche mit den gleichen Mitteln erreicht
wird. Im übrigen hat die Weigerung, den Gegensatz zwischen den Bedingungen einer
im derzeitigen Kampf gruppierten Minderheit und denen der Gesellschaft freier
Individuen in Betracht zu ziehen, eine ständige Trennung der Anarchisten im
Moment der gemeinsamen Entscheidung genährt, wie das Beispiel einer Unzahl
anarchistischer Aufstände in Spanien zeigt, die örtlich begrenzt waren und
örtlich niedergeschlagen wurden.
94
Die im echten Anarchismus mehr oder weniger ausdrücklich unterhaltene Illusion
ist das ständige nahe Bevorstehen einer Revolution, die der Ideologie und der
aus ihr abgeleiteten praktischen Organisationsform durch ihre augenblickliche
Vollendung Recht geben soll. Der Anarchismus hat 1936 wirklich eine soziale
Revolution und den fortgeschrittensten Entwurf einer proletarischen Gewalt
geleitet, den es jemals gegeben hat. In diesem Umstande ist noch zu bemerken,
daß einerseits das Signal eines allgemeinen Aufstandes durch das Pronunciamento
der Armee aufgezwungen worden war. Indem diese Revolution in den ersten Tagen
nicht vollendet worden war, nämlich aufgrund der Existenz einer Franquistischen
Macht in der Hälfte des Landes, die stark vom Ausland unterstützt wurde,
während die restliche internationale proletarische Bewegung bereits besiegt
war, und aufgrund des Fortbestandes bürgerlicher Kräfte oder anderer
staatssozialistischer Arbeiterparteien im Lager der Republik, zeigte sich
andererseits die organisierte Anarchistenbewegung unfähig, die halben Siege der
Revolution auszudehnen oder selbst zu verteidigen. Ihre anerkannten Chefs
wurden Minister und Geiseln des bürgerlichen Staates, der die Revolution
zerschlug, um den Bürgerkrieg zu verlieren.
95
Der „orthodoxe Marxismus“ der II. Internationale ist die wissenschaftliche
Ideologie der sozialistischen Revolution, die ihre ganze Wahrheit mit dem
objektiven Prozeß in der Wirtschaft und mit dem Fortschritt einer Anerkennung
dieser Notwendigkeit in der von der Organisation erzogenen Arbeiterklasse
identisch setzt. Diese Ideologie findet das Vertrauen in die pädagogische
Beweisführung wieder, das den utopischen Sozialismus charakterisiert hatte,
ergänzt es aber durch eine kontemplative Bezugnahme auf den Lauf der Geschichte:
eine derartige Haltung hat jedoch ebenso die Hegelsche Dimension einer totalen
Geschichte wie auch das unbewegliche Bild der Totalität verloren, das in der
utopischen Kritik (am stärksten bei Fourier) vorhanden war. Aus einer solchen
wissenschaftlichen Haltung, der natürlich nichts anderes übrig blieb, als
zumindest symmetrische sittliche Alternativen wiederzubeleben, stammen die
Albernheiten Hilferdings, wenn er präzisiert, daß die Anerkennung der
Notwendigkeit des Sozialismus keine „Anweisung zu praktischem Verhalten ist.
Denn etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes, sich
in den Dienst dieser Notwendigkeit zu stellen“ (Das Finanzkapital). Diejenigen,
die verkannt haben, daß für Marx und das revolutionäre Proletariat das
einheitliche geschichtliche Denken von einer anzunehmenden praktischen Haltung
nicht zu unterscheiden war, mußten normalerweise Opfer der Praxis werden, die
sie gleichzeitig angenommen hatten.
96
Die Ideologie der sozialdemokratischen Organisation stellte sie unter die
Gewalt der Lehrer, die die Arbeiterklasse erzogen, und die angenommene
Organisationsform war die adäquate Form dieser passiven Schulung. Die Teilnahme
der Sozialisten der II. Internationale an den politischen und wirtschaftlichen
Kämpfen war ohne Zweifel konkret, aber zutiefst unkritisch. Sie wurde im Namen
der revolutionären Illusion, gemäß einer offenbar reformistischen Praxis
geführt. So sollte die revolutionäre Ideologie gerade durch den Erfolg derer
zerschlagen werden, die ihre Träger waren. Die Absonderung der Abgeordneten und
der Journalisten in der Bewegung verleitete diejenigen, die ohnehin schon unter
den bürgerlichen Intellektuellen abgeworben worden waren, zur bürgerlichen
Lebensweise. Die Gewerkschaftsbürokratie machte gerade diejenigen, die aus den
Kämpfen der Industriearbeiter heraus abgeworben und aus ihnen herausgezogen
worden waren, zu Maklern der als Ware zu ihrem gerechten Preis zu verkaufenden
Arbeitskraft. Damit ihrer aller Tätigkeit etwas Revolutionäres behalten hätte,
wäre es erforderlich gewesen, daß der Kapitalismus in diesem Moment außerstande
gewesen wäre, diesen Reformismus, den er politisch in ihrer legalistischen
Agitation tolerierte, wirtschaftlich zu tragen. Eine solche Unverträglichkeit
wurde von ihrer Wissenschaft gesichert und von der Geschichte jederzeit
widerlegt.
97
Dieser Widerspruch, dessen Realität Bernstein ehrlich aufzeigen wollte, weil er
der Sozialdemokrat war, der von der politischen Ideologie am weitesten entfernt
war und sich am offensten der Methodologie der bürgerlichen Wissenschaft
angeschlossen hatte, – diese Realität wurde auch von der reformistischen
Bewegung der englischen Arbeiter aufgezeigt, indem sie auf eine revolutionäre
Ideologie verzichtete -, sollte dennoch erst durch die geschichtliche
Entwicklung selbst unwiderlegbar bewiesen werden. Bernstein hatte, obwohl er im
übrigen voll von Illusionen war, bestritten, daß eine Krise der
kapitalistischen Produktion auf wunderbare Weise die Sozialisten zur Tat
zwingen würde, die nur durch eine legitime Salbung die Erbschaft der Revolution
antreten wollten. Der Augenblick tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzung,
der mit dem ersten Weltkrieg eintrat, bewies zweimal, wenn er auch an
Bewußtseinsbildung fruchtbar war, daß die sozialdemokratische Hierarchie die
deutschen Arbeiter nicht revolutionär erzogen hatte, sie in keiner Weise zu
Theoretikern gemacht hatte: zuerst, als sich die große Mehrheit der Partei dem
imperialistischen Krieg anschloß und dann, als sie in der Niederlage die
spartakistischen Revolutionäre zermalmte. Der Exarbeiter Ebert glaubte noch an
die Sünde, denn er gab zu, die Revolution „wie die Sünde“ zu hassen. Und dieser
gleiche Arbeiterführer erwies sich später als guter Vorläufer der
sozialistischen Repräsentation, die sich wenig später dem Proletariat in
Rußland und anderswo als absoluter Feind entgegenstellen sollte, als er das
genaue Programm dieser neuen Entfremdung formulierte: „Sozialismus heißt viel
arbeiten.“
98
Lenin war als marxistischer Denker nur der konsequente und treue Kautskyaner,
der die revolutionäre Ideologie dieses „orthodoxen Marxismus“ unter den
russischen Bedingungen anwandte, die die reformistische Praxis nicht zuließen,
welche im Gegenteil von der II. Internationale durchgeführt wurde. Die äußere
Führung des Proletariats, die vermittels einer den zu „Berufsrevolutionären“
gewordenen Intellektuellen unterstellten, disziplinierten, geheimen Partei
handelt, besteht hier in einem Beruf, der mit keinem Führungsberuf der
kapitalistischen Gesellschaft paktieren will (übrigens war das politische
Regime des Zarismus außerstande, eine solche Öffnung zu bieten, deren Basis in
einem fortgeschrittenen Stadium der Macht der Bourgeoisie besteht). Sie wird
also zum Beruf der absoluten Führung der Gesellschaft.
99
Der autoritäre ideologische Radikalismus der Bolschewisten hat sich mit dem
Krieg und dem Zusammenbruch der internationalen Sozialdemokratie angesichts des
Krieges weltweit entfaltet. Das blutige Ende der demokratischen Illusionen der
Arbeiterbewegung hatte aus der ganzen Welt ein Rußland gemacht, und der
Bolschewismus, der den ersten revolutionären Bruch, den diese Krisenepoche mit
sich gebracht hatte, beherrschte, bot dem Proletariat aller Länder sein
hierarchisches und ideologisches Modell an, um mit der herrschenden Klasse
„russisch zu sprechen“. Lenin hat dem Marxismus der II. Internationale nicht
vorgeworfen, eine revolutionäre ldeologie zu sein, sondern keine mehr zu sein.
100
Derselbe geschichtliche Moment, in dem der Bolschewismus in Rußland für sich
selbst siegte, und die Sozialdemokratie siegreich für die alte Welt kämpfte,
bezeichnet die vollendete Entstehung einer Ordnung der Dinge, welche im
Mittelpunkt der Herrschaft des modernen Spektakels steht: die
Arbeiterrepräsentation hat sich radikal der Klasse entgegensetzt.
101
„In allen früheren Revolutionen“, schrieb Rosa Luxemburg in der Roten Fahne vom
21. Dezember 1918, „traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken:
Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm. In der heutigen Revolution treten
die Schutzgruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen
der herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer „sozialdemokratischen
Partei“ in die Schranken. Würde die Kardinalfrage der Revolution offen und
ehrlich: Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifeln, ein Schwanken wäre
in der großen Masse des Proletariats heute unmöglich“. So entdeckte die
radikale Strömung des deutschen Proletariats wenige Tage vor ihrer Zerstörung
das Geheimnis der neuen Bedingungen, die der gesamte vorherige Prozeß (zu dem
die Arbeiterrepräsentation erheblich beigetragen hatte) geschaffen hatte: die
spektakuläre Organisation der Verteidigung der bestehenden Ordnung, das
gesellschaftliche Reich des Scheins, wo keine „Kardinalfrage“ mehr „offen und
ehrlich“ gestellt werden kann. Die revolutionäre Repräsentation des
Proletariats war in diesem Stadium zugleich der Hauptfaktor und das zentrale
Ergebnis der allgemeinen Verfälschung der Gesellschaft geworden.
102
Die Organisation des Proletariats nach dem bolschewistischen Modell, die aus
der russischen Rückständigkeit und dem Verzicht der Arbeiterbewegung der
fortgeschrittenen Länder auf den revolutionären Kampf entstanden war, traf auch
in der russischen Rückständigkeit alle Bedingungen, durch welche diese
Organisationsform zur konterrevolutionären Verkehrung geführt wurde, die sie
bewußtlos in ihrem Urkeim enthielt; und der wiederholte Verzicht der Masse der
europäischen Arbeiterbewegung auf das Hic Rhodus, hic salta der Periode 1918
-1920, dieser Verzicht, der die gewaltsame Zerstörung ihrer radikalen
Minderheit einschloß, begünstigte die vollständige Entwicklung des Prozesses
und so konnte sich dessen verlogenes Ergebnis vor der Welt als die einzige
proletarische Lösung behaupten. Die Ergreifung des staatlichen Monopols der
Repräsentation und der Verteidigung der Macht der Arbeiter, die die
bolschewistische Partei rechtfertigte, ließ sie zu dem werden, was sie war: die
Partei der Eigentümer des Proletariats, die die vorherigen Formen des Eigentums
im wesentlichen beseitigte.
103
Alle die Bedingungen der Liquidierung des Zarismus, die in der stets
unbefriedigenden theoretischen Debatte der verschiedenen Tendenzen der
russischen Sozialdemokratie seit zwanzig Jahren in Betracht gezogen wurden –
Schwäche der Bourgeoisie, Gewicht der Bauernmehrheit, entscheidende Rolle eines
konzentrierten und schlagkräftigen, aber im Lande höchst minoritären
Proletariats – zeigten endlich ihre Lösung in der Praxis durch eine
Gegebenheit, die in den Hypothesen nicht vorhanden war: die revolutionäre
Bürokratie, die das Proletariat führte, gab, indem sie den Staat ergriff, der
Gesellschaft eine neue Klassenherrschaft. Die rein bürgerliche Revolution war
unmöglich, die „demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern“ war sinnlos, die
proletarische Macht der Sowjets konnte sich nicht gleichzeitig gegen die Klasse
der besitzenden Bauern, gegen die nationale und internationale weiße Reaktion
und gegen ihre eigene Repräsentation behaupten, welche als Arbeiterpartei der
absoluten Herren des Staates, der Wirtschaft, der Rede und bald auch des Denkens
entäußert und entfremdet war. Die Theorie der permanenten Revolution von
Trotzki und Parvus, der sich Lenin tatsächlich im April 1917 anschloß, war die
einzige, die für die im Verhältnis zur gesellschaftlichen Entwicklung der
Bourgeoisie zurückgebliebenen Länder wahr wurde, aber dies erst nach der
Einführung dieses unbekannten Faktors: der Klassengewalt der Bürokratie. Die
Konzentration der Diktatur in den Händen der obersten Repräsentation der
Ideologie wurde in den zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der
bolschewistischen Führung am konsequentesten von Lenin verteidigt. Lenin hatte
gegenüber seinen Gegnern jedesmal insofern Recht, als er die Lösung
unterstützte, die die vorangegangenen Entscheidungen der minoritären absoluten
Macht implizierten: die den Bauern staatlich verweigerte Demokratie mußte auch
den Arbeitern verweigert werden, was darauf hinauslief, sie auch den
kommunistischen Gewerkschaftsführern und in der ganzen Partei und schließlich
bis hoch in die Spitze der hierarchischen Partei zu verweigern. Auf dem X.
Kongreß, im Moment, in dem der Sowjet von Kronstadt mit Waffen niedergeschlagen
und unter Verleumdungen begraben worden war, kam Lenin in der Auseinandersetzung
mit den linksradikalen Bürokraten, die in der „Arbeiteropposition“ organisiert
waren, zu dem Schluß, dessen Logik Stalin bis hin zu einer vollkommenen Teilung
der Welt fortführte: „Hier oder dort mit einem Gewehr, aber nicht mit der
Opposition. Wir haben genug von der Opposition.“
104
Die Bürokratie, die als einzige Eigentümerin eines Staatskapitalismus
übriggeblieben war, sicherte nach Kronstadt, zur Zeit der „neuen
Wirtschaftspolitik“, zuerst ihre Macht im Inneren durch eine zeitweilige Allianz
mit der Bauernschaft, so wie sie sie nach außen verteidigte, indem sie die in
den bürokratischen Parteien der III. Internationale eingereihten Arbeiter als
Hilfskraft der russischen Diplomatie benutzte, um jede revolutionäre Bewegung zu
sabotieren und bürgerliche Regierungen zu unterstützen, von denen sie einen
Beistand in der Weltpolitik erwartete (die Macht der Kuomintang im China
1925-1927, die Volksfront in Spanien und Frankreich usw.). Aber die
bürokratische Gesellschaft mußte ihre eigene Vollendung mit Hilfe des Terrors
über die Bauernschaft fortführen, um die brutalste ursprünglichste
kapitalistische Akkumulation der Geschichte durchzuführen. Diese
Industrialisierung der stalinistischen Epoche enthüllt die letzte Realität der
Bürokratie: Sie ist die Fortsetzung der Macht, der Wirtschaft, die Rettung des
Wesentlichen der Warengesellschaft durch die Aufrechterhaltung der Arbeit als
Ware. Sie ist der Beweis der unabhängigen Wirtschaft, die die Gesellschaft so
weit beherrscht, daß sie für ihre eigenen Ziele die Klassenherrschaft
wiederherstellt, die sie notwendig braucht, was mit anderen Worten heißt, daß
die Bourgeoisie eine autonome Macht geschaffen hat, die, solange diese Autonomie
besteht, so weit gehen kann, daß sie ohne Bourgeoisie auskommt. Die totalitäre
Bürokratie ist nicht „die letzte Klasse, die Eigentümer der Geschichte“ wäre,
wie Bruno Rizzi meinte, sondern lediglich eine herrschende Ersatzklasse für die
Warenwirtschaft. Das geschwächte kapitalistische Privateigentum wird durch ein
vereinfachtes, nicht so verschiedenartiges, als kollektives Eigentum der
bürokratischen Klasse konzentriertes Nebenprodukt ersetzt. Diese
unterentwickelte Form einer herrschenden Klasse ist auch der Ausdruck der
wirtschaftlichen Unterentwicklung und kennt nur die Perspektive, diesen
Entwicklungsrückstand in bestimmten Gegenden der Welt einzuholen. Die nach dem
bürgerlichen Modell der Absonderung organisierte Arbeiterpartei hat für diese
Ergänzungsaufgabe der herrschenden Klasse den hierarchisch-staatlichen Rahmen
geschaffen. Anton Ciliga notierte in einem Gefängnis Stalins, daß „die
technischen Organisationsprobleme sich als gesellschaftliche Probleme erwiesen“
(Lenin und die Revolution).
105
Die revolutionäre Ideologie, d.h. die Kohärenz des Getrennten – dessen größte
voluntaristische Anstrengung der Leninismus bildet -, die die Verwaltung einer
Realität innehat, die sie abweist, wird mit dem Stalinismus wieder zu ihrer
Wahrheit in der Inkohärenz gelangen. In diesem Augenblick ist die Ideologie
keine Waffe mehr, sondern ein Ziel. Die Lüge, die nicht mehr widerlegt wird,
wird zum Wahnsinn. In der totalitären ideologischen Proklamation ist die
Realität ebenso wie der Zweck aufgelöst: alles, was sie sagt, ist alles, was
ist. Sie ist ein lokaler Primitivismus des Spektakels, dessen Rolle jedoch in
der Entwicklung des Weltspektakels wesentlich ist. Die Ideologie, die sich hier
materialisiert, hat nicht die Welt wirtschaftlich verändert, wie der zum Stadium
des Überflusses gelangte Kapitalismus: sie hat lediglich die Wahrnehmung
polizeilich verändert.
106
Die machthabende totalitär-ideologische Klasse ist die Macht einer verkehrten
Welt: je stärker sie ist, um so mehr behauptet sie, daß sie nicht existiert,
und ihre Stärke dient ihr zunächst dazu, ihre Nichtexistenz zu behaupten. Nur in
diesem Punkt ist sie bescheiden, denn ihre offizielle Nichtexistenz muß auch
mit dem nec plus ultra der geschichtlichen Entwicklung zusammenfallen, das man
gleichzeitig angeblich ihrer unfehlbaren Führung verdanken soll. Die überall
zur Schau gestellte Bürokratie muß für das Bewußtsein die unsichtbare Klasse
sein, so daß das ganze gesellschaftliche Leben verrückt wird. Die
gesellschaftliche Organisation der absoluten Lüge folgt aus diesem
grundlegenden Widerspruch.
107
Der Stalinismus war die Schreckensherrschaft innerhalb der bürokratischen
Klasse selbst. Der Terrorismus, der die Macht dieser Klasse begründet, muß auch
diese Klasse treffen, denn sie hat als besitzende Klasse keine juristische
Garantie, keine anerkannte Existenz, die sie auf jedes ihrer Mitglieder
ausdehnen könnte. Ihr wirkliches Eigentum ist versteckt, und sie ist nur mit
Hilfe des falschen Bewußtseins zur Eigentümerin geworden. Das falsche
Bewußtsein behauptet seine absolute Macht nur durch den absoluten Terror, in
dem jede wahre Begründung endlich verloren geht. Die Mitglieder der
machthabenden bürokratischen Klasse haben nur insofern kollektiv das
Besitzungsrecht über die Gesellschaft, als sie bei einer grundlegenden Lüge
mitwirken: Sie müssen die Rolle des eine sozialistische Gesellschaft führenden
Proletariats spielen; sie müssen die dem Text der ideologischen Untreue treuen
Schauspieler sein. Aber die wirkliche Mitwirkung bei diesem Verlogensein muß
selbst als eine wahrhaftige Mitwirkung anerkannt werden. Kein Bürokrat kann
individuell sein Recht auf die Macht behaupten, denn sich als einen
sozialistischen Proletarier zu erweisen, würde heißen, sich als das Gegenteil
eines Bürokraten zu zeigen; und sich als einen Bürokraten zu erweisen, ist ihm
unmöglich, denn die offizielle Wahrheit der Bürokratie ist ihr Nichtsein. So
befindet sich jeder Bürokrat in der absoluten Abhängigkeit einer zentralen
Garantie der Ideologie, die eine kollektive Mitwirkung aller der Bürokraten an
ihrer „sozialistischen Macht“ anerkennt, welche sie nicht vernichtet. Wenn die
Bürokraten insgesamt über alles entscheiden, kann der Zusammenhalt ihrer
eigenen Klasse nur durch die Konzentration ihrer terroristischen Macht in einer
einzigen Person gesichert werden. In dieser Person liegt die einzige praktische
Wahrheit der machthabenden Lüge: die unbestreitbare Festsetzung ihrer stets
berichtigten Grenze. In letzter Instanz bestimmt Stalin, wer schließlich
besitzender Bürokrat ist; d.h. wer als „machthabender Proletarier“ oder als
„vom Mikado und Wallstreet gekaufter Verräter“ bezeichnet werden muß. Die
bürokratischen Atome finden nur in der Person Stalins das gemeinsame Wesen
ihres Rechts. Stalin ist dieser Herr der Welt, der sich auf diese Weise die
absolute Person ist, für deren Bewußtsein kein höherer Geist existiert. „Der
Herr der Welt hat das wirkliche Bewußtsein dessen, was er ist, der allgemeinen
Macht der Wirklichkeit, in der zerstörenden Gewalt, die er gegen das ihm
gegenüber stehende Selbst seiner Untertanen ausübt“. Während er die Macht ist,
die den Boden der Herrschaft bestimmt, ist er ebenso „das zerstörende Wühlen in
diesem Boden“.
108
Wenn sich die durch den Besitz der absoluten Macht absolut gewordene Theologie
von einer parzellierten Kenntnis zu einer totalitären Lüge verwandelt hat, ist
das Denken der Geschichte so vollkommen vernichtet worden, daß die Geschichte
selbst auf der Ebene der empirischen Kenntnis nicht mehr existieren kann. Die
totalitäre bürokratische Gesellschaft lebt in einer immerwährenden Gegenwart, in
welcher für sie alles, was geschehen ist, nur als für ihre Polizei zugänglicher
Raum existiert. Der schon von Napoleon formulierte Vorsatz, „die Energie der
Erinnerungen monarchisch zu leiten“, hat in einer ständigen Manipulation der
Vergangenheit nicht nur in ihren Bedeutungen, sondern auch in ihren Tatsachen
seine volle Konkretisierung gefunden. Aber der Preis dieser Befreiung von jeder
geschichtlichen Realität ist der Verlust des für die geschichtliche
Gesellschaft des Kapitalismus unentbehrlichen, rationellen Bezuges. Es ist
bekannt, wieviel die wissenschaftliche Anwendung der zum Wahnsinn gewordenen
Ideologie die russische Wirtschaft gekostet hat und sei es auch nur durch den
Betrug Lyssenkos. Dieser Widerspruch der eine industrialisierte Gesellschaft
verwaltenden totalitären Bürokratie, die zwischen ihrem Bedarf an Rationellem
und ihrer Ablehnung des Rationellen gefangen ist, bildet auch einen der
Hauptmängel dieser Bürokratie gegenüber der normalen kapitalistischen
Entwicklung. So wie die Bürokratie die Landwirtschaftsfrage schlechter lösen
kann, als es die kapitalistische Entwicklung vermag, so steht sie ihr
schließlich ebenfalls in der Industrieproduktion nach, welche autoritär auf der
Basis des Irrealismus und der verallgemeinerten Lüge geplant wird.
109
Die revolutionäre Arbeiterbewegung zwischen den beiden Kriegen wurde durch das
vereinte Wirken der stalinistischen Bürokratie und des faschistischen
Totalitarismus, der seine Organisationsform der in Rußland probierten
totalitären Partei entlehnt hatte, vernichtet. Der Faschismus war eine
extremistische Verteidigung der von der Krise und der proletarischen Subversion
bedrohten bürgerlichen Wirtschaft, d.h. er war der Belagerungszustand in der
kapitalistischen Gesellschaft, durch den sich diese Gesellschaft rettet und sich
eine erste Notrationalisierung gibt, indem sie den Staat in ihre Verwaltung
massiv eingreifen läßt. Aber eine solche Rationalisierung ist selbst mit der
ungeheuren Irrationalität ihres Mittels belastet. Wenn auch der Faschismus die
Verteidigung der Hauptpunkte der konservativ gewordenen bürgerlichen Ideologie
(die Familie, das Eigentum, die Sittenordnung, die Nation) übernimmt, indem er
das Kleinbürgertum mit den Arbeitslosen vereinigt, die aufgrund der Krise
verwirrt oder durch die Ohnmacht der sozialistischen Revolution enttäuscht sind,
so ist er selbst keineswegs durch und durch ideologisch. Er gibt sich als das,
was er ist: eine gewaltsame Auferstehung des Mythos, der die Teilnahme an einer
Gemeinschaft verlangt, die durch archaische Pseudowerte definiert wird: die
Rasse, das Blut, den Führer. Der Faschismus ist der technisch ausgerüstete
Archaismus. Sein verfaulter Ersatz des Mythos wird im spektakulären Zusammenhang
der modernsten Mittel des Dressierens und der Täuschung wieder aufgenommen. So
ist er einer der Faktoren bei der Herausbildung des modernen Spektakelwesens, so
wie ihn sein Anteil an der Zerstörung der alten Arbeiterbewegung zu einer der
Gründermächte der gegenwärtigen Gesellschaft macht; aber da der Faschismus auch
die kostspieligste Form der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung ist,
mußte er normalerweise, als er durch rationellere und stärkere Formen dieser
Ordnung beseitigt wurde, vom Vordergrund der Bühne abtreten, auf der die
kapitalistischen Staaten die großen Rollen spielen.
110
Als es der russischen Bürokratie endlich gelungen war, sich der Reste des
bürgerlichen Eigentums zu entledigen, die ihre Herrschaft über die Wirtschaft
behinderten, diese für ihren eigenen Gebrauch zu entwickeln und im Ausland unter
den Großmächten anerkannt zu werden, will sie in Ruhe ihre eigene Welt
genießen, und deren Teil von Willkür abschaffen, der auf sie selbst wirkte: sie
denunziert den Stalinismus ihres Ursprungs. Aber eine derartige Denunziation
bleibt stalinistisch, willkürlich, unerklärt und ständig berichtigt, denn die
ideologische Lüge ihres Ursprungs kann niemals offenbart werden. So kann sich
die Bürokratie weder kulturell noch politisch liberalisieren, denn ihr Bestehen
als Klasse hängt von ihrem ideologischen Monopol ab, das in seiner ganzen
Schwere ihren einzigen Eigentumstitel bildet. Die Ideologie hat zwar die
Leidenschaft ihrer positiven Behauptung verloren, aber was davon als
gleichgültige Trivialität übrigbleibt, hat noch die repressive Funktion, die
geringste Konkurrenz zu verbieten, und die Ganzheit des Denkens
gefangenzuhalten. Die Bürokratie ist daher mit einer Ideologie verknüpft, an
die niemand mehr glaubt. Was terroristisch war, ist lächerlich geworden, aber
diese Lächerlichkeit selbst kann sich nur dadurch aufrechterhalten, daß sie im
Hintergrund den Terrorismus aufbewahrt, von dem sie sich freimachen möchte. So
bekennt sich die Bürokratie gerade in dem Moment, in dem sie auf dem Boden des
Kapitalismus ihre Überlegenheit beweisen will, als arme Verwandte des
Kapitalismus. So wie ihre tatsächliche Geschichte ihrem Recht widerspricht, und
ihre auf plumpe Weise aufrechterhaltene Unwissenheit ihren wissenschaftlichen
Ansprüchen zuwiderläuft, so wird ihr Plan, in der Produktion eines
Warenüberflusses mit der Bourgeoisie zu rivalisieren, dadurch behindert, daß
ein derartiger Überfluß in sich seine implizierte Ideologie trägt und
normalerweise von einer unendlich ausgedehnten Freiheit falscher spektakulärer
Wahlmöglichkeiten begleitet wird, von einer Pseudofreiheit, die mit der
bürokratischen Ideologie unvereinbar bleibt.
111
In diesem Moment der Entwicklung bricht der ideologische Eigentumstitel der
Bürokratie bereits im Weltmaßstabe zusammen. Die Macht, die sich national als
grundlegend internationalistisches Modell etabliert hatte, muß zugeben, daß sie
nicht mehr behaupten kann, ihre lügenhafte Kohäsion jenseits jeder nationalen
Grenze aufrechtzuerhalten. Die ungleiche Wirtschaftsentwicklung, die Bürokratien
mit konkurrierenden Interessen erfahren, denen es gelungen ist, ihren
„Sozialismus“ außerhalb eines einzigen Landes zu besitzen, hat zur öffentlichen
und vollständigen Auseinandersetzung zwischen der russischen und der
chinesischen Lüge geführt. Von diesem Punkt an muß jede Bürokratie, die an der
Macht ist, oder jede totalitäre Partei, die sich um die von der stalinistischen
Periode in einigen nationalen Arbeiterklassen hinterlassene Macht bewirbt,
ihren eigenen Weg gehen. Der weltweite Zerfall der Allianz der bürokratischen
Mystifizierung, der zu den Äußerungen der inneren Negation hinzutritt, die sich
vor der Welt mit dem Arbeiteraufstand in Ostberlin, der den Bürokraten ihre
Forderung nach einer „Metallarbeiterregierung“ entgegensetzte, zu behaupten
begannen, und die sogar einmal bis zur Macht der Arbeiterräte in Ungarn führten,
erwies sich in letzter Analyse als der ungünstigste Faktor für die heutige
Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Bourgeoisie ist auf dem
Wege, den Gegner zu verlieren, der sie objektiv stützte, indem er jede Negation
der bestehenden Ordnung illusorisch vereinte. Eine solche Teilung der
spektakulären Arbeit sieht ihrem Ende entgegen, wenn sich die
pseudorevolutionäre Rolle ihrerseits teilt. Das spektakuläre Element der
Auflösung der Arbeiterbewegung wird selbst aufgelöst.
112
Die leninistische Illusion hat heute nur noch in den verschiedenen
trotzkistischen Richtungen eine Basis, in denen die Identifizierung des
proletarischen Projektes mit einer hierarchischen Organisation der Ideologie
unerschütterlich die Erfahrungen all ihrer Ergebnisse überlebt. Die Distanz,
die den Trotzkismus von der revolutionären Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft
trennt, erlaubt ihm auch seine respektvolle Distanz gegenüber Positionen, die
bereits falsch waren, als sie sich in einem wirklichen Kampf abnutzten. Trotzki
blieb bis 1927 mit der hohen Bürokratie von Grund aus solidarisch und versuchte
gleichzeitig, sich ihrer zu bemächtigen, um sie zur Wiederaufnahme einer
wirklichen bolschewistischen Aktion im Ausland zu bewegen (es ist bekannt, daß
er damals sogar verleumderisch seinen Kampfgefährten Max Eastman verleugnete,
um mitzuhelfen, das berühmte „Testament Lenins“ zu verheimlichen, das dieser
bekannt gemacht hatte). Trotzki wurde durch seine grundlegende Perspektive
verurteilt, denn im Moment, in dem die Bürokratie sich selbst in ihrem Ergebnis
als konterrevolutionäre Klasse im Inland erkennt, muß sie sich auch dazu
entscheiden, im Ausland im Namen der Revolution tatsächlich konterrevolutionär
zu sein, so wie im Inland. Der spätere Kampf Trotzkis für eine IV.
Internationale enthält die gleiche Inkonsequenz. Er hat sich sein ganzes Leben
lang geweigert, in der Bürokratie die Macht einer getrennten Klasse
anzuerkennen, weil er während der zweiten russischen Revolution ein
bedingungsloser Anhänger der bolschewistischen Organisationsform geworden war.
Als Lukacs 1923 in dieser Form die endlich gefundene Vermittlung zwischen
Theorie und Praxis zeigte, bei der die Proletarier nicht mehr „Zuschauer“ der
Ereignisse sind, die in ihrer Organisation geschehen, sondern sie bewußt
gewählt und erlebt haben, beschrieb er als tatsächliche Verdienste der
bolschewistischen Partei all das, was die bolschewistische Partei nicht war.
Lukacs war noch, neben seiner tiefen theoretischen Arbeit, ein Ideologe, der im
Namen einer Macht sprach, die auf die vulgärste Weise außerhalb der
proletarischen Bewegung stand, und der glaubte und glauben ließ, daß er sich
selbst, mit seiner ganzen Persönlichkeit, in dieser Macht befand, als ob er sich
in seiner eigenen Macht befände. Während in der Folge offen zu Tage trat, auf
welche Weise diese Macht ihre Knechte verleugnet und beseitigt, zeigte Lukacs,
der sich ständig selbst verleugnete, mit karikaturaler Deutlichkeit, womit
genau er sich identifiziert hatte: mit dem Gegenteil seiner selbst und all
dessen, was er in Geschichte und Klassenbewußtsein verteidigt hatte. Lukacs
bewahrheitet am besten die Grundregel, an der alle Intellektuellen dieses
Jahrhunderts zu beurteilen sind: an dem, was sie achten, läßt sich ganz genau
ihre eigene verachtenswerte Realität ermessen. Lenin hatte diese Art von
Illusionen über seine Tätigkeit nicht gefördert, denn er gab zu, daß „eine
politische Partei nicht ihre Mitglieder überprüfen kann, um festzustellen, ob
Widersprüche zwischen deren Philosophie und dem Programm der Partei bestehen“.
Die wirkliche Partei, deren Traumporträt Lukacs zur Unzeit dargestellt hatte,
war nur für die Ausführung einer präzisen Teilaufgabe kohärent: d.h. für die
Ergreifung der Macht im Staat.
113
Weil die neoleninistische Illusion des heutigen Trotzkismus von der Realität
der modernen kapitalistischen Gesellschaft, der bürgerlichen wie der
bürokratischen, alle Augenblicke widerlegt wird, findet sie natürlich in den
formal unabhängigen „unterentwickelten“ Ländern einen bevorzugten
Geltungsbereich, in denen die Illusionen irgendeiner Variante des bürokratischen
Staatssozialismus als einfache Ideologie der Herrschaftsentwicklung von den
lokalen herrschenden Klassen bewußt manipuliert wird. Die zwitterhafte
Zusammensetzung dieser Klassen hängt mehr oder weniger deutlich einer Abstufung
auf dem Spektrum Bourgeoisie-Bürokratie an. Ihr Spiel im internationalen
Maßstab zwischen diesen beiden Polen der bestehenden kapitalistischen Gewalt und
– ebenso ihre ideologischen Kompromisse – insbesondere mit dem Islam – die die
zwitterhafte Realität ihrer gesellschaftlichen Basis ausdrücken, nehmen vollends
diesem letzten Nebenprodukt des ideologischen Sozialismus jeden Ernst außer dem
polizeilichen. Eine Bürokratie konnte sich aus den Stammtruppen des nationalen
Kampfes und des Agraraufstandes der Bauern herausbilden: dann ist sie bestrebt,
wie in China, das stalinistische Industrialisierungsmodell in einer Gesellschaft
anzuwenden, die weniger entwickelt ist als das Rußland von 1917. Eine
Bürokratie, die dazu fähig ist, die Nation zu industrialisieren, kann sich aus
dem Kleinbürgertum bilden, als Kader der Armee die Macht ergreifen, wie das
Beispiel Ägyptens zeigt. An einigen Punkten, wie im Algerien am Ende seines
Krieges um die Unabhängigkeit, sucht die Bürokratie, die sich während des
Kampfes als parastaatliche Führung gebildet hat, den Gleichgewichtspunkt eines
Kompromisses, um mit einer schwachen nationalen Bourgeoisie zu fusionieren.
Schließlich bildet sich in den ehemaligen Kolonien des schwarzen Afrikas, die
offen mit der westlichen, d.h. amerikanischen und europäischen Bourgeoisie
verknüpft bleiben, eine Bourgeoisie – zumeist aus der Macht der traditionellen
Stammeshäuptlinge – durch den Besitz des Staates: in diesen Ländern, in denen
der ausländische Imperialismus der wahre Herr der Wirtschaft bleibt, wird ein
Stadium erreicht, in dem die Compradores als Vergütung für ihren Verkauf der
Eingeborenenprodukte den Eingeborenenstaat als Eigentum bekommen haben, welcher
zwar gegenüber den lokalen Massen, nicht aber gegenüber dem Imperialismus
unabhängig ist. In diesem Fall handelt es sich um eine künstliche Bourgeoisie,
die nicht fähig ist zu akkumulieren, sondern die bloß verschwendet und zwar den
ihr zukommenden Teil des Mehrwerts aus der lokalen Arbeit ebenso wie die
ausländischen Subsidien der Staaten oder der Monopole, die sie schützen. Die
Offensichtlichkeit der Unfähigkeit dieser bürgerlichen Klassen, die normale
wirtschaftliche Funktion der Bourgeoisie zu erfüllen, führt dazu, daß sich
gegenüber jeder dieser Klassen eine Subversion nach dem mehr oder weniger den
örtlichen Besonderheiten angepaßten bürokratischen Modell bildet, die die
Erbschaft der Bourgeoisie übernehmen will. Aber der Erfolg selbst einer
Bürokratie bei ihrem Hauptprojekt der Industrialisierung enthielt notwendig die
Perspektive ihres geschichtlichen Scheiterns: wenn sie das Kapital akkumuliert,
akkumuliert sie auch das Proletariat, und erzeugt ihre eigene Widerlegung in
einem Land, in dem es noch nicht vorhanden war.
114
In dieser komplexen und furchtbaren Entwicklung, die die Epoche der
Klassenkämpfe zu neuen Bedingungen geführt hat, hat das Proletariat der
industriellen Länder völlig die Behauptung seiner selbständigen Perspektive und
schließlich seine Illusionen, doch nicht sein Sein verloren. Es ist nicht
aufgehoben. Seine Existenz in der gesteigerten Entfremdung des modernen
Kapitalismus dauert unerbittlich fort: dieses Proletariat besteht aus der
ungeheuren Mehrzahl der Arbeiter, die jede Macht über die Bestimmung ihres
Lebens verloren haben und sich, sobald sie das wissen, wieder als Proletariat
definieren, als das in dieser Gesellschaft wirkende Negative. Dieses
Proletariat wird objektiv durch den Prozeß des Verschwindens der Bauernschaft
und durch die Ausweitung der Logik in der Fabrikarbeit, die sich auf einen
großen Teil der „Dienstleistungen“ und der intellektuellen Berufe erstreckt,
verstärkt. Subjektiv ist dieses Proletariat noch von seinem praktischen
Klassenbewußtsein entfernt, nicht nur bei den Angestellten, sondern auch bei
den Arbeitern, die erst die Machtlosigkeit und die Mystifizierung der alten
Politik entdeckt haben. Wenn das Proletariat jedoch entdeckt, daß seine
geäußerte eigene Kraft zur fortwährenden Verstärkung der kapitalistischen
Gesellschaft beiträgt, nicht mehr nur in der Form seiner Arbeit, sondern auch
in der Form der Gewerkschaften, der Parteien oder der staatlichen Macht, die es
zu seiner Emanzipierung gebildet hatte, entdeckt es auch durch die konkrete
geschichtliche Erfahrung, daß es die Klasse ist, die jeder erstarrten Äußerung
und jeder Spezialisierung der Macht vollständig Feind ist. Es trägt die
Revolution, die nichts außerhalb ihrer lassen kann, die Forderung nach der
fortwährenden Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit und die totale
Kritik der Trennung; dazu muß es die adäquate Form in der Aktion finden. Keine
quantitative Verbesserung seines Elends, keine Illusion hierarchischer
Integration ist ein dauerhaftes Heilmittel für seine Unzufriedenheit, denn das
Proletariat kann sich nicht wahrhaftig in einem besonderen Unrecht anerkennen,
das an ihm verübt worden wäre und folglich ebensowenig in der Wiedergutmachung
eines besonderen Unrechts oder vieler dieser Unrechte, sondern nur in dem
Unrecht schlechthin, an den Rand des Lebens gedrängt zu sein.
115
Aus den neuen unbegriffenen und von der spektakulären Anordnung verfälschten
Zeichen der Negation, die sich in den wirtschaftlich fortgeschrittensten
Ländern mehren, läßt sich bereits diese Schlußfolgerung ziehen, daß eine neue
Epoche begonnen hat. Nach dem ersten Versuch der Arbeitersubversion ist es
jetzt der kapitalistische Überfluß, der gescheitert ist. Wenn die
antigewerkschaftlichen Kämpfe der westlichen Arbeiter zunächst von den
Gewerkschaften unterdrückt werden und wenn die aufständischen Strömungen der
Jugend einen ersten formlosen Protest erheben, in dem jedoch die Verweigerung
der alten spezialisierten Politik, der Kunst und des Alltagslebens unmittelbar
eingeschlossen ist, sind das schon die beiden Gesichter eines neuen spontanen
Kampfes, der unter verbrecherischer Erscheinungsform beginnt. Es sind die
ersten Vorzeichen des zweiten proletarischen Ansturms gegen die
Klassengesellschaft. Wenn die verlorenen Posten dieser noch bewegungslosen
Armee wieder auf diesem andersgewordenen und gleichgebliebenen Gelände stehen,
folgen sie einem neuen „General Ludd“, der sie diesmal zur Zerstörung der
Maschinen des erlaubten Konsums losläßt.
116
„Die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der
Arbeit sich vollziehen konnte“, hat in diesem Jahrhundert in den revolutionären
Arbeiterräten eine deutliche Gestalt angenommen, die in sich alle Funktionen der
Entscheidung und der Ausführung konzentrieren und sich vermittels von
Vertretern föderieren, die gegenüber der Basis verantwortlich und jederzeit
abrufbar sind. Ihre tatsächliche Existenz ist bisher erst ein kurzer Versuch
gewesen, der zugleich von den verschiedenen Kräften zur Verteidigung der
Klassengesellschaft, zu denen häufig auch ihr eigenes falsches Bewußtsein zu
zählen ist, bekämpft und besiegt wurde. Pannekoek betonte gerade die Tatsache,
daß die Wahl einer Macht der Arbeiterräte eher „Probleme stellt“ als eine Lösung
bringt. Aber diese Macht ist gerade der Ort, wo die Probleme der Revolution des
Proletariats ihre wahre Lösung finden können. Sie ist der Ort, wo die objektiven
Bedingungen des geschichtlichen Bewußtseins vereinigt sind; die Verwirklichung
der aktiven, direkten Mitteilung, wo die Spezialisierung, die Hierarchie und die
Trennung aufhören, wo die bestehenden Bedingungen in „Bedingungen der Einheit“
verwandelt worden sind. Hier kann das proletarische Subjekt aus seinem Kampf
gegen die Kontemplation hervortreten: sein Bewußtsein ist der praktischen
Organisation gleich, die es sich gegeben hat, denn dieses Bewußtsein selbst ist
untrennbar von dem kohärenten Eingriff in die Geschichte.
117
In der Macht der Räte, die jede andere Macht international ersetzen muß, ist
die proletarische Bewegung ihr eigenes Produkt und dieses Produkt ist der
Produzent selbst. Sie ist sich selbst ihr eigener Zweck. Nur hier wird die
spektakuläre Verneinung des Lebens ihrerseits verneint.
118
Das Auftauchen der Räte war die höchste Realität der proletarischen Bewegung im
ersten Viertel dieses Jahrhunderts, eine Realität, die unbemerkt blieb oder
entstellt wurde, weil sie mit dem Rest einer Bewegung verschwand, die durch die
Gesamtheit der damaligen geschichtlichen Erfahrung verleugnet und beseitigt
wurde. In dem neuen Moment der proletarischen Kritik kehrt dieses Ergebnis als
der einzige unbesiegte Punkt der besiegten Bewegung wieder. Das geschichtliche
Bewußtsein, das weiß, daß es in ihm seinen einzigen Existenzraum hat, kann es
jetzt wiedererkennen, aber nicht mehr an der Peripherie dessen, was
zurückströmt, sondern im Zentrum dessen, was steigt.
119
Eine vor der Macht der Räte bestehende revolutionäre Organisation – die im
Kampf ihre eigene Form wird finden müssen – weiß bereits aus all diesen
geschichtlichen Gründen, daß sie die Klasse nicht repräsentiert. Sie muß sich
selbst nur als eine radikale Trennung von der Welt der Trennung erkennen.
120
Die revolutionäre Organisation ist der kohärente Ausdruck der Theorie der
Praxis, die in nicht-einseitige Kommunikation mit den praktischen Kämpfen tritt
und zur praktischen Theorie wird. Ihre eigene Praxis ist die Verallgemeinerung
der Kommunikation und der Kohärenz in diesen Kämpfen. In dem revolutionären
Augenblick der Auflösung der gesellschaftlichen Trennung muß diese Organisation
ihre eigene Auflösung als getrennte Organisation anerkennen.
121
Die revolutionäre Organisation kann nur die einheitliche Kritik der
Gesellschaft sein, d.h. eine Kritik, die an keinem Punkt der Welt mit
irgendeiner Form von getrennter Macht paktiert, und eine Kritik, die global
gegen alle Aspekte des entfremdeten gesellschaftlichen Lebens ausgesprochen
wird. In dem Kampf der revolutionären Organisation gegen die Klassengesellschaft
sind die Waffen nichts anderes als das Wesen der Kämpfer selbst: die
revolutionäre Organisation kann in sich nicht die Bedingungen der Entzweiung
und der Hierarchie wieder erzeugen, die die Bedingungen der herrschenden
Gesellschaft sind. Sie muß fortwährend gegen ihre Entstellung im herrschenden
Spektakel kämpfen. Die einzige Grenze der Teilnahme an der totalen Demokratie
der revolutionären Organisation ist die Anerkennung und die tatsächliche
Selbstaneignung der Kohärenz ihrer Kritik durch alle ihre Mitglieder, einer
Kohärenz, die sich in der eigentlichen kritischen Theorie und in deren
Beziehung zur praktischen Tätigkeit bewähren muß.
122
Da die auf allen Ebenen immer weitergetriebene Verwirklichung der
kapitalistischen Entfremdung es den Arbeitern immer schwieriger macht, ihr
eigenes Elend zu erkennen und zu benennen und sie dadurch vor die Alternative
stellt, entweder ihr ganzes Elend oder nichts abzulehnen, hat die revolutionäre
Organisation lernen müssen, daß sie die Entfremdung nicht mehr in entfremdeten
Formen bekämpfen kann.
123
Die proletarische Revolution hängt ganz und gar von dieser Notwendigkeit ab,
daß die Massen zum ersten Mal die Theorie als Verständnis der menschlichen
Praxis anerkennen und erleben müssen. Sie fordert, daß die Arbeiter zu
Dialektikern werden, und daß sie der Praxis ihr Denken aufprägen; sie verlangt
daher von den Männern ohne Eigenschaften sehr viel mehr als die bürgerliche
Revolution von den qualifizierten Männern verlangte die sie zu ihrer
Durchführung beauftragte: denn das von einem Teil der bürgerlichen Klassen
erzeugte, parzellierte und ideologische Bewußtsein hatte jenen zentralen Teil
des gesellschaftlichen Lebens, die Wirtschaft, zur Grundlage, in der diese
Klasse bereits an der Macht war. Die eigene Entwicklung der Klassengesellschaft
zur spektakulären Organisation des Nicht-Lebens führt folglich das
revolutionäre Projekt dazu, sichtbar zu dem zu werden, was es schon wesentlich
war.
124
Die revolutionäre Theorie ist jetzt jeder revolutionären Ideologie Feind und
sie weiß, daß sie es ist.
V. Zeit und Geschichte
„Oh, edle Herrn, des Lebens Zeit ist kurz: Wir treten Kön’ge nieder, wenn wir
leben.“
Shakespeare (Henry IV)
125
Der Mensch, „das negative Wesen, welches nur ist, insofern es Sein aufhebt“,
ist mit der Zeit identisch. Die Aneignung seiner eigenen Natur durch den
Menschen ist ebenfalls seine Ergreifung der Entfaltung des Universums. „Die
Geschichte selbst ist ein wichtiger Teil der Naturgeschichte, des Werdens der
Natur zum Menschen.“ (Marx). Umgekehrt hat diese „Naturgeschichte“ eine
tatsächliche Existenz nur durch den Prozeß einer menschlichen Geschichte, des
einzigen Teils, der dieses geschichtliche Ganze wiederfindet, wie das moderne
Teleskop, das in der Zeit durch seine Reichweite die fliehenden Nebelflecken an
der Peripherie des Weltalls einholt. Die Geschichte hat immer existiert, aber
nicht immer in ihrer geschichtlichen Form. Die Zeitigung des Menschen, wie sie
durch die Vermittlung einer Gesellschaft stattfindet, entspricht einer
Vermenschlichung der Zeit. In dem geschichtlichen Bewußtsein äußert sich die
bewußtlose Bewegung der Zeit und wird wahr.
126
Die eigentlich geschichtliche Bewegung beginnt, wenn auch noch verborgen, in
der langsamen und unmerklichen Bildung „der wirklichen Natur des Menschen“,
dieser „in der menschlichen Geschichte – dem Entstehungsakt der menschlichen
Gesellschaft – werdenden Natur“, aber die Gesellschaft, die sich dann einer
Technik und einer Sprache bemeistert hat, ist sich, wenn sie auch bereits das
Produkt ihrer eigenen Geschichte ist, nur einer immerwährenden Gegenwart
bewußt. In dieser Gesellschaft wird jede Kenntnis, die auf das Gedächtnis der
Ältesten beschränkt ist, stets von Lebenden getragen. Weder der Tod noch die
Zeugung werden als ein Gesetz der Zeit begriffen. Die Zeit steht still, wie ein
geschlossener Raum. Wenn eine komplexere Gesellschaft dazu kommt, sich der Zeit
bewußt zu werden, besteht ihre Arbeit vielmehr darin, diese Zeit zu leugnen,
denn sie sieht in der Zeit nicht das, was vergeht, sondern das, was wiederkommt.
Die statische Gesellschaft organisiert die Zeit nach ihrer unmittelbaren
Erfahrung der Natur, im Modell der zyklischen Zeit.
127
Die zyklische Zeit ist bereits in der Erfahrung der Nomadenvölker
vorherrschend, denn vor ihnen finden sich in jedem Moment ihrer Wanderung die
gleichen Bedingungen wieder: Hegel bemerkt, daß „das Herumschweifen der Nomaden
nur formell ist, weil es in einförmige Kreise beschränkt ist“. Die
Gesellschaft, die sich örtlich festsetzt und dabei durch die Einrichtung
individualisierter Orte dem Raum einen Inhalt gibt, findet sich dadurch selbst
im Inneren dieser Ortsbestimmung eingeschlossen. Die zeitliche Rückkehr zu
Orten, die sich gleichen, ist jetzt die reine Wiederkehr der Zeit an einem
gleichen Ort, die Wiederholung einer Reihe von Gesten. Der Übergang vom
Nomadentum der Hirten zur seßhaften Landwirtschaft ist das Ende der
inhaltslos-trägen Freiheit, der Beginn der mühevollen Arbeit. Die von dem
Rhythmus der Jahreszeiten beherrschte agrarische Produktionsweise berhaupt ist
die Basis der völlig ausgebildeten Wiederkehr des Gleichen. Der Mythos ist die
einheitliche Konstruktion des Denkens, das die gesamte kosmische Ordnung um die
Ordnung herum garantiert, welche diese Gesellschaft tatsächlich bereits
innerhalb ihrer Grenzen verwirklicht hat.
128
Die gesellschaftliche Aneignung der Zeit, die Erzeugung des Menschen durch die
menschliche Arbeit, entwickeln sich in einer in Klassen geteilten Gesellschaft.
Die Macht, die sich ber der Knappheit der Gesellschaft der zyklischen Arbeit
gebildet hat, die Klasse, die diese gesellschaftliche Arbeit organisiert und
sich deren begrenzten Mehrwert aneignet, eignet sich ebenso den zeitlichen
Mehrwert ihrer Organisation der gesellschaftlichen Zeit an: sie besitzt für
sich allein die irreversible Zeit des Lebendigen. Der einzige Reichtum, den es
konzentriert in dem Bereich der Macht geben kann, um materiell für festlichen
Aufwand ausgegeben zu werden, wird dabei auch als Vergeudung einer
geschichtlichen Zeit der Oberfläche der Gesellschaft ausgegeben. Die Eigentümer
des geschichtlichen Mehrwerts besitzen die Kenntnis und den Genuß der erlebten
Ereignisse. Diese Zeit, die von der kollektiven Organisation der Zeit getrennt
ist, welche mit der wiederholten Produktion der Grundlage des
gesellschaftlichen Lebens vorherrscht, fließt oberhalb ihrer eigenen statischen
Gemeinschaft. Es ist die Zeit des Abenteuers und des Krieges, in der die Herren
der zyklischen Gesellschaft ihre persönliche Geschichte durchlaufen; es ist
ebenso die Zeit, die in dem Zusammenstoß zwischen fremden Gemeinschaften
erscheint, die Störung der unveränderlichen Ordnung der Gesellschaft. Die
Geschichte ereignet sich folglich wie ein fremder Faktor vor den Menschen, wie
etwas, das sie nicht gewollt haben und gegen das sie sich abgeschirmt glaubten.
Aber auf diesem Umweg kehrt auch die negative Unruhe des Menschlichen zurück,
die am Ursprung selbst der ganzen Entwicklung stand, welche eingeschlafen war.
129
Die zyklische Zeit ist in sich selbst die Zeit ohne Konflikt. Aber in dieser
Kindheit der Zeit ist der Konflikt angelegt: die Geschichte kämpft zunächst, um
die Geschichte in der praktischen Tätigkeit der Herren zu sein. Oberflächlich
schafft diese Geschichte Irreversibles; ihre Bewegung bildet die Zeit selbst,
die sie ausschöpft, im Inneren der unerschöpflichen Zeit der zyklischen
Gesellschaft.
130
Die „kalten Gesellschaften“ sind diejenigen, die ihren Teil Geschichte aufs
äußerste verlangsamt haben; die ihren Gegensatz zu der natürlichen und
menschlichen Umgebung und ihre inneren Gegensätze in ständigem Gleichgewicht
gehalten haben. Wenn die extreme Verschiedenartigkeit der zu diesem Zweck
errichteten Institutionen von der Plastizität der Selbstschöpfung der
menschlichen Natur zeugt, so erscheint dieses Zeugnis selbstverständlich nur
dem außerhalb stehenden Beobachter, dem aus der geschichtlichen Zeit
zurückgekehrten Ethnologen. In jeder dieser Gesellschaften hat eine endgültige
Strukturierung die Veränderung ausgeschlossen. Der absolute Konformismus der
bestehenden gesellschaftlichen Bräuche, mit denen sich alle die menschlichen
Möglichkeiten für immer identifiziert finden, kennt als äußere Grenze nur die
Furcht, in das formlose Tierwesen zurückzufallen. Hier müssen die Menschen
gleichbleiben, um im Menschlichen zu bleiben.
131
An der Schwelle einer Periode, die bis zum Erscheinen der Industrie keine
tiefgehenden Erschütterungen mehr erfahren wird, bezeichnet die Geburt der
politischen Macht, die in Beziehung zu den letzten großen Revolutionen der
Technik – wie dem Eisenguß – zu stehen scheint, den Moment, der die
Blutsverwandtschaft aufzulösen beginnt. Von nun an tritt die Aufeinanderfolge
der Generationen aus der Sphäre des rein natürlichen Zyklischen heraus, um zu
gerichtetem Ereignis, zu Aufeinanderfolge von Mächten zu werden. Die
irreversible Zeit ist die Zeit desjenigen, der herrscht; und die Dynastien sind
deren erstes Maß. Die Schrift ist ihre Waffe. In der Schrift erreicht die
Sprache ihre volle unabhängige Wirklichkeit als Vermittlung zwischen bewußten
Wesen. Aber diese Unabhängigkeit ist mit der allgemeinen Unabhängigkeit der
getrennten Macht, als der die Gesellschaft bildenden Vermittlung, identisch. Mit
der Schrift erscheint ein Bewußtsein, das nicht mehr in der unmittelbaren
Beziehung zwischen den Lebenden getragen und übertragen wird: ein unpersönliches
Gedächtnis, das der Verwaltung der Gesellschaft. „Die Schriftstücke sind die
Gedanken des Staates; die Archive sein Gedächtnis.“ (Novalis.)
132
Die Chronik ist der Ausdruck der irreversiblen Zeit der Macht und auch das
Instrument, das das voluntaristische Fortschreiten dieser Zeit, von ihrem
früheren Verlauf ab, aufrechterhält; denn diese Orientierung der Zeit muß mit
der Kraft jeder einzelnen Macht zusammenbrechen; und sie fällt wieder der
gleichgültigen Vergessenheit der den Bauernmassen allein bekannten zyklischen
Zeit anheim, welche sich in dem Zusammenbruch der Reiche und ihrer Chronologien
niemals verändern. Die Besitzer der Geschichte haben in die Zeit einen Sinn
gesetzt: eine Richtung, die auch eine Bedeutung ist. Aber diese Geschichte
entfaltet sich und vergeht gesondert: sie läßt die Tiefe der Gesellschaft
unbewegt, denn sie ist gerade das, was von der gemeinsamen Realität getrennt
bleibt. In dieser Hinsicht läßt sich die Geschichte der Reiche des Orients für
uns auf die Geschichte der Religionen zurückführen: diese wieder verfallenen
Chronologien haben nur die scheinbar autonome Geschichte der Illusionen, die
sie umhüllten, hinterlassen. Die Herren, die unter dem Schutz des Mythos das
Privateigentum an der Geschichte im Besitz halten, besitzen es zunächst in der
Art der Illusion: in China und Ägypten hatten sie lange Zeit das Monopol der
Unsterblichkeit der Seele, wie ihre ersten anerkannten Dynastien die imaginäre
Anordnung der Vergangenheit sind. Aber dieser illusorische Besitz der Herren
ist auch der ganze zu jener Zeit mögliche Besitz einer gemeinsamen Geschichte
und ihrer eigenen Geschichte. Die Erweiterung ihrer tatsächlichen Macht geht
mit einer allgemeinen Verbreiterung des illusorischen mythischen Besitzes
einher. All dies ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß die Herren in
genau dem Maße, wie sie es übernahmen, mythisch die Permanenz der zyklischen
Zeit zu garantieren – wie zum Beispiel in den jahreszeitlichen Riten der
chinesischen Kaiser -, sich selbst von derselben relativ befreit haben.
133
Wenn die unerklärte dürre Chronologie der vergötterten Macht, die zu ihren
Dienern spricht, und die nur als irdische Ausführung der Gebote des Mythos
verstanden werden will, berwunden werden kann und zur bewußten Geschichte wird,
muß die wirkliche Teilnahme an der Geschichte von umfassenden Gruppen erlebt
worden sein. Aus dieser praktischen Mitteilung zwischen denjenigen, die sich als
die Besitzer einer einzelnen Gegenwart anerkannt haben, die den qualitativen
Reichtum der Ereignisse als ihre Tätigkeit und als den Ort, worin sie standen –
ihre Epoche -, erfuhren, entsteht die allgemeine Sprache der geschichtlichen
Mitteilung. Diejenigen, für die die irreversible Zeit existiert hat, entdecken
in ihr zugleich die Denkwürdigkeit und das Drohen der Vergessenheit: „Herodot
aus Halikarnaß legt hier die Ergebnisse seiner Untersuchung vor, damit die Zeit
nicht die Werke der Menschen auslöscht.“
134
Das Nachdenken über die Geschichte ist nicht zu trennen von dem Nachdenken über
die Macht. Griechenland war dieser Moment, in dem die Macht und deren
Veränderung diskutiert und begriffen wurden, die Demokratie der Herren der
Gesellschaft. Hier bestand das Gegenteil der Bedingungen, die der despotische
Staat kannte, in dem die Macht im unzugänglichen Dunkel seines konzentriertesten
Punktes stets nur mit sich selbst abrechnete: durch die Palastrevolution, die
bei Erfolg wie bei Mißerfolg gleichermaßen außer Diskussion stehen. Jedoch
existierte die aufgeteilte Macht der griechischen Gemeinschaften nur in der
Verausgabung eines gesellschaftlichen Lebens, dessen Produktion getrennt und
statisch in der Sklavenklasse verblieb. Nur diejenigen, die nicht arbeiten,
leben. Bei der Teilung der griechischen Gemeinschaften, und bei dem Kampf um
die Ausbeutung der fremden Städte, wurde das Prinzip der Trennung, das jede von
ihnen im Inneren begründete, nach außen getragen. Griechenland, das die
Weltgeschichte erträumt hatte, gelang es nicht, sich angesichts der Invasion zu
vereinen; es gelang ihm nicht einmal, die Kalender seiner unabhängigen Städte
zu vereinigen. In Griechenland ist die geschichtliche Zeit bewußt geworden, aber
noch nicht selbstbewußt.
135
Nach dem Verschwinden der örtlich günstigen Bedingungen, die die griechischen
Gemeinschaften gefunden hatten, wurde der Rückschritt des westlichen
geschichtlichen Denkens nicht von einer Wiederherstellung der ehemaligen
mythischen Organisationen begleitet. In dem Aufeinanderstoßen der
Mittelmeervölker, in der Bildung und im Zusammenbruch des römischen Staats,
tauchten halbgeschichtliche Religionen auf, die zu grundlegenden Faktoren des
neuen Bewußtseins der Zeit und zur neuen Rüstung der getrennten Macht wurden.
136
Die monotheistischen Religionen waren ein Kompromiß zwischen dem Mythos und der
Geschichte, zwischen der zyklischen Zeit, die noch die Produktion beherrschte
und der irreversiblen Zeit, in der die Völker aufeinanderstoßen und sich wieder
zusammensetzen. Die aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen sind die
abstrakte universelle Anerkennung der irreversiblen Zeit, die nun zwar
demokratisiert ist und allen offensteht, aber nur im Illusorischen. Die Zeit
ist ganz und gar auf ein einziges letztes Ereignis hin orientiert: „Das Reich
Gottes ist nah.“ Diese Religionen sind auf dem Boden der Geschichte entstanden
und haben sich auf ihm festgesetzt. Aber noch dort bleiben sie in radikalem
Gegensatz zur Geschichte. Die halbgeschichtliche Religion führt in die Zeit
einen qualitativen Ausgangspunkt ein, die Geburt Christi, die Flucht Mohammeds,
aber ihre irreversible Zeit – die eine tatsächliche Akkumulation einleitet, die
im Islam die Gestalt einer Eroberung und im Christentum der Reformation die
Gestalt einer Vermehrung des Kapitals wird annehmen können – ist im religiösen
Denken in Wirklichkeit wie eine Zählung gegen den Strich umgekehrt: das Warten
in der abnehmenden Zeit auf den Zugang zur wahren anderen Welt, das Erwarten des
Jüngsten Gerichts. Die Ewigkeit ist aus der zyklischen Zeit herausgetreten. Sie
ist ihr Jenseits. Sie ist das Element, das die Irreversibilität der Zeit
herabsetzt, das die Geschichte in der Geschichte selbst abschafft, indem sie
sich als ein reines punktuelles Element, in das die zyklische Zeit
zurückgekehrt und verschwunden ist, auf die andere Seite der irreversiblen Zeit
stellt. Bossuet sagt noch: „Und mittels der Zeit, die vergeht, gehen wir in die
Ewigkeit ein, die nicht vergeht.“
137
Das Mittelalter, diese unvollendete mythische Welt, deren Vollkommenheit
außerhalb ihrer selbst lag, ist der Moment, in dem die zyklische Zeit, die noch
den Hauptteil der Produktion regelt, von der Geschichte wirklich untergraben
wird. Eine gewisse irreversible Zeitlichkeit wird allen als Individuen
zuerkannt, in der Aufeinanderfolge der Lebensalter, in dem Leben, das als eine
Reise angesehen wird, als Durchgang ohne Rückkehr durch eine Welt, deren Sinn
anderswo liegt: der Pilger ist der Mensch, der aus dieser zyklischen Zeit
heraustritt, um tatsächlich dieser Reisende zu sein, der jeder Mensch als
Zeichen ist. Das persönliche geschichtliche Leben findet seine Vollendung stets
in der Sphäre der Macht, in der Teilnahme an den von der Macht geführten Kämpfen
und an den Kämpfen im Streit um die Macht; aber die irreversible Zeit der Macht
wird ins Unendliche geteilt bei der allgemeinen Vereinigung der gerichteten Zeit
der christlichen Zeitrechnung, in einer Welt des bewaffneten Vertrauens, in der
sich das Spiel der Herren um die Treue und das Bestreiten der schuldigen Treue
dreht. Diese feudale Gesellschaft, die aus dem Zusammentreffen der
„kriegerischen Organisation des Heerwesens während der Eroberung selbst“ und der
„in den eroberten Ländern vorgefundenen Produktivkräfte“ (Die deutsche
Ideologie) entstand – und zur Organisation dieser Produktivkräfte muß man ihre
religiöse Sprache zählen -, hat die Herrschaft über die Gesellschaft zwischen
der Kirche und der staatlichen Macht geteilt, die ihrerseits in den komplexen
Beziehungen von Lehnsherrlichkeit und Vasallenschaft der Grundlehen und der
städtischen Gemeinden unterteilt war. In dieser Verschiedenartigkeit des
möglichen geschichtlichen Lebens enthüllte sich die irreversible Zeit, durch
welche bewußtlos die Tiefe der Gesellschaft mitgerissen wurde, die von der
Bourgeoisie in der Warenproduktion, in der Gründung und Ausdehnung der Städte,
in der kommerziellen Entdeckung der Erde – dem praktischen Experimentieren, das
jede mythische Organisation des Kosmos für immer zerstört – erlebte Zeit,
allmählich als die unbekannte Arbeit der Epoche, als die große offizielle
geschichtliche Unternehmung dieser Welt mit den Kreuzzügen gescheitert war.
138
Im Herbst des Mittelalters wird die irreversible Zeit, die auf die Gesellschaft
übergreift, von dem an der alten Ordnung haftenden Bewußtsein in der Form einer
Zwangsvorstellung vom Tod empfunden. Darin liegt die Melancholie der Auflösung
einer Welt, der letzten, in der sich die Sicherheit des Mythos noch der
Geschichte das Gleichgewicht hielt; und für diese Melancholie bewegt sich alles
Irdische nur in Richtung auf seinen Verfall. Die großen Aufstände der Bauern
Europas sind auch ihr Versuch einer Antwort auf die Geschichte, die sie
gewaltsam aus dem patriarchalischen Schlaf riß, den die feudale Vormundschaft
gewährleistet hatte. Es ist die millenaristische Utopie der irdischen
Verwirklichung des Paradieses, in der in den Vordergrund tritt, was am Anfang
der halbgeschichtlichen Religion stand, als die christlichen Gemeinden, wie der
jüdische Messianismus, von dem sie herkamen, jene Antworten auf die Unruhen und
das Unglück der Epoche, die unmittelbar bevorstehende Verwirklichung des Reichs
Gottes erwarteten und in der antiken Gesellschaft einen Faktor der Unruhe und
der Subversion beitrugen. Als das Christentum schließlich die Macht im
Kaiserreich mitbesaß, widerlegte es zu rechter Zeit als bloßen Aberglauben all
das, was von dieser Hoffnung übriggeblieben war: dies ist die Bedeutung der
Augustinischen Behauptung, dem Archetyp aller satisfecit der modernen Ideologie,
wonach die eingesessene Kirche bereits seit langem dieses Reich war, von dem
man gesprochen hatte. Der soziale Aufstand des millenaristischen Bauerntums
definiert sich natürlich zunächst als ein Wille zur Zerstörung der Kirche. Aber
der Millenarismus entfaltet sich in der geschichtlichen Welt und nicht auf dem
Boden des Mythos. Die modernen rovolutionären Hoffnungen sind nicht, wie Norman
Cohn in „Das Ringen um das Tausendjährige Reich“ zu beweisen glaubt,
irrationale Folgen der religiösen Leidenschaft des Millenarismus. Es ist ganz im
Gegenteil der Millenarismus, ein revolutionärer Klassenkampf, der zum letzten
Mal die Sprache der Religion gebraucht, der bereits eine moderne revolutionäre
Tendenz ist, welcher noch das Bewußtsein fehlt, nur geschichtlich zu sein. Die
Millenaristen mußten verlieren, weil sie die Revolution nicht als ihr eigenes
Tun anerkennen konnten. Die Tatsache, daß sie um zu handeln ein äußeres Zeichen
der Entscheidung Gottes abwarten, ist die Übersetzung ins Denken einer Praxis,
in der die aufständischen Bauern Anführern folgen, die nicht aus ihren eigenen
Reihen stammen. Die Bauernklasse konnte kein richtiges Bewußtsein darüber
erreichen, wie die Gesellschaft funktionierte und wie ihr eigener Kampf zu
führen war: weil der Bauernklasse diese Bedingungen der Einheit in ihrer
Handlung und in ihrem Bewußtsein fehlten, ist es zu erklären, daß sie ihr
Projekt in den Bildern des Gartens von Eden ausdrückte und ihre Kriege eben
diesen Bildern gemäß führte.
139
Der neue Besitz am geschichtlichen Leben, die Renaissance, die im Altertum ihre
Vergangenheit und ihr Recht findet, trägt in sich den freudigen Bruch mit der
Ewigkeit. Ihre irreversible Zeit ist die Zeit der unendlichen Akkumulation der
Kenntnisse und das geschichtliche Bewußtsein, das aus der Erfahrung der
demokratischen Gemeinschaften und der Kräfte, die sie zerstören, entstanden ist,
fängt mit Machiavelli wieder an, über die entheiligte Macht nachzudenken, das
Unaussprechliche über den Staat auszusprechen. In dem berschäumenden Leben der
italienischen Städte, in der Kunst der Feste, erfährt sich das Leben als
Genießen des Vergehens der Zeit. Aber dieses Genießen des Vergehens mußte auch
selbst vergänglich sein. Das Lied von Lorenzo de‘ Medici, das Burckhardt als
„eine wehmütige Ahnung der kurzen Herrlichkeit der Renaissance selbst“
betrachtet, ist das Eigenlob, das sich dieses zerbrechliche Fest der Geschichte
hielt: „Wie schön die Jugend ist – die so bald vergeht.“
140
Die ständige Bewegung der Monopolisierung des geschichtlichen Lebens durch den
Staat der absoluten Monarchie, der Übergangsform zur vollständigen Herrschaft
der Bürgerklasse, läßt in seiner Wahrheit erscheinen, was die neue irreversible
Zeit der Bourgeoisie ist. Die Bourgeoisie ist mit der zum ersten Mal vom
Zyklischen befreiten Zeit der Arbeit verknüpft. Die Arbeit ist mit der
Bourgeoisie zur Arbeit geworden, die die geschichtlichen Bedingungen verändert.
Die Bourgeoisie ist die erste herrschende Klasse, für die die Arbeit ein Wert
ist. Und die Bourgeoisie, die jedes Privileg abschafft und nur den Wert
anerkennt, der aus der Ausbeutung der Arbeit entspringt, hat gerade mit der
Arbeit ihren eigenen Wert als herrschende Klasse identisch gesetzt und macht den
Fortschritt der Arbeit zu ihrem eigenen Fortschritt. Die Klasse, die die Waren
und das Kapital akkumuliert, verändert ständig die Natur, indem sie die Arbeit
selbst verändert, indem sie deren Produktivität entfesselt. Jedes
gesellschaftliche Leben hat sich bereits in der ornamentalen Armut des Hofes
konzentriert, dem Schmuck der kalten staatlichen Verwaltung, die im
„Königsberuf“ gipfelt; und jede besondere geschichtliche Freiheit mußte ihrem
Verlust zustimmen. Die Freiheit des irreversiblen zeitlichen Spiels der
Feudalherren hat sich in ihren letzten verlorenen Schlachten mit den Kriegen
der Fronde oder der Erhebung der Schotten für Karl-Eduard verbraucht. Die Welt
hat sich von Grund auf verändert.
141
Der Sieg der Bourgeoisie ist der Sieg der zutiefst geschichtlichen Zeit, weil
sie die Zeit der wirtschaftlichen Produktion ist, die die Gesellschaft
fortwährend und von Grund auf verändert. Solange die agrarische Produktion die
Hauptarbeit bleibt, nährt die zyklische Zeit, die auf dem Grund der
Gesellschaft gegenwärtig bleibt, die verbündeten Kräfte der Tradition, die die
Bewegung hemmen. Aber die irreversible Zeit der bürgerlichen Wirtschaft rottet
diese Überreste auf der ganzen weiten Welt aus. Die Geschichte, die bis dahin
als die alleinige Bewegung der Individuen der herrschenden Klasse erschien und
folglich als Geschichte von Ereignissen geschrieben wurde, wird jetzt als die
allgemeine Bewegung begriffen, und in dieser strengen Bewegung werden die
Individuen aufgeopfert. Die Geschichte, die ihre Grundlage in der politischen
Wirtschaft entdeckt, kennt jetzt die Existenz dessen, was ihr Unbewußtes war,
das aber trotzdem noch das Unbewußte bleibt, das sie nicht ans Licht ziehen
kann. Nur diese blinde Vorgeschichte, ein neues Fatum, das kein Mensch
beherrscht, wurde durch die Warenwirtschaft demokratisiert.
142
Die Geschichte, die in der ganzen Tiefe der Gesellschaft gegenwärtig ist,
tendiert dahin, sich an der Oberfläche zu verlieren. Der Triumph der
irreversiblen Zeit ist auch ihre Verwandlung in die Zeit der Dinge, weil die
Waffe zu ihrem Sieg gerade die Serienproduktion von Gegenständen nach den
Gesetzen der Ware war. Das Hauptprodukt, das die Wirtschaft von einem seltenen
Luxusartikel in ein gefährliches Konsumgut verwandelte, ist daher die
Geschichte, aber lediglich als Geschichte der abstrakten Bewegung der Dinge, die
jeden qualitativen Gebrauch des Lebens beherrscht. Während die frühere
zyklische Zeit einen wachsenden Teil von Individuen und Gruppen erlebter
geschichtlicher Zeit in sich trug, tendiert die Herrschaft der irreversiblen
Zeit der Produktion dahin, diese erlebte Zeit gesellschaftlich abzuschaffen.
143
So machte die Bourgeoisie die Gesellschaft mit einer irreversiblen
geschichtlichen Zeit bekannt und zwang sie ihr auf, verweigert ihr aber deren
Gebrauch. „Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr“, weil
die Klasse der Besitzer der Wirtschaft, die nicht mit der Wirtschaftsgeschichte
brechen kann, auch jede andere irreversible Verwendung der Zeit als eine
unmittelbare Bedrohung verdrängen muß. Die herrschende Klasse, die aus
Spezialisten des Besitzes der Dinge besteht, die dadurch selbst ein Besitz der
Dinge sind, muß ihr Schicksal mit der Aufrechterhaltung dieser verdinglichten
Geschichte verknüpfen, mit der Permanenz einer neuen Unbeweglichkeit in der
Geschichte. Zum ersten Mal ist der Arbeiter, der an der Basis der Gesellschaft
steht, der Geschichte nicht materiell fremd, denn irreversibel bewegt sich
jetzt die Basis der Gesellschaft. In der Forderung, die geschichtliche Zeit, die
es macht, zu erleben, findet das Proletariat das einfache, unvergeßliche
Zentrum seines revolutionären Projektes; und jeder der bis heute zerschlagenen
Versuche, dieses Projekt durchzuführen, kennzeichnet einen möglichen
Ausgangspunkt des geschichtlichen neuen Lebens.
144
Die irreversible Zeit der Bourgeoisie, der Herrin der Macht, präsentierte sich
zunächst unter ihrem eigenen Namen, als einen absoluten Ursprung, als das Jahr
1 der Republik. Aber die revolutionäre Ideologie der allgemeinen Freiheit, die
die letzten Reste der mythischen Organisation der Werte und jede traditionelle
Regelung der Gesellschaft beseitigt hatte, ließ bereits den wirklichen Willen
sichtbar werden, den sie mit einem römischen Gewand bekleidet hatte: die
verallgemeinerte Handelsfreiheit. Als die Gesellschaft der Ware dann herausfand,
daß sie die Passivität wiederherzustellen hatte, die sie gründlich hatte
erschüttern müssen, um ihre eigene reine Herrschaft zu erreichten, fand sie in
dem „Christentum, mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, die entsprechendste
Religionsform“ (Das Kapital). Die Bourgeoisie hat darauf mit dieser Religion
einen Kompromiß geschlossen, der sich auch in der Vorstellung der Zeit
ausdrückt: als ihr eigener Kalender aufgegeben wurde, schmiegte sich ihre
irreversible Zeit wieder der christlichen Zeitrechnung an, deren Folge sie
fortsetzte.
145
Mit der Entstehung des Kapitalismus wird die irreversible Zeit weltweit
vereinheitlicht. Die Weltgeschichte wird Wirklichkeit, denn die ganze Welt wird
unter der Entwicklung dieser Zeit versammelt. Aber die Geschichte, die überall
und zugleich dieselbe ist, ist erst noch die innergeschichtliche Ablehnung der
Geschichte. Es ist die in gleiche abstrakte Stücke geschnittene Zeit der
wirtschaftlichen Produktion, die sich auf dem ganzen Planeten als der gleiche
Tag äußert. Die vereinheitlichte irreversible Zeit ist die Zeit des Weltmarkts
und folglich die des Weltspektakels.
146
Die irreversible Zeit der Produktion ist zunächst das Maß der Waren. Daher ist
die Zeit, die sich offiziell über die ganze Weite der Welt hin als die
allgemeine Zeit der Gesellschaft behauptet, indem sie nur die spezialisierten
Interessen bedeutet, aus denen sie gebildet wird, nur eine besondere Zeit.
VI. Die spektakuläre Zeit
„Nichts gehört unser, als nur die Zeit, in welcher selbst der lebt, der keine
Wohnung hat.“
Balthasar Gracian (Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit).
147
Die Zeit der Produktion, die Zeit als Ware, ist eine unendliche Akkumulation
von äquivalenten Intervallen. Sie ist die Abstraktion der irreversiblen Zeit,
deren Abschnitte alle auf dem Chronometer ihre alleinige quantitative Gleichheit
beweisen müssen. Diese Zeit ist in ihrer ganzen Wirklichkeit, was sie in ihrer
Austauschbarkeit ist. Bei dieser gesellschaftlichen Herrschaft der Zeit als
Ware ist „die Zeit alles, der Mensch nichts mehr; er ist höchstens noch die
Verkörperung der Zeit“ (Das Elend der Philosophie). Es ist die entwertete Zeit,
die vollständige Umkehrung der Zeit als „Raum der menschlichen Entwicklung“.
148
Die allgemeine Zeit der menschlichen Nichtentwicklung existiert auch unter dem
ergänzenden Aspekt einer konsumierbaren Zeit, die von dieser bestimmten
Produktion aus zum täglichen Leben der Gesellschaft als eine pseudozyklische
Zeit zurückkehrt.
149
Die pseudozyklische Zeit ist in Wirklichkeit nur die konsumierbare Verkleidung
der Zeit der Produktion, der Zeit als Ware. Sie enthält deren wesentlichen
Charaktere: austauschbare homogene Einheiten und die Abschaffung der
qualitativen Dimension. Aber als Nebenprodukt dieser Zeit, die zur Herstellung
– und Aufrechterhaltung – der Rückständigkeit des konkreten täglichen Lebens
bestimmt ist, muß sie mit Pseudowertungen besetzt sein und in einer Folge
scheinbar individualisierter Momente erscheinen.
150
Die pseudozyklische Zeit ist die Zeit des Konsums des modernen wirtschaftlichen
Überlebens, des vermehrten Überlebens, worin das tägliche Erlebte ohne
Entscheidungsgewalt und unterworfen bleibt, aber nicht mehr der natürlichen
Ordnung, sondern der in der entfremdeten Arbeit entwickelten Pseudonatur; und
so findet diese Zeit ganz natürlich den alten zyklischen Rhythmus wieder, der
das Überleben der vorindustriellen Gesellschaften regelte. Die pseudozyklische
Zeit stützt sich auf die Überreste der zyklischen Zeit und stellt aus ihnen
zugleich neue homologe Zusammensetzungen her: den Tag und die Nacht, die
wöchentliche Arbeit und Ruhe, die Wiederkehr der Ferienzeiten.
151
Die pseudozyklische Zeit ist eine Zeit, die von der Industrie verändert worden
ist. Die Zeit, die ihre Basis in der Produktion der Waren hat, ist selbst eine
konsumierbare Ware, die alles, was sich vorher, während der Auflösungsphase der
alten einheitlichen Gesellschaft in Privatleben, Wirtschaftsleben und
politisches Leben gegliedert hatte, sammelt. Die gesamte konsumierbare Zeit der
modernen Gesellschaft wird schließlich als Rohmaterial neuer verschiedenartiger
Produkte verarbeitet, die sich auf dem Markt als gesellschaftlich organisierte
Zeitanwendungen durchsetzen. „Das Produkt, das in einer für die Konsumtion
fertigen Form existiert, kann von neuem zum Rohmaterial eines anderen Produkts
werden“. (Das Kapital)
152
In seinem fortgeschrittensten Bereich kommt der konzentrierte Kapitalismus
immer mehr zum Verkauf von „komplett ausgestatteten“ Zeitblöcken, von denen
jeder eine einzige vereinheitlichte Ware bildet, die eine bestimmte Zahl
verschiedener Waren in sich integriert hat. So kann in der sich ausdehnenden
Wirtschaft der „Dienstleistungen“ und der Freizeit die Zahlungsformel „alles
inbegriffen“ auftauchen, für die spektakuläre Wohnung, die kollektiven
Pseudoreisen der Ferien, das Abonnement auf den kulturellen Konsum und den
Verkauf selbst der Geselligkeit in der Form von „erregenden Gesprächen“ und
„Begegnungen mit Persönlichkeiten“. Diese Art spektakulärer Ware, die natürlich
nur in Funktion der zunehmenden Knappheit der entsprechenden Wirklichkeiten
Geltung haben kann, gehört ebenso natürlich zu den schrittmachenden Artikeln
der Modernisierung der Verkaufstechniken, indem sie auf Kredit zahlbar ist.
153
Die konsumierbare pseudozyklische Zeit ist die spektakuläre Zeit, als Zeit des
Konsums der Bilder im engen Sinn und zugleich, in ihrem ganzen Ausmaß, ein Bild
des Konsums der Zeit. Die Zeit des Konsums der Bilder, das Medium aller Waren,
ist untrennbar das Feld, auf dem die Instrumente des Spektakels ihre volle
Wirkung ausüben, und das Ziel, das diese Instrumente global als Ort und zentrale
Gestalt aller besonderen Arten des Konsums darstellen: es ist bekannt, daß der
ständige Zeitgewinn, den die moderne Gesellschaft erstrebt – sei es durch die
Schnelligkeit der Beförderungsmittel oder durch den Gebrauch von Fertigsuppen –
für die Bevölkerung der Vereinigten Staaten positiv darin zum Ausdruck kommt,
daß allein das Zuschauen des Fernsehens sie durchschnittlich zwischen drei und
sechs Stunden täglich beschäftigt. Das gesellschaftliche Bild des Konsums der
Zeit wird seinerseits ausschließlich von den Momenten der Freizeit und der
Ferienzeit beherrscht, Momente, die von fern vorgestellt werden und die, wie
jede spektakuläre Ware, durch Postulat begehrenswert sind. Diese Ware wird hier
ausdrücklich als der Moment des wirklichen Lebens ausgegeben, dessen zyklische
Wiederkehr es abzuwarten gilt. Aber in diesen dem Leben zugewiesenen Momenten
selbst ist es noch das Spektakel, das sich zu sehen und zu reproduzieren gibt
und dabei eine noch stärkere Intensität erreicht. Was als das wirkliche Leben
vorgestellt wurde, erweist sich lediglich als das Leben, das noch wirklicher
spektakulär ist.
154
Diese Epoche, die sich selbst ihre Zeit wesentlich als die beschleunigte
Wiederkehr vielfältiger Festlichkeiten zeigt, ist ebenso eine Epoche ohne
Feste. Was in der zyklischen Zeit der Moment der Teilnahme einer Gemeinschaft an
der luxuriösen Verausgabung des Lebens war, ist der Gesellschaft ohne
Gemeinschaft und ohne Luxus unmöglich. Wenn ihre allgemein verbreiteten
Pseudofeste, Parodien des Dialogs und der Gabe, zu einer wirtschaftlichen
Mehrausgabe anregen, bringen sie nur die stets das Versprechen einer neuen
Enttäuschung kompensierende Enttäuschung ein. Die Zeit des modernen Überlebens
muß sich im Spektakel um so nachdrücklicher anpreisen als sich ihr
Gebrauchswert vermindert hat. Die Wirklichkeit der Zeit ist durch die Werbung
für die Zeit ersetzt worden.
155
Während der Konsum der zyklischen Zeit der alten Gesellschaften mit der
wirklichen Arbeit dieser Gesellschaften übereinstimmte, steht der
pseudozyklische Konsum der entwickelten Wirtschaft im Widerspruch zu der
abstrakten irreversiblen Zeit ihrer Produktion. Während die zyklische Zeit die
wirklich erlebte Zeit der unbeweglichen Illusion war, ist die spektakuläre Zeit
die illusorisch erlebte Zeit der sich verändernden Wirklichkeit.
156
Was stets neu im Produktionsprozeß der Dinge ist, findet sich nicht im Konsum
wieder, der die erweiterte Wiederkehr des Gleichen bleibt. Weil die tote Arbeit
weiterhin über die lebendige Arbeit herrscht, herrscht in der spektakulären Zeit
die Vergangenheit über die Gegenwart.
157
Als andere Seite des Mangels des allgemeinen geschichtlichen Lebens hat das
individuelle Leben noch keine Geschichte. Die Pseudoereignisse, die sich in der
spektakulären Dramatisierung drängen, sind nicht von denjenigen erlebt worden,
die über sie informiert sind; und außerdem gehen sie mit jedem Pulsschlag der
spektakulären Maschinerie in der Inflation ihres beschleunigten Ersatzes
verloren. Andererseits steht das, was wirklich erlebt wurde, in keiner
Beziehung zu der offiziellen irreversiblen Zeit der Gesellschaft, und in
direktem Gegensatz zu dem pseudozyklischen Rhythmus des konsumierbaren
Nebenprodukts dieser Zeit. Dieses individuell Erlebte des getrennten täglichen
Lebens bleibt ohne Sprache, ohne Begriff, ohne kritischen Zugang zu seiner
eigenen Vergangenheit, die nirgendwo aufbewahrt ist. Es wird nicht mitgeteilt.
Es ist unbegriffen und vergessen zugunsten des falschen spektakulären
Gedächtnisses für das Undenkwürdige.
158
Das Spektakel, als gegenwärtige gesellschaftliche Organisation der Lähmung der
Geschichte und des Gedächtnisses, des Verzichtes auf die Geschichte, der sich
auf der Grundlage der geschichtlichen Zeit aufbaut, ist das falsche Bewußtsein
von der Zeit.
159
Um die Arbeiter zu dem Stand „freier“ Produzenten und Konsumenten von Zeit als
Ware hinzuführen, war die Vorbedingung die gewaltsame Enteignung ihrer Zeit.
Die spektakuläre Wiederkehr der Zeit ist erst von dieser ersten Enteignung des
Produzenten an möglich geworden.
160
Der unreduzierbare biologische Teil, der in der Arbeit als Abhängigkeit von dem
natürlichen Zyklischen des Wachens und des Schlafens wie auch in der
Handgreiflichkeit der individuellen irreversiblen Zeit des Lebensverschleißes
vorhanden bleibt, ist für die moderne Produktion nur nebensächlich; und als
solche werden diese Elemente in den offiziellen Proklamationen der
Produktionsbewegung und der konsumierbaren Trophäen, die die erschwingliche
Äußerung dieses unaufhörlichen Sieges sind, vernachlässigt. Das im verfälschten
Zentrum der Bewegung seiner Welt immobilisierte zuschauende Bewußtsein kennt in
seinem Leben keinen Übergang mehr zu seiner Verwirklichung und zu seinem Tod.
Wer darauf verzichtet hat, sein Leben zu verausgaben, darf sich nicht mehr
seinen Tod eingestehen. Die Werbung der Lebensversicherungen gibt lediglich zu
verstehen, daß der schuldig ist, wer stirbt, ohne die Regulierung des Systems
nach diesem wirtschaftlichen Verlust gesichert zu haben; und die Werbung des
american way of death betont seine Fähigkeit, bei dieser Begegnung den größten
Teil des Scheins des Lebens aufrechtzuerhalten. An der gesamten übrigen Front
der Werbebombardierungen ist es rundweg verboten zu altern. Danach würde es
darauf ankommen, bei jedem ein „Jugend-Kapital“ zu bewahren, das, obschon es
nur wenig benutzt worden ist, nicht beanspruchen kann, die dauerhafte und
kumulative Realität des Finanzkapitals zu erwerben. Diese gesellschaftliche
Abwesenheit des Todes ist mit der gesellschaftlichen Abwesenheit des Lebens
identisch.
161
Die Zeit ist die notwendige Entäußerung, wie Hegel zeigte, die Sphäre, in der
sich das Subjekt verwirklicht, indem es sich verliert, anders wird, um die
Wahrheit seiner selbst zu werden. Aber ihr Gegenteil ist gerade die herrschende
Entfremdung, die der Produzent einer fremden Gegenwart erfährt. In dieser
räumlichen Entfremdung trennt die Gesellschaft das Subjekt an der Wurzel von der
Tätigkeit, die sie ihm raubt, zunächst aber von seiner eigenen Zeit. Die
überwindbare gesellschaftliche Entfremdung ist gerade diejenige, die die
Möglichkeiten und die Risiken der lebendigen Entäußerung in der Zeit verwehrt
und versteinert hat.
162
Hinter den erscheinenden Moden, die einander an der tändelhaften Oberfläche der
kontemplierten pseudozyklischen Zeit vernichten und wiederzusammensetzen,
besteht der große Stil der Epoche stets in dem, was durch die offensichtliche
und geheime Notwendigkeit der Revolution orientiert wird.
163
Die natürliche Grundlage der Zeit, die sinnliche Gegebenheit des Verfließens
der Zeit, wird menschlich und gesellschaftlich, indem sie für den Menschen
existiert. Der bornierte Stand der menschlichen Praxis, die Arbeit in ihren
verschiedenen Stadien, hat bis heute die Zeit als zyklische Zeit und als
irreversible getrennte Zeit der Wirtschaftsproduktion vermenschlicht und auch
entmenscht. Das revolutionäre Projekt einer klassenlosen Gesellschaft, eines
verallgemeinerten geschichtlichen Lebens, ist das Projekt eines Absterbens des
gesellschaftlichen Zeitmaßes zugunsten eines ludistischen Modells irreversibler
Zeit der Individuen und Gruppen, eines Modells, in dem gleichzeitig verbündete
unabhängige Zeiten vorhanden sind. Es ist das Programm einer totalen
Verwirklichung des Kommunismus, der „alles von den Individuen unabhängig
Bestehende“ abschafft, in der Sphäre der Zeit.
164
Die Welt besitzt schon den Traum von einer Zeit, von der sie jetzt das
Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu erleben.
VII. Die Raumordnung
„Und wer Herr einer bisher freien Stadt wird und sie nicht vernichtet, mag
darauf gefaßt sein, von ihr vernichtet zu werden. Denn die Bürger können sich
bei einer Empörung stets auf ihre Freiheit und alte Verfassung berufen, welche
weder die Zeit noch empfangene Wohltaten in ihrem Gedächtnis auszulöschen
vermögen. Was für Maßregeln und Verkehrungen auch der Eroberer trifft: wenn er
die Einwohner nicht auseinanderreißt und zerstreut, vergessen sie ihre Freiheit
und Verfassung nie.“
Machiavelli (Der Fürst)
165
Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, der von keinen
Außengesellschaften mehr begrenzt ist. Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein
extensiver und intensiver Prozeß der Banalisierung. So wie die Akkumulation der
für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen
und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des
Mittelalters, die die Qualität der handwerksmäßigen Produktion
aufrechterhielten, brechen mußte, mußte sie auch die Autonomie und die Qualität
der Orte auflösen. Diese Macht der Homogenisierung ist die schwere Artillerie,
die alle chinesischen Mauern in den Grund geschossen hat.
166
Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen
Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, wird der freie Raum der Ware nunmehr
ständig verändert und wiederaufgebaut.
167
Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im
Inneren die Entfernung als spektakuläre Trennung wieder auf.
168
Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche
Zirkulation, d.h. der Tourismus, läßt sich im wesentlichen auf die Muße
zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist. Die wirtschaftliche
Erschließung des Besuchs verschiedener Orte ist bereits von selbst die Garantie
ihrer Äquivalenz. Dieselbe Modernisierung, die der Reise die Zeit entzogen hat,
hat ihr auch die Realität des Raums entzogen.
169
Die Gesellschaft, die ihre ganze Umgebung modelliert, hat sich eine spezielle
Technik geschaffen, um die konkrete Basis dieser Aufgabengruppe zu bearbeiten:
ihr Territorium selbst. Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen
und menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur
absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das Ganze des Raums als sein eigenes
Bühnenbild umarbeiten kann und muß.
170
Das kapitalistische Erfordernis, das im Urbanismus als sichtbarer Vereisung des
Lebens befriedigt wird, kann – mit Hegelschen Worten gesagt – als die absolute
Vorherrschaft „des ruhigen Nebeneinander des Raums“ über „das unruhige Werden im
Nacheinander der Zeit“ ausgedrückt werden.
171
Wenn alle technischen Kräfte der kapitalistischen Wirtschaft als
trennungschaffende Kräfte zu verstehen sind, handelt es sich im Fall des
Urbanismus um die Ausrüstung ihrer allgemeinen Basis, um die Bearbeitung des für
ihre Entfaltung geeigneten Bodens; um die Technik der Trennung selbst.
172
Der Urbanismus ist die moderne Ausführung der ununterbrochenen Aufgabe, die die
Klassenherrschaft sicherstellt: die Aufrechterhaltung der Atomisierung der
Arbeiter, die durch die städtischen Produktionsbedingungen gefährlich
zusammengebracht worden waren. Der ständige Kampf, der gegen alle Aspekte
dieser Möglichkeit der Begegnung geführt werden mußte, findet im Urbanismus sein
bevorzugtes Feld. Die Bemühung aller etablierten Mächte seit den Erfahrungen
der französischen Revolution, die Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung in
den Straßen zu vermehren, gipfelt schließlich in der Abschaffung der Straße.
„Mit den Massenkommunikationsmitteln über große Entfernungen hat sich
herausgestellt, daß die Isolierung der Bevölkerung ein viel wirksameres Mittel
der Kontrolle ist“, stellt Lewis Mumford in The City in History fest, wo er
eine „von nun an bestehende Einbahnwelt“ beschreibt. Aber die allgemeine
Isolierungsbewegung, die die Realität des Urbanismus ist, muß auch eine
kontrollierte Wiedereingliederung der Arbeiter nach den planbaren Erfordernissen
der Produktion und des Konsums enthalten. Die Integration in das System muß die
isolierten Individuen als gemeinsam isolierte Individuen wieder in Besitz
nehmen: die Betriebe wie die Kulturzentren, die Feriendörfer wie die großen
Wohnsiedlungen sind speziell für die Ziele dieser Pseudogemeinschaftlichkeit
organisiert, die das vereinzelte Individuum auch in die Familienzelle
begleitet: die verallgemeinerte Verwendung von Empfängern der
Spektakelbotschaft bewirkt, daß seine Vereinzelung von den herrschenden Bildern
bevölkert wird, von Bildern, die erst durch diese Vereinzelung ihre volle Macht
erreichen.
173
Zum ersten Mal ist eine neue Architektur, die in jeder früheren Epoche der
Befriedigung der herrschenden Klassen vorbehalten war, direkt den Armen
zugedacht. Das formale Elend und die riesenhafte Ausdehnung dieser neuen
Wohnungserfahrung sind die Folge ihres Massencharakters, den sowohl ihre
Bestimmung als auch die modernen Konstruktionsbedingungen einschließen. Die
autoritäre Entscheidung, die abstrakt den Raum zu einem Raum der Abstrakten
anordnet, steht natürlich im Zentrum dieser modernen Konstruktionsbedingungen.
Die gleiche Architektur erscheint überall dort, wo die Industrialisierung der
in dieser Hinsicht zurückgebliebenen Länder beginnt, als der neuen
gesellschaftlichen Existenzweise – die es dort ansässig zu machen gilt –
adäquates Terrain. Die überschrittene Wachstumsschwelle der materiellen Macht
der Gesellschaft und die Verzögerung der bewußten Beherrschung dieser Macht
treten im Urbanismus genauso offen zu Tage wie in den Fragen der
thermonuklearen Bewaffnung und der Geburtenfrequenz – und im letzteren Fall geht
es so weit, daß die Möglichkeit einer Manipulation der Erblichkeit bereits
erreicht worden ist.
174
Der gegenwärtige Moment ist bereits derjenige der Selbstzerstörung des
städtischen Milieus. Die Zersplitterung der Städte auf das Land, das durch
„formlose Massen städtischer Überbleibsel“ (Lewis Mumford) überwachsen wird,
wird unmittelbar von den Erfordernissen des Konsums geleitet. Die Diktatur des
Automobils, des Schrittmacherproduktes der ersten Phase des Warenüberflusses,
hat sich durch die Herrschaft der Autobahn, die die alten Zentren sprengt und
eine immer mehr geförderte Versprengung gebietet, in das Gelände eingeprägt.
Zugleich polarisieren sich vorübergehend die Momente der unvollendeten
Reorganisation des städtischen Gefüges um die „Distributionsfabriken“ herum, um
die riesigen Supermarkets, die auf dem nackten Gelände, auf einem
Parkplatz-Sockel, errichtet sind; und diese Tempel des überstürzten Konsums
fliehen selbst in der zentrifugalen Bewegung, die sie wieder abstößt, sobald sie
ihrerseits zu überlasteten Sekundärzentren geworden sind, weil sie zu einer
teilweisen Neuzusammensetzung der Ballung geführt haben. Aber die technische
Organisation des Konsums steht lediglich im Vordergrund der allgemeinen
Auflösung, die die Stadt auf diese Weise dahingebracht hat, daß sie sich selbst
konsumiert.
175
Die Wirtschaftsgeschichte, die sich ganz und gar um den Gegensatz Stadt – Land
herum entwickelt hat, hat eine Erfolgsstufe erreicht, die die beiden Seiten
gleichzeitig vernichtet. Die heutige Lähmung der gesamten geschichtlichen
Entwicklung zugunsten der alleinigen Fortsetzung der selbständigen Bewegung der
Wirtschaft macht den Moment, in dem die Stadt und das Land zu verschwinden
beginnen, nicht zur Aufhebung ihrer Entzweiung, sondern zu ihrem gleichzeitigen
Zusammenbruch. Die gegenseitige Abnutzung der Stadt und des Landes, das Produkt
des Versagens der geschichtlichen Bewegung, durch die die bestehende städtische
Wirklichkeit überwunden werden sollte, erscheint in der eklektischen Mischung
ihrer zerlegten Bestandteile, die die in der Industrialisierung
fortgeschrittensten Zonen überdeckt.
176
Die Weltgeschichte ist in den Städten entstanden, und sie ist in dem Moment des
entscheidenden Sieges der Stadt über das Land mündig geworden. Marx sieht es
als eines der größten revolutionären Verdienste der Bourgeoisie an, daß „sie das
Land der Herrschaft der Stadt unterworfen hat“, deren Luft freimacht. Aber wenn
die Geschichte der Stadt die Geschichte der Freiheit ist, so war sie auch die
Geschichte der Tyrannei, der staatlichen Verwaltung, die das Land und die Stadt
selbst kontrolliert. Die Stadt konnte bisher nur der Kampfplatz der
geschichtlichen Freiheit sein und nicht deren Besitz. Die Stadt ist das Milieu
der Geschichte, weil sie zugleich Konzentration der gesellschaftlichen Macht,
die das geschichtliche Unternehmen möglich macht, und Bewußtsein der
Vergangenheit ist. Die gegenwärtige Tendenz zur Liquidierung der Stadt äußert
daher nur auf eine andere Weise die Verzögerung bei der Unterordnung der
Wirtschaft unter das geschichtliche Bewußtsein und bei einer Vereinigung der
Gesellschaft, die die Mächte wieder ergreift, die sich von ihr abgehoben haben.
177
„Das Land bringt gerade die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und
Vereinzelung, zur Anschauung“ (Die deutsche Ideologie). Der Urbanismus, der die
Städte zerstört, baut ein neues Pseudo-Land auf, in dem die natürlichen
Verhältnisse des alten Landes genauso wie die direkten und direkt in Frage
gestellten gesellschaftlichen Verhältnisse der geschichtlichen Stadt verloren
sind. Eine neue künstliche Bauernschaft wird durch die Bedingungen der Siedlung
und der spektakulären Kontrolle in dem heutigen „geordneten Raum“ geschaffen:
die Verstreuung im Raum und die bornierte Mentalität, die stets die
Bauernschaft daran gehindert haben, eine unabhängige Aktion zu unternehmen und
sich als schöpferische geschichtliche Macht zu behaupten, bilden wieder die
Merkmale der Produzenten – und die Bewegung einer Welt, die sie selbst
erzeugen, bleibt ihnen genauso unerreichbar, wie es der natürliche Rhythmus der
Arbeiten für die Agrargesellschaft war. Aber wenn diese Bauernschaft, die die
unerschütterliche Basis des „orientalischen Despotismus“ war und deren
Zersplitterung selbst nach der bürokratischen Zentralisierung rief, als Produkt
der Wachstumsbedingungen der modernen staatlichen Bürokratisierung wieder
auftaucht, muß ihre Apathie diesmal geschichtlich erzeugt und erhalten worden
sein; die natürliche Unwissenheit hat dem organisierten Spektakel des Irrtums
Platz gemacht. Die „neuen Städte“ der technologischen Pseudobauernschaft prägen
in das Terrain deutlich den Bruch mit der geschichtlichen Zeit ein, auf die sie
aufgebaut sind; ihr Motto kann lauten: „Hier selbst wird nie etwas geschehen und
hier ist nie etwas geschehen“. Weil die Geschichte, die es in den Städten zu
befreien gilt, in ihnen noch nicht befreit worden ist, gerade darum beginnen die
Kräfte der geschichtlichen Abwesenheit, ihre eigene exklusive Landschaft
zusammenzustellen.
178
Die Geschichte, die diese dämmernde Welt bedroht, ist auch die Kraft, die der
erlebten Zeit den Raum unterwerfen kann. Die proletarische Revolution ist diese
Kritik der menschlichen Geographie, durch die die Individuen und die
Gemeinschaften die Landschaften und die Ereignisse konstruieren müssen, die der
Aneignung nicht mehr nur ihrer Arbeit, sondern ihrer gesamten Geschichte
entsprechen. In diesem bewegten Raum des Spiels und der freigewählten
Variationen der Spielregeln kann die Autonomie des Ortes wiedergefunden werden,
ohne eine neue ausschließende Bindung an den Boden einzuführen, und dadurch die
Wirklichkeit der Reise und des als Reise verstandenen Lebens zurückbringen,
einer Reise, die in sich selbst all ihren Sinn hat.
179
Die größte revolutionäre Idee über den Urbanismus ist selbst weder urbanistisch
noch technologisch oder ästhetisch. Es ist die Entscheidung, den Raum nach den
Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der anti-staatlichen Diktatur des
Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig wiederaufzubauen. Und die
Macht der Räte, die nur wirklich sein kann, wenn sie die Totalität der
bestehenden Bedingungen verändert, wird sich, wenn sie anerkannt werden will
und sich selbst in ihrer Welt erkennen will, keine geringere Aufgabe stellen
können.
VIII. Die Negation und der Konsum in der Kultur
„Wir werden eine politische Revolution erleben? Wir, die Zeitgenossen dieser
Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen. Wenn ich Deutschland
nach seiner bisherigen und nach seiner gegenwärtigen Geschichte beurteile, so
werden Sie mir nicht einwerfen, seine ganze Geschichte sei verfälscht, und
seine ganze jetzige Öffentlichkeit stelle nicht den eigentlichen Zustand des
Volkes dar. Lesen Sie die Zeitungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich,
daß man nicht aufhört – und Sie werden zugeben, daß die Zensur niemand hindert
aufzuhören -, die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir
besitzen.“
Ruge (Brief an Marx, März 1843)
180
Die Kultur ist, in der in Klassen geteilten geschichtlichen Gesellschaft, die
allgemeine Sphäre der Erkenntnis und der Vorstellungen des Erlebten; d.h. sie
ist jenes Vermögen der Verallgemeinerung, das getrennt besteht, als Teilung der
intellektuellen Arbeit und als intellektuelle Arbeit der Teilung. Die Kultur
hat sich von der Einheit der Gesellschaft des Mythos abgehoben, „wenn die Macht
der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre
lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit
gewinnen.“ (Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems). Indem sie
ihre Unabhängigkeit gewinnt, fängt die Kultur eine imperialistische Bewegung
der Bereicherung an, die gleichzeitig der Niedergang ihrer Unabhängigkeit ist.
Die Geschichte, die die relative Autonomie der Kultur und die ideologischen
Illusionen über diese Autonomie schafft, drückt sich auch als Kulturgeschichte
aus. Und die gesamte Eroberungsgeschichte der Kultur läßt sich als die
Geschichte der Offenbarung ihrer Unzulänglichkeit, als ein Fortgang zu ihrer
Selbstauflösung begreifen. Die Kultur ist der Ort der Suche nach der verlorenen
Einheit. Bei dieser Suche nach der Einheit ist die Kultur als getrennte Sphäre
gezwungen, sich selbst zu verneinen.
181
Der Kampf zwischen Tradition und Neuerung, der das innere Entwicklungsprinzip
der Kultur der geschichtlichen Gesellschaften ist, kann nur durch den ständigen
Sieg der Neuerung fortgeführt werden. Die Neuerung in der Kultur wird indessen
von nichts anderem getragen, als von der totalen geschichtlichen Bewegung, die,
indem sie sich ihrer Totalität bewußt wird, nach der Aufhebung ihrer eigenen
kulturellen Voraussetzungen strebt und auf die Abschaffung jeder Trennung
hingeht.
182
Der Aufschwung der Erkenntnisse der Gesellschaft, der das Begreifen der
Geschichte als das Herz der Kultur beinhaltet, gelangt zu einer
unwiderruflichen Selbsterkenntnis, die durch die Zerstörung Gottes ausgedrückt
wird. Aber diese „Voraussetzung aller Kritik“ ist zugleich auch die erste
Verpflichtung zu einer endlosen Kritik. Wo keine Verhaltensregel mehr
fortbestehen kann, wird die Kultur durch jedes ihrer Resultate ihrer Auflösung
näher gebracht. Wie die Philosophie im Augenblick, in dem sie ihre volle
Autonomie erlangt hat, muß jede autonom gewordene Disziplin zusammenbrechen, und
zwar zunächst als Anspruch kohärenter Erklärung der gesellschaftlichen
Totalität und schließlich sogar als innerhalb ihrer eigenen Grenzen brauchbare
parzellierte Instrumentierung. Der Mangel an Rationalität der getrennten Kultur
ist das Element, das sie zu verschwinden verdammt, denn in ihr ist der Sieg des
Rationellen bereits als Forderung vorhanden.
183
Die Kultur ist aus der Geschichte entstanden, die die Lebensart der alten Welt
aufgelöst hat, aber als getrennte Sphäre ist sie noch nichts weiter, als das
Verständnis und die sinnliche Kommunikation, die in einer teilweise
geschichtlichen Gesellschaft partiell bleibt. Sie ist der Sinn einer allzuwenig
sinnigen Welt.
184
Das Ende der Kulturgeschichte äußert sich auf zwei entgegengesetzten Seiten: im
Projekt ihrer Aufhebung in der totalen Geschichte und in der Veranstaltung
ihrer Aufrechterhaltung als toter Gegenstand in der spektakulären Kontemplation.
Die eine dieser Bewegungen hat ihr Schicksal mit der gesellschaftlichen Kritik,
und die andere das ihre mit der Verteidigung der Klassenherrschaft verknüpft.
185
Jede der beiden Seiten des Endes der Kultur existiert einheitlich sowohl in
allen Aspekten der Erkenntnisse als in allen Aspekten der sinnlichen
Vorstellungen – existiert also in dem, was die Kunst im allgemeinsten Sinne war.
Im ersten Fall stehen einander die Akkumulation fragmentarischer Kenntnisse,
die darum unbrauchbar werden, weil die Billigung der bestehenden Bedingungen auf
ihre eigenen Kenntnisse schließlich verzichten muß, und die Theorie der Praxis
gegenüber, die die einzige Inhaberin der Wahrheit aller Kenntnisse ist, indem
sie als einzige über das Geheimnis ihres Gebrauchs verfügt. Im zweiten Fall
stehen einander die kritische Selbstzerstörung der alten gemeinsamen Sprache
der Gesellschaft und ihre künstliche Wiederzusammensetzung im Warenspektakel,
die illusorische Vorstellung des Nichterlebten gegenüber.
186
Die Gesellschaft muß, wenn sie die Gemeinschaft der Gesellschaft des Mythos
verliert, alle Bezugspunkte einer wirklich gemeinsamen Sprache verlieren, bis
zu dem Moment, da die Entzweiung der untätigen Gemeinschaft durch das Gelangen
zur wirklichen geschichtlichen Gemeinschaft überwunden werden kann. Sobald sich
die Kunst, die diese gemeinsame Sprache der gesellschaftlichen Untätigkeit war,
zur unabhängigen Kunst im modernen Sinn herausbildet, wenn sie aus ihrem
ursprünglichen religiösen Universum hervortaucht und zur individuellen
Produktion getrennter Werke wird, erfährt sie als besonderer Fall die Bewegung,
die die Geschichte der gesamten getrennten Kultur beherrscht. Ihre unabhängige
Behauptung ist der Anfang ihrer Auflösung.
187
Daß die Sprache der Kommunikation verloren wurde, dies wird positiv durch die
moderne Auflösungsbewegung aller Kunst, durch ihre formale Vernichtung
ausgedrückt. Was diese Bewegung negativ ausdrückt, ist die Tatsache, daß eine
gemeinsame Sprache wiedergefunden werden muß – nicht mehr in der einseitigen
Schlußfolgerung, die für die Kunst der geschichtlichen Gesellschaft immer zu
spät kam, und anderen von dem sprach, was ohne wirklichen Dialog erlebt wurde,
und diese Mangelhaftigkeit des Lebens zuließ -, aber auch daß diese Sprache in
der Praxis wiedergefunden werden muß, die die direkte Tätigkeit und deren
Sprache in sich vereint. Es geht darum, die Gemeinsamkeit des Dialogs und das
Spiel mit der Zeit, die von dem poetisch-künstlerischen Werk vorgestellt
wurden, tatsächlich zu besitzen.
188
Wenn die unabhängig gewordene Kunst ihre Welt in leuchtenden Farben malt, ist
ein Moment des Lebens alt geworden, und mit leuchtenden Farben läßt er sich
nicht verjüngen, sondern nur in der Erinnerung wachrufen. Die Größe der Kunst
beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung des Lebens zu erscheinen.
189
Die geschichtliche Zeit, die auf die Kunst übergreift, hat sich vom Barock an
zunächst in der Sphäre der Kunst selbst ausgedrückt. Das Barock ist die Kunst
einer Welt, die ihr Zentrum verloren hat: die vom Mittelalter anerkannte letzte
mythische Ordnung im Kosmos und in der irdischen Regierung – die Einheit des
Christentums und das Gespenst eines Kaiserreichs – ist zusammengebrochen. Die
Kunst der Veränderung muß in sich das ephemere Prinzip tragen, das sie in der
Welt vorfindet. Sie hat, so sagt Eugenio d’Ors, „das Leben gegen die Ewigkeit“
gewählt. Das Theater und das Fest, das theatralische Fest, sind die
herrschenden Momente der barocken Gestaltung, in der jeder besondere
künstlerische Ausdruck seinen Sinn erst durch seine Verweisung auf das
Bühnenbild eines konstruierten Ortes erhält, auf eine Konstruktion, die ihr
eigenes Vereinigungszentrum sein muß: und dieses Zentrum ist das Vergehen, das
als bedrohtes Gleichgewicht in die dynamische Unordnung von allem
eingeschrieben ist. Die manchmal übertriebene Wichtigkeit, die der Begriff des
Barocks in der zeitgenössischen ästhetischen Diskussion erhalten hat, äußert
das Bewußtwerden der Unmöglichkeit eines künstlerischen Klassizismus: die
Anstrengungen, die zugunsten eines normativen Klassizismus oder Neoklassizismus
seit drei Jahrhunderten unternommen wurden, führten lediglich zu kurzen,
künstlichen Konstruktionen, die die äußere Sprache des Staates sprachen, die
Sprache der absoluten Monarchie oder der revolutionären Bourgeoisie im
römischen Gewand. Von der Romantik bis zum Kubismus folgte dem allgemeinen
Verlauf des Barocks schließlich eine immer stärker individualisierte Kunst der
Negation, die sich fortwährend erneuerte, bis zur vollständigen Zerstückelung
und Negation der künstlerischen Sphäre. Das Verschwinden der geschichtlichen
Kunst, die mit der internen Kommunikation einer Elite verknüpft war, die ihre
halbunabhängige gesellschaftliche Basis in den teilweise ludistischen
Bedingungen hatte, die die letzten Aristokratien noch erlebten, äußert auch die
Tatsache, daß der Kapitalismus die erste Klassenherrschaft erfährt, die ihren
Mangel an jeder ontologischen Qualität bekennt; und deren Macht, die in der
bloßen Wirtschaftsverwaltung wurzelt, ebenso der Verlust jeder menschlichen
Meisterschaft ist. Das Barock als Ganzes, das für die künstlerische Schöpfung
eine seit langem verlorene Einheit ist, findet sich gewissermaßen im jetzigen
Konsum der gesamten künstlerischen Vergangenheit wieder. Die geschichtliche
Kenntnis und Anerkennung der ganzen Kunst der Vergangenheit, die zurückblickend
zur Weltkunst erhoben wird, relativieren sie zu einer globalen Unordnung, die
ihrerseits auf einer höheren Stufe einen barocken Bau bildet, in dem die
Produktion einer barocken Kunst selbst und all ihre Wiedererscheinungen
verschmelzen müssen. Zum ersten Mal können die Künste aller Zivilisationen und
aller Epochen allesamt gekannt und zugelassen werden. Diese „Er-lnnerung“ der
Geschichte der Kunst ist, indem sie möglich wird, auch das Ende der Welt der
Kunst. In dieser Epoche der Museen, wenn es keine künstlerische Kommunikation
mehr geben kann, können alle alten Momente der Kunst gleichermaßen zugelassen
werden, denn kein Moment der Kunst leidet mehr, bei dem gegenwärtigen Verlust
der Kommunikationsbedingungen überhaupt, unter dem Verlust seiner besonderen
Kommunikationsbedingungen.
190
In der Epoche ihrer Auflösung ist die Kunst als negative Bewegung, die die
Aufhebung der Kunst in einer geschichtlichen Gesellschaft verfolgt, in der die
Geschichte noch nicht erlebt wird, eine Kunst der Veränderung und zugleich der
reine Ausdruck der unmöglichen Veränderung. Je grandioser ihre Forderung ist,
um so mehr liegt ihre wahre Verwirklichung jenseits ihrer. Diese Kunst ist
gezwungenermaßen Avantgarde und diese Kunst existiert nicht. Ihre Avantgarde
ist ihr Verschwinden.
191
Der Dadaismus und der Surrealismus sind die beiden Strömungen, die das Ende der
modernen Kunst kennzeichneten. Sie sind, wenn auch nur auf eine relativ bewußte
Weise, Zeitgenossen des letzten großen Sturmangriffs der revolutionären
proletarischen Bewegung; und das Scheitern dieser Bewegung, das sie gerade im
künstlerischen Feld, dessen Hinfälligkeit sie proklamiert hatten, eingeschlossen
hielt, ist der Hauptgrund für ihre Immobilisierung. Der Dadaismus und der
Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im
Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen
auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint
die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen
nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben, ohne
sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne
sie aufzuheben. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische
Position hat gezeigt, daß die Aufhebung und die Verwirklichung der Kunst die
unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Überwindung der Kunst sind.
192
Der spektakuläre Konsum, der die alte Kultur, die angepaßte Wiederholung ihrer
negativen Äußerung mit inbegriffen, gefroren konserviert, wird offen in seinem
kulturellen Bereich zu dem, was er implizit in seiner Gesamtheit ist: die
Kommunikation des Unmitteilbaren. Die höchste Zerstörung der Sprache kann hier
flach als ein offizieller positiver Wert anerkannt werden, denn es geht nur
darum, eine Versöhnung mit dem herrschenden Zustand der Dinge zur Schau zu
tragen, bei dem jede Kommunikation freudig als abwesend proklamiert wird. Die
kritische Wahrheit dieser Zerstörung, als wirkliches Leben der modernen Kunst
und Dichtung ist natürlich versteckt, denn das Spektakel, dessen Funktion darin
besteht, in der Kultur die Geschichte in Vergessenheit zu bringen, wendet in
der Pseudoneuheit seiner modernistischen Mittel gerade die Strategie an, die es
im Grunde ausmacht. So kann sich eine Schule der Neo-Literatur als neu ausgeben,
die einfach zugibt, daß sie das Geschriebene um seiner selbst willen
betrachtet. Sonst versucht die modernste -und mit der repressiven Praxis der
allgemeinen Organisation der Gesellschaft am engsten verbundene – Tendenz der
spektakulären Kultur, neben der bloßen Proklamation der hinreichenden Schönheit
der Auflösung des Kommunizierbaren, durch „Gesamtkunstwerke“ aus den
aufgelösten Elementen ein komplexes neokünstlerisches Milieu
wiederzusammenzusetzen; besonders gilt das für die Bemühungen der Integrierung
der künstlerischen Trümmer und der technisch-ästhetischen Zwitter im
Urbanismus. Dies ist, auf die Ebene der spektakulären Pseudokultur, die
Übertragung jenes allgemeinen Projekts des entwickelten Kapitalismus, den
Teilarbeiter als „fest in die Gruppe integrierte Persönlichkeit“ wieder zu
ergreifen, eine Tendenz, die von den jüngeren amerikanischen Soziologen
beschrieben wurde (Riesman, Whyte usw.). Es ist überall dasselbe Projekt einer
Neustrukturierung ohne Gemeinschaftlichkeit.
193
Die Kultur, die ganz und gar zur Ware geworden ist, muß auch zur Star-Ware der
spektakulären Gesellschaft werden. Clark Kerr, einer der fortgeschrittensten
Ideologen dieser Tendenz, hat errechnet, daß der komplexe Produktions-,
Distributions- und Konsumprozeß der Kenntnisse schon 29 % des amerikanischen
Nationalprodukts jährlich mit Beschlag belegt; und er sieht voraus, daß die
Kultur in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die treibende Rolle in der
Wirtschaftsentwicklung spielen wird, die in der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts vom Kraftwagen und in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
von der Eisenbahn gespielt wurde.
194
Die Gesamtheit der Kenntnisse, die sich zur Zeit als Denken des Spektakels
fortentwickelte, muß eine Gesellschaft rechtfertigen, die keine
Rechtfertigungen hat, und sich zu einer allgemeinen Wissenschaft des falschen
Bewußtseins herausbilden. Sie ist ganz durch die Tatsache bedingt, daß sie ihre
eigene materielle Grundlage im spektakulären System weder denken kann noch will.
195
Das Denken der gesellschaftlichen Organisation des Scheins wird seinerseits
durch die verallgemeinerte Hilfs-Kommunikation, die es verteidigt, verdunkelt.
Es weiß nicht, daß der Konflikt der Vater aller Dinge seiner Welt ist. Die
Spezialisten der Macht des Spektakels, einer Macht, die im Inneren seines
Systems einer Sprache ohne Antwort absolut ist, sind durch ihre Erfahrung der
Verachtung und des Gelingens der Verachtung absolut korrumpiert; denn sie
finden ihre Verachtung durch die Kenntnis des verachtungswerten Menschen
bestätigt, der der Zuschauer wirklich ist.
196
In dem spezialisierten Denken des spektakulären Systems findet eine neue
Teilung der Aufgaben je nachdem statt, wie die Vervollkommnung dieses Systems
selbst neue Probleme stellt: auf der einen Seite unternimmt die moderne
Soziologie, die die Trennung allein mit Hilfe der begrifflichen und materiellen
Instrumente der Trennung studiert, die spektakuläre Kritik des Spektakels; auf
der anderen Seite bildet sich in den verschiedenen Disziplinen, in denen sich
der Strukturalismus einwurzelt, die Apologie des Spektakels zum Denken des
Nichtdenkens, zum berechtigten Vergessen der geschichtlichen Praxis heraus.
Dennoch sind die falsche Verzweiflung der undialektischen Kritik und der
falsche Optimismus der reinen Werbung des Systems als unterwürfiges Denken
identisch.
197
Die Soziologie, die zunächst in den Vereinigten Staaten damit begonnen hat, die
mit der jetzigen Entwicklung geschaffenen Existenzbedingungen zur Diskussion zu
stellen, hat zwar zahlreiche empirische Gegebenheiten anführen können, erkennt
jedoch in keiner Weise die Wahrheit ihres eigenen Gegenstandes, weil sie nicht
in ihm selbst die Kritik findet, die ihm immanent ist. Infolgedessen stützt sich
die aufrichtig reformistische Tendenz dieser Soziologie lediglich auf die
Moral, den gesunden Menschenverstand, auf höchst unpassende Appelle an die
Mäßigung usw. Weil eine derartige Kritik das Negative, das im Zentrum ihrer
Welt steht, nicht erkennt, beschreibt sie lediglich mit Nachdruck eine Art
negativen Überschusses, der ihr beklagenswerterweise die Oberfläche dieser Welt
zu überfüllen scheint, wie eine irrationelle parasitäre Wucherung. Dieser
entrüstete gute Wille, der es selbst als solcher nicht weiter bringt als die
äußere Form des Systems zu tadeln, hält sich für kritisch und vergißt dabei den
wesentlich apologetischen Charakter seiner Voraussetzungen und seiner Methode.
198
Diejenigen, die die Aufforderung zur Verschwendung in der Gesellschaft des
wirtschaftlichen Überflusses als absurd oder gefährlich denunzieren, wissen
nicht, wozu die Verschwendung dient. Sie verurteilen mit Undankbarkeit, im Namen
der wirtschaftlichen Rationalität die treuen irrationellen Wächter, ohne welche
die Gewalt dieser wirtschaftlichen Rationalität zusammenbrechen würde. Boorstin
z.B., der in „Image“ den Warenkonsum des amerikanischen Spektakels beschreibt,
erreicht niemals den Begriff des Spektakels, weil er glaubt, das Privatleben
oder die Idee der „ehrlichen Ware“ aus dieser unheilvollen Übertreibung
ausklammern zu können. Er versteht nicht, daß die Ware selbst die Gesetze
gemacht hat, deren „ehrliche“ Anwendung ebenso zur besonderen Realität des
Privatlebens führt wie zu ihrer späteren Rückeroberung durch den
gesellschaftlichen Konsum von Bildern.
199
Boorstin beschreibt die Übertreibungen einer Welt, die uns fremd geworden ist,
als Übertreibungen, die unserer Welt fremd sind. Aber die „normale“ Grundlage
des gesellschaftlichen Lebens, auf die er sich implizite bezieht, wenn er die
oberflächliche Herrschaft der Bilder, in der Sprache des psychologischen und
moralischen Urteils, als das Produkt „unserer extravaganten Ansprüche“
bezeichnet, besitzt weder in seinem Buch noch in seiner Epoche irgendeine
Realität. Gerade weil für Boorstin das wirkliche menschliche Leben, von dem er
spricht, in der Vergangenheit liegt, mit Einschluß der Vergangenheit der
religiösen Ergebung, kann er nicht die ganze Tiefe einer Gesellschaft des Bildes
begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation
dieser Gesellschaft.
200
Die Soziologie, die glaubt, eine getrennt funktionierende industrielle
Rationalität von der Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens absondern zu
können, kann bis dahin gehen, daß sie von der globalen industriellen Bewegung
die Techniken der Reproduktion und der Übertragung absondert. So findet
Boorstin den Grund der Ergebnisse, die er ausmalt, in dem unglücklichen,
gleichsam zufälligen Zusammentreffen eines zu großen technischen Apparates zur
Verbreitung der Bilder mit einer zu großen Anziehungskraft, die die
Pseudo-Sensation auf die Menschen unserer Epoche ausübt. So läge der Grund für
das Spektakel in der Tatsache, daß der moderne Mensch zu sehr Zuschauer sei.
Boorstin begreift nicht, daß das Wuchern von vorgefertigten „Pseudoereignissen“,
das er denunziert, aus der einfachen Tatsache hervorgeht, daß die Menschen in
der massiven Realität des jetzigen gesellschaftlichen Lebens selbst keine
Ereignisse erleben. Gerade weil die Geschichte selbst in der modernen
Gesellschaft wie ein Gespenst umgeht, findet man Pseudogeschichte, die auf allen
Ebenen des Konsums des Lebens gebaut wird, um das bedrohte Gleichgewicht der
heutigen eingefrorenen Zeit zu erhalten.
201
Die Behauptung der endgültigen Stabilität einer kurzen Frostperiode der
geschichtlichen Zeit ist die unleugbare, bewußtlos und bewußt proklamierte
Grundlage der heutigen Tendenz einer strukturalistischen Systematisierung. Der
Standpunkt, den das antigeschichtliche Denken des Strukturalismus einnimmt, ist
der der ewigen Gegenwart eines Systems, das nie geschaffen wurde und nie enden
wird. Der Traum der Diktatur einer unbewußten vorgegebenen Struktur über jede
gesellschaftliche Praxis konnte mißbräuchlich aus den Strukturmodellen gezogen
werden, welche die Linguistik und die Ethnologie ausgearbeitet hatten (ja sogar
die Funktionsanalyse des Kapitalismus), Modelle, die bereits unter diesen
Umständen mißverstanden wurden, einfach deshalb, weil ein akademisches Denken
schnell befriedigter mittlerer Angestellter, das vollständig in dem bewundernden
Lob des bestehenden Systems versunken ist, jede Realität einfach auf die
Existenz des Systems zurückführt.
202
Zum Verständnis der „strukturalistischen“ Kategorien, wie überhaupt bei jeder
historischen sozialen Wissenschaft, ist immer festzuhalten, daß die Kategorien
Daseinsformen, Existenzbedingungen ausdrücken. Sowenig man den Wert eines
Individuums nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man
diese bestimmte Gesellschaft bewerten – und bewundern -, indem man die Sprache,
in der sie zu sich selbst spricht, als unbestreitbar wahr annimmt. „Ebensowenig
kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern
muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens
erklären.“ Die Struktur ist das Kind der gegenwärtigen Macht. Der
Strukturalismus ist das vom Staat garantierte Denken, das die gegenwärtigen
Bedingungen der spektakulären „Mitteilung“ als ein Absolutes denkt. Seine Art,
den Code der Botschaften an sich selbst zu studieren, ist lediglich das Produkt
und die Anerkennung einer Gesellschaft, in der die Mitteilung in der Form einer
Kaskade hierarchischer Signale besteht. Es ist demnach nicht der
Strukturalismus, der zum Beweis der übergeschichtlichen Gültigkeit der
Gesellschaft des Spektakels dient; es ist im Gegenteil die Gesellschaft des
Spektakels, die sich als massive Realität durchsetzt und zum Beweis des kalten
Traums des Strukturalismus dient.
203
Ohne Zweifel kann der kritische Begriff des Spektakels auch in irgendeiner
soziologisch-politischen rhetorischen Hohlformel verbreitet werden, um abstrakt
alles zu erklären und zu denunzieren, und so der Verteidigung des spektakulären
Systems dienen. Denn es ist evident, daß keine Idee über das bestehende
Spektakel, sondern lediglich über die bestehenden Ideen vom Spektakel
hinausführen kann. Zur wirklichen Zerstörung der Gesellschaft des Spektakels
bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten. Die kritische
Theorie des Spektakels ist nur wahr, indem sie sich mit der praktischen
Strömung zur Negation in der Gesellschaft vereinigt, und diese Negation, die
Wiederaufnahme des revolutionären Klassenkampfes, wird sich ihrer selbst bewußt
werden, indem sie die Kritik des Spektakels entwickelt, die die Theorie ihrer
wirklichen Bedingungen, der praktischen Bedingungen der gegenwärtigen
Unterdrückung ist, und die umgekehrt das Geheimnis dessen enthüllt, was sie zu
sein vermag. Diese Theorie erwartet keine Wunder von der Arbeiterklasse. Sie
betrachtet die neue Formulierung und Verwirklichung der proletarischen
Forderungen als eine langwierige Aufgabe. Um zwischen theoretischem und
praktischem Kampf künstlich zu unterscheiden – denn auf der hier definierten
Grundlage läßt sich die Herausbildung und die Mitteilung einer derartigen
Theorie schon nicht ohne eine strenge Praxis begreifen -, es steht fest, daß der
dunkle und schwierige Marsch der kritischen Theorie auch zum Schicksal der auf
Gesellschaftsebene handelnden praktischen Bewegung werden muß.
204
Die kritische Theorie muß sich in ihrer eigenen Sprache mitteilen. Diese
Sprache ist die Sprache des Widerspruchs, die in ihrer Form dialektisch sein
muß, wie sie es in ihrem Inhalt ist. Sie ist Kritik der Totalität und
geschichtliche Kritik. Sie ist kein „Nullpunkt des Schreibens“, sondern seine
Umkehrung. Sie ist keine Negation des Stils, sondern der Stil der Negation.
205
In ihrem Stil selbst ist die Darlegung der dialektischen Theorie nach den
Regeln der herrschenden Sprache und für den von ihnen anerzogenen Geschmack ein
Ärgernis und ein Greuel, weil sie in der positiven Verwendung der bestehenden
Begriffe zugleich auch das Verständnis ihrer wiedergefundenen fließenden
Bewegung, ihren notwendigen Untergang einschließt.
206
Dieser Stil, der seine eigene Kritik enthält, muß die Herrschaft der
gegenwärtigen Kritik über ihre ganze Vergangenheit ausdrücken. Durch ihn
bezeugt die Darlegungsweise der dialektischen Theorie den negativen Geist, der
in ihr steckt. Die Wahrheit ist nicht „so, wie das Werkzeug von dem dortigen
Gefäße wegbleibt.“ (Hegel.) Dieses theoretische Bewußtsein der Bewegung, in dem
die Spur der Bewegung selbst gegenwärtig sein muß, äußert sich durch die
Umkehrung der etablierten Beziehungen zwischen den Begriffen und durch die
Entwendung aller Errungenschaften der früheren Kritik. Die Umkehrung des
Genitivs ist dieser in der Form des Denkens aufbewahrte Ausdruck der
geschichtlichen Revolutionen, der als der epigrammatische Stil Hegels betrachtet
wurde. Als der junge Marx, dem systematischen Gebrauch Feuerbachs entsprechend,
den Ersatz des Subjekts durch das Prädikat empfahl, gelangte er zu der
konsequentesten Anwendung dieses aufrührerischen Stils, der aus der Philosophie
des Elends das Elend der Philosophie hervorzieht. Die Entwendung führt die
vergangenen kritischen Folgerungen, die zu ehrenwerten Wahrheiten erstarrt
sind, d.h. in Lügen verwandelt wurden, wieder der Subversion zu. Die Entwendung
wurde bereits von Kierkegaard bewußt gebraucht und dabei von ihm selbst
denunziert: „Wie du dich aber auch drehen und wenden magst: wie der Saft immer
in der Speisekammer endet, so kommst du immer dahin, ein kleines Wort
einzumischen, das nicht dein Eigentum ist und das durch die Erinnerung stört,
die es erweckt.“ (Philosophische Brocken.) Es ist die Verpflichtung zur
Entfernung von dem, was zur offiziellen Wahrheit verfälscht wurde, die diese
Anwendung der Entwendung bestimmt, zu der sich Kierkegaard in dem gleichen Buch
auf folgende Weise bekennt: „Nur eine Bemerkung will ich noch machen in Bezug
auf deine vielen Anspielungen, die alle darauf abzielten, daß ich entlehnte
Äußerungen in das Gesagte mischte. Ich leugne nicht, daß dies der Fall ist, und
will jetzt auch nicht verheimlichen, daß es mit Absicht geschah und daß ich im
nächsten Abschnitt dieses Stückes, falls ich je einen solchen schreibe, im Sinn
habe, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen und dem Problem ein
historisches Kostüm anzuziehen.“
207
Die Ideen verbessern sich. Die Bedeutung der Worte trägt dazu bei. Das Plagiat
ist notwendig. Der Fortschritt impliziert es. Es hält sich dicht an den Satz
eines Verfassers, bedient sich seiner Ausdrücke, beseitigt eine falsche Idee,
ersetzt sie durch die richtige.
208
Die Entwendung ist das Gegenteil des Zitats, der theoretischen Autorität, die
stets bereits deswegen verfälscht ist, weil sie Zitat geworden ist; weil sie zu
einem aus seinem Zusammenhang, aus seiner Bewegung und schließlich aus seiner
Epoche als globalem Bezugsrahmen und aus der bestimmten Option, die es
innerhalb dieses Bezugsrahmens war – sei diese richtig oder irrig erkannt –
gerissenen Fragment geworden ist. Die Entwendung ist die flüssige Sprache der
Antiideologie. Sie erscheint in der Kommunikation, die weiß, daß sie nicht
beanspruchen kann, irgendeine Garantie in sich selbst und endgültig zu
besitzen. Sie ist, im höchsten Grad, die Sprache, die kein früherer und
überkritischer Bezugspunkt bestätigen kann. Ihre eigene Kohärenz, in ihr selbst
und mit den praktikablen Tatsachen, kann im Gegenteil den früheren
Wahrheitskern, den sie wiederbringt, bestätigen. Die Entwendung hat ihre Sache
auf nichts gestellt, was außerhalb ihrer eigenen Wahrheit als gegenwärtiger
Kritik liegt.
209
Was sich in der theoretischen Formulierung offen als entwendet darstellt, indem
es jede dauerhafte Autonomie der Sphäre des ausgedrückten Theoretischen
widerlegt, dadurch daß es in sie durch diese Gewaltsamkeit die Tat eintreten
läßt, die jede bestehende Ordnung stört und beseitigt, weist darauf hin, daß
dieses Bestehen des Theoretischen in sich selbst nichts ist, daß es sich erst
mit der geschichtlichen Handlung kennen muß und mit der geschichtlichen
Korrektur, welche seine echte Treue ist.
210
Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn. Sie kann nicht
mehr kulturell sein. So ist sie das, was irgendwie auf der Ebene der Kultur
bleibt, dies aber in einem ganz anderen Sinn.
211
In der Sprache des Widerspruchs stellt sich die Kritik der Kultur als
vereinheitlicht dar: insofern sie das Ganze der Kultur – ihre Erkenntnis wie
ihre Poesie – beherrscht, und insofern sie sich nicht mehr von der Kritik der
gesellschaftlichen Totalität trennt. Diese vereinheitlichte theoretische Kritik
geht allein der vereinheitlichten gesellschaftlichen Praxis entgegen.
IX. Die materialisierte Ideologie
„Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein
anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.“
Hegel (Phänomenologie des Geistes)
212
Die Ideologie ist im konfliktorischen Verlauf der Geschichte die Grundlage des
Denkens einer Klassengesellschaft. Die ideologischen Fakten waren niemals nur
bloße Hirngespinste, sondern das entstellte Bewußtsein der Realitäten und als
solche wirkliche Faktoren, die ihrerseits eine wirklich entstellende Wirkung
ausübten; um so mehr verschmilzt die mit dem konkreten Gelingen der autonom
gewordenen Wirtschaftsproduktion eintretende Materialisierung der Ideologie in
der Form des Spektakels praktisch die gesellschaftliche Realität und eine
Ideologie, die das ganze Wirkliche nach ihrem Modell zuschneiden konnte.
213
Wenn sich die Ideologie, die der abstrakte Wille zum Allgemeinen und seine
Illusion ist, durch die allgemeine Abstraktion und die tatsächliche Diktatur
der Illusion in der modernen Gesellschaft legitimiert findet, ist sie nicht mehr
der voluntaristische Kampf des Parzellierten, sondern sein Triumph. Von da an
nimmt der ideologische Anspruch eine Art seichte positivistische Genauigkeit an:
er ist nicht mehr eine geschichtliche Wahl, sondern eine Evidenz. In dieser
Behauptung haben sich die besonderen Namen der Ideologien verflüchtigt. Selbst
der Teil der im eigentlichen Sinn ideologischen Arbeit im Dienst des Systems
faßt sich nur noch als Anerkennung eines „epistemologischen Sockels“ auf, der
jenseits jedes ideologischen Phänomens stehen will. Die materialisierte
Ideologie selbst ist namenlos, so wie ohne nennbares geschichtliches Programm.
Das heißt mit anderen Worten, daß die Geschichte der Ideologien zu Ende ist.
214
Die Ideologie, deren ganze innere Logik sie zur „totalen Ideologie“ im Sinne
Mannheims hinführte, der Despotismus des Fragments, das sich als Pseudowissen
eines erstarrten Ganzen durchsetzt, als totalitäre Vision, ist jetzt im
immobilisierten Spektakel der Nichtgeschichte vollendet. Ihre Vollendung ist
auch ihre Auflösung in der Gesamtheit der Gesellschaft. Mit der praktischen
Auflösung dieser Gesellschaft muß auch die Ideologie verschwinden, die letzte
Unvernunft, die den Zugang zum geschichtlichen Leben blockiert.
215
Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes
ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und äußert: die Verarmung, die
Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. Das Spektakel ist materiell
„der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung zwischen Mensch und Mensch“. Die
neue Potenz des wechselseitigen Betrugs“, die sich in ihm konzentriert hat, hat
ihre Grundlage in dieser Produktion, durch die „mit der Masse der Gegenstände
das Reich der fremden Wesen wächst, denen der Mensch unterjocht ist“. Das ist
das höchste Stadium einer Expansion, die das Bedürfnis gegen das Leben
umgedreht hat. „Das Bedürfnis des Geldes ist daher das wahre, von der
Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie
produziert“. (Ökonomisch-philosophische Manuskripte.) Das Spektakel weitet das
Prinzip, das Hegel in der Jenaer Realphilosophie als dasjenige des Geldes
auffaßt, auf das gesamte gesellschaftliche Leben aus, es ist „das sich in sich
bewegende Leben des Toten“.
216
Im Gegensatz zu dem in den Thesen über Feuerbach zusammengefaßten Projekt, die
Verwirklichung der Philosophie in der Praxis, die die Entgegensetzung zwischen
Idealismus und Materialismus aufhebt, erhält das Spektakel die ideologischen
Charaktere des Materialismus und des Idealismus und setzt sie in dem
Pseudokonkreten seines Universums durch. Die kontemplative Seite des alten
Materialismus, der die Welt als Vorstellung und nicht als Tätigkeit auffaßt
-und der letzten Endes die Materie idealisiert -, ist im Spektakel vollendet, wo
konkrete Dinge automatisch Herren über das gesellschaftliche Leben sind.
Umgekehrt vollendet sich auch die geträumte Tätigkeit des Idealismus im
Spektakel durch die technische Vermittlung von Zeichen und Signalen – die
letzten Endes ein abstraktes Ideal materialisieren.
217
Der von Gabel (Ideologie und Schizophrenie) aufgestellte Parallelismus von
Ideologie und Schizophrenie muß in den Zusammenhang dieses wirtschaftlichen
Prozesses der Materialisierung der Ideologie gestellt werden. Was die Ideologie
bereits war, ist die Gesellschaft geworden. Die Ausschaltung der Praxis, und
das falsche antidialektische Bewußtsein, das sie begleitet, das ist es, was in
jeder Stunde des dem Spektakel unterworfenen, täglichen Lebens durchgesetzt
wird; was als eine systematische Organisation des „Versagens der
Begegnungsfunktion“ und als deren Ersatz durch ein halluzinatorisches
gesellschaftliches Faktum zu begreifen ist: das falsche Bewußtsein der
Begegnung, die „Illusion der Begegnung“. In einer Gesellschaft, in der niemand
mehr von den anderen anerkannt werden kann, wird jedes Individuum unfähig,
seine eigene Realität anzuerkennen. Die Ideologie ist zu Hause; die Trennung hat
ihre Welt gebaut.
218
„In den klinischen Bildern der Schizophrenie“, sagt Gabel, „gehen Verfall der
Dialektik der Ganzheit (mit der Auflösung als äußerster Form) und Verfall des
Werdens (mit der Katatonie als äußerster Form) sehr gut zusammen.“ Das
zuschauende Bewußtsein, als Gefangener eines verflachten Universums, das durch
den Bildschirm des Spektakels beschränkt ist, hinter den sein eigenes Leben
verschleppt worden ist, kennt nur noch die Scheingesprächspartner, die es
einseitig mit ihrer Ware und der Politik ihrer Ware unterhalten. Das Spektakel
in seiner ganzen Ausdehnung ist sein eigenes „Spiegelzeichen“. Hier wird der
Scheinabgang eines verallgemeinerten Autismus inszeniert.
219
Das Spektakel, das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt durch die
Erdrückung des Ichs ist, das von der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der
Welt belagert wird, ist ebenso die Verwischung der Grenzen zwischen dem Wahren
und dem Falschen durch die Verdrängung jeder erlebten Wahrheit unter der von
der Organisation des Scheins sichergestellten wirklichen Anwesenheit der
Falschheit. Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu
einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem
er sich mit magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der
Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Mitteilung ohne Antwort.
Das Bedürfnis nach Nachahmung, das der Konsument empfindet, ist genau das
infantile Bedürfnis, das durch alle Aspekte seiner wesentlichen Enteignung
bedingt wird. Nach den Worten, die Gabel auf einer ganz anderen pathologischen
Ebene anwendet, „kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu
stellen, ein quälendes Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen“.
220
Wenn die Logik des falschen Bewußtseins sich nicht selbst wahrheitsgemäß
erkennen kann, so muß die Suche nach der kritischen Wahrheit über das Spektakel
auch eine wahre Kritik sein. Sie muß praktisch unter den unversöhnlichen Feinden
des Spektakels kämpfen und zugeben, dort abwesend zu sein, wo sie abwesend ist.
Der abstrakte Wille zur unmittelbaren Wirksamkeit erkennt die Gesetze des
herrschenden Denkens, den ausschließlichen Gesichtspunkt der Aktualität an,
wenn er sich den Kompromittierungen des Reformismus oder der gemeinsamen Aktion
pseudorevolutionärer Trümmerhaufen ergibt. Dadurch hat sich der Wahn in
derselben Position wiederhergestellt, die ihn zu bekämpfen beansprucht. Die über
das Spektakel hinausgehende Kritik muß viel mehr zu warten wissen.
221
Sich von den materiellen Grundlagen der verkehrten Wahrheit zu emanzipieren,
darin besteht die Selbstemanzipation unserer Epoche. Diese „geschichtliche
Aufgabe, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren“ kann weder das isolierte
Individuum noch die den Manipulationen unterworfene, atomisierte Menge
vollbringen, sondern immer noch die Klasse, die fähig ist, die Auflösung aller
Klassen zu sein, indem sie die Macht auf die entfremdungsauflösende Form der
verwirklichten Demokratie zurückführt, auf den Rat, in dem die praktische
Theorie sich selbst kontrolliert und ihre Aktion sieht. Nur dort, wo die
Individuen „unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft sind“; nur dort, wo
sich der Dialog bewaffnet hat, um seinen eigenen Bedingungen zum Sieg zu
verhelfen.


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