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#COVID19 Quarantäne-Tagebuch, 2. Tag: „Die Konzerne werden alles tun, um sicherzustellen, dass wir für die Rezession bezahlen werden“.

Wuppertal. 18. März 2020. Der zweite Tag in Quarantäne unterschied sich nicht wesentlich vom ersten Tag. Außer… da ich allein lebe… und normalerweise viele Leute treffe, wird es langsam merkwürdig, isoliert zu sein. Teile der Linken beginnen mehr und mehr mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, die sich noch immer draußen treffen.

Veröffentlicht von Enough 14. Geschrieben vom Riot Turtle. Übersetzt von Enough 14.

Ich fühle mich immer noch krank, aber es geht mir gut. Ich liege aber immer noch nicht in meinem Bett. Ich habe leichtes Fieber, trockenen Husten und bin müde. Also keine wirkliche Veränderung im Vergleich zu gestern, außer, dass es wirklich seltsam ist, Menschen nicht persönlich treffen zu können, und dies ist erst der zweite Tag.

In Bayern ist, in Mitterteich, die erste Ausgangssperre in Deutschland in Kraft getreten. Ich glaube nicht, dass es die letzte Ausgangssperre auf deutschem Territorium sein wird.

Das Handelsblatt schrieb heute in ihrem Coronavirus-Liveblog: „Der schwedische Lkw- und Bushersteller Scania wird nächste Woche große Teile seiner Produktion in Europa einstellen. Grund dafür sind der Mangel an Komponenten und größere Störungen in der Liefer- und Logistikkette durch die Ausbreitung von Covid-19 in Europa. Betroffen sind Produktionsstätten in Schweden, den Niederlanden und Frankreich“. In Deutschland ist es ähnlich. Die meisten Produktionsbetriebe, die ihren Betrieb einstellen, tun dies nicht für die Gesundheit ihre Mitarbeiter*innen, sondern aufgrund von Störungen in ihrer Liefer- und Logistikkette.

Anstatt sich für die Gesundheit dieser Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einzusetzen oder die Kürzungen und Privatisierungen im Gesundheitswesen anzuprangern, sind Teile der deutschen Linken damit beschäftigt, Menschen anzuprangern, die sich noch immer draußen treffen. Die Bullen kamen heute mit 3 Autos auf dem Wuppertaler Schuster-Platz und kontrollierten die Ausweise, bevor die Leute ein Platzverweis bekamen. „Einige Leute verstehen es immer noch nicht“, war einer der Reaktionen der Menschen, die von der Polizeiaktion hörten. Sie meinten nicht die Bullerei.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, und für einige von ihnen ist es schwer, sich nicht zu sozialisieren und Menschen zu treffen. Ich sage nicht, dass es klug ist, sich in der gegenwärtigen Situation mit einer Gruppe von Menschen zu treffen, aber wer bin ich, um über sie zu urteilen? Die meisten Menschen wurden in einer neoliberalen Gesellschaft sozialisiert. Thatcher sagte einmal: „Es gibt keine Gesellschaft“, und jetzt wundern menschen sich, dass viele Menschen Toilettenpapier horten und sich weiterhin draußen treffen? Übrigens ist es auch nicht leicht für alle, zu Hause zu bleiben. Eine andere Sache ist, dass ich, nachdem ich gelesen hatte, dass all diese Verbote möglicherweise monatelang und vielleicht sogar noch länger andauern werden, anfing, mich zu fragen, was das für die Gesellschaft, in der wir leben, bedeuten wird. Was wird das für Menschen bedeuten, die psychische Probleme wie zum Beispiel Depressionen haben? Es ist leicht, Menschen zu beurteilen, es ist schwieriger, diejenigen zu hinterfragen und zu bekämpfen, die für die Konditionierung des Verhaltens dieser Menschen in einer neoliberalen Gesellschaft verantwortlich sind. Es ist auch schwieriger, gegen diejenigen zu kämpfen, die dafür verantwortlich sind, dass viele Menschen noch immer gezwungen sind, zur Arbeit zu gehen, und gegen diejenigen, die für den Mangel an Kapazitäten in deutschen Krankenhäusern verantwortlich sind. Applaus für die Menschen, die sich zur Privatisierung von Krankenhäusern entschlossen haben und für die Kürzungen im Gesundheitswesen verantwortlich sind…

Der Hashtag ##BleibtZuhause macht mich krank. Während „guten Bürger*innen“ gesagt wird, dass sie zu Hause bleiben sollen, haben viele Menschen gar kein Zuhause. Die Obdachlose Menschen, aber auch die Menschen in den überfüllten Flüchtlingslagern. Die Bundesregierung hat heute beschlossen, derzeit keine minderjährigen Flüchtlinge aus Lagern wie Moria (Lesbos) aufzunehmen. Ich war mehrmals in Moria. Während meines letzten Aufenthalts „lebten“ etwa 12.000 Menschen in dem Lager. Jetzt gibt es etwa 20.000 Menschen in und um Moria. Wenn das schlimmste Szenario Realität wird, könnten viele Menschen dort sterben. Die sanitären Bedingungen in Lagern wie Moria waren immer schon eine Katastrophe, in diesen „Corona“-Zeiten könnten sie leicht tödlich werden. Wenn wir solidarisch handeln wollen und wenn wir es mit dem Slogan „No Nations, No Borders“ und „Refugees Welcome“ ernst meinen, müssen wir jetzt handeln. Wenn wir das nicht tun, bedeutet Solidarität hier nicht so viel, denn bald könnte es zu spät sein… Der Kampf gegen die Festung Europa sollte jetzt intensiviert werden!

Aber nein, Teile der deutschen Linken diskutieren über ein paar Leute, die sich draußen treffen. Dafür haben wir nun wirklich keine Zeit. Weder für die Menschen an den EU-Grenzen, noch für die Menschen, die hier leben. Die Aktien gehen zügig nach unten, und das Großkapital wird alles tun, um sicherzustellen, dass wir für die (bald) kommende Rezession bezahlen werden. Anstatt das Mantra der herrschenden Klasse zu wiederholen, ist es an der Zeit, dass wir anfangen zu diskutieren, wie wir den Kapitalismus bekämpfen und wie wir dieses neoliberale Elend ersetzen können, in dem wir alle leben, um eine antiautoritäre Gesellschaft aufzubauen.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die sich dessen bewusst sind und die Solidarität mit Migrant*innen an den EU-Grenzen organisieren. Einige von ihnen verstehen auch, dass dies der richtige Moment ist, den Kampf gegen das neoliberale kapitalistische System zu intensivieren. Lassen uns diskutieren, uns neu formieren und gegen die totalitäre Maschine kämpfen.

Greetz aus der Quarantäne-Wohnung

Riot Turtle, 18. März 2020.


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