Veröffentlicht am 4 Kommentare

Riot Turtle nach dem Brand in #Moria: „Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprechen, sprechen sie über ihre Freiheit, Nicht-Europäer zu unterdrücken.“

Die Gräueltaten auf der Balkanroute und im Mittelmeer sind seit Jahren ein täglicher Praxis, und jeder in Europa weiß das. Nun ist Moria abgebrannt, und es war kein Unfall. Ein persönlicher Bericht über die Balkanroute: An europäische Politiker:innen zu appellieren macht keinen Sinn.

Publiziert von Enough 14. Geschrieben von Riot Turtle. Bild oben: Graffiti auf einer Mauer in Moria.

Die Grenzpolitik der Europäischen Union ist kein „Zufall“ oder „Fehler“, sie ist eine kontinuierliche fremdenfeindliche Politik. Zehntausende gingen in Deutschland auf die Straße, nicht nur gestern Abend, sondern immer wieder in den vergangenen Jahren. Die Menschen appellierten an die Europäische Union, die Bundesregierung, Landesregierungen, Kommunen und so weiter. Abgesehen von einigen wenigen symbolischen Aktionen, wie der zynischen PR-Aktion der Bundesregierung zur Aufnahme von 50 schutzbedürftigen minderjährigen Migrant:innen aus Moria (später folgten etwa 400 weitere), geschah nichts.

Anfang dieses Jahres schossen griechische Soldat:innen und Bullen an der Evros-Grenze auf Migrant:innen, immer wieder werden Migrant:innen von der griechischen und türkischen Küstenwache im Ägäischen Meer angegriffen. Angela Merkel lobte die kroatische Polizei bei einem Staatsbesuch vor zwei Jahren für ihre Arbeit an der EU-Grenze. Genau die gleiche Polizei, die täglich Migrant:innen angreift. Als ich 2018 an der bosnisch-kroatischen Grenze arbeitete, mussten wir unsere Vorhaben jeden Tag neu planen, weil wir jeden Tag zuerst die Verletzungen von Menschen behandeln mussten, die in der Nacht von der kroatischen Polizei angegriffen wurden. Jeden Tag.

Nichts von all dem ist neu. Im Jahr 2015 arbeitete ich auf der Balkanroute in Opatovac (Kroatien) sowie in Slowenien und Serbien. In dem Video (unten aus dem Jahr 2015) ist zu sehen, wie in einem Migrant:innenlager in Dobova (Slowenien) Lebensmittel verteilt wurden. Menschen werden wie Tiere behandelt und von Bullen mit Pfefferspray angegriffen. Natürlich war es verboten, in Dobova zu filmen. Die EU-Staaten wollen nicht, dass Menschen sehen, was auf dem Territorium des Nobelpreisträgers von 2012 vor sich geht. Im selben Jahr sah ich auch ungarische Bullen, die Migrant:innen an der Österreichisch/Ungarische Grenze verhaftet und misshandelt haben. Wir konnten nur ein Teil der Migrant:innen aus dieser Situation retten.

Nach dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei im Jahr 2016 wurde es noch schlimmer. Die Massenlager auf den griechischen Inseln waren Teil dieses Abkommens, das von Merkel und Erdogan ausgehandelt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viel Gewalt von Bullen an den europäischen Grenzen gesehen. Als ich 2017 zum ersten Mal nach Lesbos kam, sah ich eine vollständig militarisierte Insel. Der Touristenhafen von Mytilini hatte sich in einen Militärhafen verwandelt. Küstenwache und Marineschiffe patrouillierten in der Ägäis, um nach Migrant:innen zu suchen und sie abzuschrecken. Sie halfen aber auch bei Abschiebungen. Ein Video aus dem Jahr 2017:

In den Jahren 2017 und 2018 schloss ich mich dem Kollektiv Cars of Hope auf Lesbos an. Um im Moria-Lager arbeiten zu dürfen, mussten wir eine Erklärung der Lagerbehörden unterzeichnen. Wir haben uns geweigert, weil die Unterzeichnung dieses Papiers uns zu Handlangern des europäischen Deportationsregimes gemacht hätte, so dass wir immer illegal in das Lager gingen. In Moria war es auch illegal, zu fotografieren und zu filmen. Bald wussten wir, warum. Moria war eine Katastrophe auf allen Ebenen. Es fehlte an allem, es war extrem überbelegt, und ich sah überall Bullen. Besonders um das Lager herum. Polizeiautos aus Griechenland, Italien, den Niederlanden und anderen EU-Mitgliedstaaten fuhren Tag für Tag auf der Insel herum. In der Gegend um Moria kontrollierten Bullen immer wieder meinen Ausweis und meine Kameras und Speicherkarten. Sie waren frustriert, weil immer mehr Filmmaterial aus dem Inneren des Lagers auf Social-Media-Kanälen auftauchte und sie sich sicher waren, dass ich im Lager gefilmt hatte. Aber sie haben nie etwas gefunden, also ließen sie mich immer gehen, nachdem sie alles überprüft hatten.

Als ich zum ersten Mal zum Moria-Lager ging, war eines der ersten Dinge, die ich gesehen habe, eine große Plakatwand, worauf eigentlich alles schon gesagt wird: „Co-finanziert durch den Fonds für innere Sicherheit der Europäischen Union“ (Bild unten) [1].

Duschen in Moria:

Das gesamte Abkommen zwischen der EU und der Türkei ist darauf ausgerichtet, Menschen abzuschrecken, nach Europa zu kommen. Menschen, die immer noch an die Menschenrechte in Europa glauben, leben in einer Parallelwelt, die es nicht gibt, und haben die Gräueltaten auf der Balkanroute wahrscheinlich nie persönlich erlebt. Wie ich oben in diesem Artikel geschrieben habe: Nachdem Moria in den vergangenen zwei Tagen vollständig abgebrannt ist, gingen wieder Zehntausende in Deutschland und anderen EU-Staaten auf die Straße. Wieder appellierten die Menschen friedlich an die Politiker:innen, die für diese vorsätzlich und gewollt herbeigeführte menschliche Katastrophe verantwortlich sind. Das bedeutet im Grunde genommen, dass die Menschen an die Technokraten und Politiker:innen appellieren, die diese Situation bewusst geschaffen haben. Menschen, die für Zehntausende von Toten am Mittelmeer und für das Sterben und Leiden auf der Balkanroute verantwortlich sind. Gestern Abend, während in Berlin und vielen anderen Städten friedlich demonstriert wurde, begann die griechische Polizei mit Tränengas auf die nun obdachlose Migranten:innen auf Lesbos zu schießen.

Seien wir ehrlich. Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprechen, sprechen sie über ihre Freiheit, Nicht-Europäer:innen zu unterdrücken. Oder wie Franco „Bifo“ Berardi sagte:

Das Wort Freiheit bedeutet heute nur die Freiheit, diejenigen auszubeuten, die sich nicht verteidigen können, andere zu Sklaven zu machen, Afrikaner zu töten, die überleben wollen, indem sie nach Europa einwandern. Freiheit ist heute ein mörderisches Wort. Nur Gleichheit ist ein Wort, das etwas Menschliches unter den Menschen wiederherstellen kann.

Franco „Bifo“ Berardi in “Eine phobische Sensibilisierung für den Körper und die Haut des anderen. Eine Epidemie der Einsamkeit und damit der Depression” (Sūnzǐ Bīngfǎ Nr #4)

Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten verfolgen eine gewalttätige, fremdenfeindliche Grenzpolitik, und die Ereignisse auf Lesbos gestern Abend zeigen, dass der Brand von Moria und die friedlichen Massenproteste der vergangenen Jahre daran nichts ändern werden. Das Einzige, was funktionieren könnte, sind Akte des Widerstands, die über die üblichen angemeldeten friedlichen Demos hinausgehen. Dinge, die für die EU schwieriger zu kontrollieren sind. Eine Rebellion, die beginnt, die „Normalität“ zu stören.

Hier ist ein 40 Minuten langes Video über Lesbos, das ich 2017 produziert habe (Englisch, Entschuldigung für die manchmal schlechte Tonqualität, der Wind…):

Fußnoten

[1] Der Fonds für innere Sicherheit (ISF) wurde für den Zeitraum 2014-2020 eingerichtet, mit einem Gesamtbetrag von 3,8 Milliarden Euro für die sieben Jahre. Der Fonds wird die Umsetzung der Strategie der inneren Sicherheit, die Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Schutz der Außengrenzen der Union fördern. https://ec.europa.eu/home-affairs/financing/fundings/security-and-safeguarding-liberties/internal-security-fund-police_en



Enough 14: Unterstützt unsere Arbeit!

Enough 14: Unterstützt unsere Arbeit! Unterstützt unsere unabhängige Berichterstattung und Info-Café. Gerade jetzt braucht das Enough Info-Café eure Unterstürzung um die laufende Kosten finanzieren zu können.

€1,00


Wir haben zwei Solidaritäts-T-Shirts (Bilder unten) für das Enough Info-Café entworfen. Ihr könnt die Enough Info-Café-Solidaritäts-T-Shirts hier bestellen: https://enoughisenough14.org/product/t-shirt-wir-werden-nicht-zur-normalitat-zuruckkehren-schwarz/ und  https://enoughisenough14.org/product/t-shirt-wir-sind-ein-bild-aus-der-zukunft-schwarz/

4 Gedanken zu „Riot Turtle nach dem Brand in #Moria: „Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprechen, sprechen sie über ihre Freiheit, Nicht-Europäer zu unterdrücken.“

  1. […] Riot Turtle nach dem Brand in #Moria: „Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprech… […]

  2. […] Riot Turtle nach dem Brand in #Moria: „Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprech… […]

  3. […] — DunyaCollective (@DunyaCollective) September 14, 2020 Riot Turtle nach dem Brand in #Moria: „Wenn europäische Politiker:innen über Freiheit sprech… […]

  4. […] Die rassistische Grenzpolitik der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten geht weiter. Es ist an uns, dies zu ändern. […]

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.