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Artin, kleiner Mann, ich erinnere mich an dich

Ende letzten Monats starb eine fünfköpfige Familie, als ihr Boot beim Versuch, den Ärmelkanal zu überqueren, sank. Bruno L hatte sie erst Wochen zuvor bei der Verteilung von Hilfsgütern getroffen und schreibt hier über eine Familie voller Liebe und ein Kleinkind voller Freude und einen Verlust, der nicht hätte passieren dürfen.

Das Foto von Artin wurde am 17. Oktober gemacht.

Ursprünglich veröffentlicht von Allemaal Mensen Facebookseite (facebook.com/843523079331984/posts/1252625441755077/). Übersetzt von Enough 14.

Artin, kleiner Mann.

Erst 15 Monate alt. Wir haben dich vor zwei Wochen kennen gelernt. Du warst allein, hast mitten im Wald im Feuer herumgestochert, mit kleinen Crocs zu Deinen Füßen und einer Schwimmweste an. Es traf uns mitten ins Herz. So sollte das Leben eines Kleinkindes im Jahr 2020 nicht aussehen. Du bist zu jung für das Feuer, zu klein für eine Rettungsweste.

Bald sahen wir den Rest der Familie. Wir verteilten einige Decken, und du warst so stolz auf die Stiefel, die du bekommen hast, zu groß, aber für dich waren sie wunderschön. Wir kehrten zu den Autos zurück, zu den Duschen, die wir ausprobierten, und etwas später sahen wir dich wieder … Deine Weste wurde weggelegt, und du gingst direkt zu uns, für dich Fremde. Deine Familie: Bruder, Schwester, Mama und Papa folgten ziemlich zaghaft.

Wir versprachen dir Schuhe und einen Fußball für deinen Bruder. Du lächeltest weiter und klettertest abenteuerlustig und furchtlos auf unseren leeren Bulli. Ich hob dich hoch und setzte dich wieder auf den Boden, aber du klettertest wieder hoch, unermüdlich und frech. Mehrere Male hintereinander. Du gingst von mir weg und schautest zurück, um zu sehen, ob ich dir folgte. Ich habe dich spielerisch mit kleinen, harten Schritten über den Boden gejagt, und du bist strahlend weggelaufen, gelegentlich mit dem Blick zurück zu deiner Mama.

Ich fragte sie, ob ich ein Foto von dir machen dürfte, und das durfte ich. „Winke, Artin“, sagte sie stolz, und du hast sofort zurückgewinkt. Damals wusste ich noch nicht, dass mir dieses Foto heute so viel bedeuten würde.

Ich dachte immer noch an dich, als ich nach Hause kam. Die Liebe, die deine Eltern für dich empfanden. Die Sicherheit, die du von ihnen unter diesen schrecklichen, unmenschlichen Umständen erhalten hast. Es fühlte sich so seltsam an. Wie sie in diesem Chaos nach einem besseren Leben für dich gesucht haben. Wie dein Bruder Armin und deine Schwester Anita von der Situation deutlich stärker geprägt waren als du, kleiner Artin. Du, der du so glücklich in deinen übergroßen Stiefeln durchs Leben gingst. Du, der alles, was wir anormal und ergreifend fanden, als ganz normal erlebt hat, du kanntest nichts anderes.

Du, der in einem ausrangierten Quechua-Zelt schlief, im Wald umherirrte, sich mit dem grünen Wasser aus dem Teich waschte, mit zehn bewaffneten Polizisten um dein Zelt aufgewacht bist, die alles nehmen oder zerstören und dann auf eine neue Decke von einem Freiwilligen hoffen, der vorbeikommt. In einer langen Schlange mit Hunderten von Männern um Essen bitten. Ich meine, kleiner Mann, ich habe mich gefragt, wie diese Ignoranz gegenüber dem „Normalen“ dich glücklicher durchs Leben hüpfen ließ als deine schüchterne 12-jährige Schwester.

Einige Tage später lasen wir zu Hause auf einer französischen Website eine kurze Nachricht, dass eine Gruppe von Flüchtlingen auf hoher See gerettet werden sollte. „Zufällig“ fanden sie auch einen Toten am Strand angespült, wahrscheinlich von einem anderen Boot. Ein zweijähriges Kind wurde in ein Krankenhaus gebracht. Ich dachte an dich zurück. Ich stellte mir vor, dass du das bist und wie es deinen Eltern ergehen würde.

Und dann kam gestern die Nachricht, dass eine Familie mit drei Kindern bei einer gescheiterten Überfahrt ums Leben gekommen war. Und für einen Moment dachten wir: oh nein, hoffentlich nicht du.

Du schiebst es weg und versuchst, weiterzumachen. Aber es geht nicht weg. Und je mehr Berichte wir erhielten, wie schmerzhaft deutlich wurde, … zwei Eltern, Bruder und Schwester sind gestorben und wurden gefunden, ein Kind von 15 Monaten wird vermisst. In der Zwischenzeit erhielten wir die Bestätigung…

Kleiner Artin … deine Rettungsweste konnte dich nicht retten. Hattest du sie noch? Wurde sie dir bei einer Evakuierung abgenommen oder hast du sie voller Stolz getragen und war das kalte Wasser, die hohen Wellen tödlich für dich? Ist „unsere“ Nordsee, das Meer, in dem unsere Kinder spielen und schwimmen, für dich als kleinen Kapitän des klapprigen Bootes zum Seemannsgrab geworden? Waren diese letzten Kilometer deiner Reise von mehr als 7.000 km wirklich zu viel?

Decken, Suppe, Zelte werden heute nicht helfen. Es gibt nichts mehr, was wir für dich tun können. Außer dem anonymen kleinen Kerl ein Gesicht zu geben. Damit mehr Menschen wissen, dass das alles nicht sein darf. Damit meine kleine, kurze Freundschaft mit dir nicht umsonst war und diese kleine anonyme Figur aus der Statistik ein Gesicht bekommt. Und einen Namen:

ARTIN



Wir haben zwei Solidaritäts-T-Shirts (Bilder unten) für das Enough Info-Café entworfen. Ihr könnt die Enough Info-Café-Solidaritäts-T-Shirts hier bestellen: https://enoughisenough14.org/product/t-shirt-wir-werden-nicht-zur-normalitat-zuruckkehren-schwarz/ und https://enoughisenough14.org/product/t-shirt-wir-sind-ein-bild-aus-der-zukunft-schwarz/

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