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Warum Sozialist:innen vor den Feierlichkeiten zu Engels‘ 200. Geburtstag innehalten sollten

Da wir in Wuppertal ansässig sind, sehen wir uns mit vielen Feierlichkeiten rund um den 200. Geburtstag von Friedrich Engels konfrontiert. Engels ist in Wuppertal geboren, und selbst prominente Christdemokrat:innen und Möchtegern-Sozialdemokrat:innen der SPD gedenken Engels. Aber das ist eigentlich nicht überraschend… Was folgt, ist ein Beitrag von Daniel al-Rashid. Enough 14

Ursprünglich veröffentlicht von Red and Black Notes. Geschrieben von Daniel al-Rashid. Übersetzt von Enough 14.

Warum Sozialist:innen vor den Feierlichkeiten zu Engels‘ 200. Geburtstag innehalten sollten

Am 28. November 2020 jährte sich zum 200. Mal der Geburtstag von Friedrich Engels. Es überrascht nicht, dass dieses Ereignis mit der Veröffentlichung einer Reihe von Hagiographien von marxistischen Publikationen gefeiert wurde. Diese stellen uns nicht zufrieden. Die Absicht dieses Artikels ist es nicht, irgendeine der Stärken Engels‘ zu leugnen; sie sind sicherlich real und wurden von den üblichen Verdächtigen bis zum Geht nicht mehr wiederholt. Wenn wir Engels jedoch ernst nehmen wollen, als etwas mehr als einen großen Mann, dann müssen wir sowohl seine Schwächen als auch seine Stärken herausarbeiten.

Engels war ein leidenschaftlicher Verfechter des Sozialismus, und seine politische Arbeit trug zur Entwicklung einer der bedeutendsten sozialistischen Organisationen Europas, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, bei. Angesichts der Entscheidung der Partei, die deutschen Kriegsanstrengungen von 1914 zu unterstützen, äußern nur wenige zeitgenössische Revolutionär:innen Sympathie für die SDP. Marxist:innen neigen dazu, die Ausrichtung der Partei auf Nationalismus und Militarismus als Abweichung von der Arbeit von Marx und Engels darzustellen. Eine umfassendere Betrachtung des Materials zeigt jedoch, dass es in vielerlei Hinsicht überhaupt keine Abweichung gab und dass viele der Keime für den Niedergang der SDP in den Werken von Engels zu finden sind.

„Kein slawisches Volk hat eine Zukunft“

Wie viele Deutsche dieser Zeit waren Engels‘ politische Standpunkte von einem Hass auf Slawen geprägt, der bis in die Anfänge seines politischen Lebens zurückreicht. Dieser Hass erschien gelegentlich unter dem Deckmantel einer zynischen Realpolitik oder militärischen Analyse, war aber nichtsdestotrotz stark ausgeprägt. Die Hauptfrage für Engels und Marx in der revolutionären Periode von 1848 war die nach der Zentralisierung Deutschlands; unterdrückte Slawen sind verdammt.

Von Februar 1848 bis Mai 1849 reiste der russische revolutionäre Demokrat Michail Bakunin – der noch kein Anarchist war – endlos umher, setzte sich für die revolutionäre Sache ein und beteiligte sich an einer Reihe von Aufständen. Mitten im Geschehen gab Bakunin sein Manifest Appell an die Slawen heraus, die deutlichste Erklärung seiner Strategie in dieser Zeit. Der Appell, der im Dezember 1848 auf Deutsch und im Januar 1848 auf Französisch veröffentlicht wurde, rief zu einer internationalistischen Allianz zwischen slawischen und deutschen Revolutionär:innen, zur Ablehnung der Diplomatie und zur Unterordnung der nationalen Frage unter die soziale Frage auf. Gegen die aufkeimenden Panslawist:innen argumentierte Bakunin, dass die Entwicklung eines Bündnisses mit Russland nur eine Stärkung der Tyrannei auf dem Kontinent bedeuten würde.

Als Antwort darauf schrieb Engels seine Polemik „Demokratischer Panslawismus“, das im Februar 1849 veröffentlicht wurde. Das zentrale Argument des Textes war, dass die Slawen ein von Natur aus konterrevolutionäres Volk sind, dessen einzige wirkliche Zukunft unter deutscher Herrschaft liegt. Abgesehen von Polen, Russen, „und höchstens den türkischen Slawen“ habe „kein slawisches Volk eine Zukunft“. Würde der Anspruch auf nationale Selbstbestimmung konsequent anerkannt, „würde der Osten Deutschlands in Stücke gerissen wie ein von Ratten genagter Brotlaib“!

Engels greift Bakunins Rahmen für Gerechtigkeit als sentimentalen Moralismus an und führt den jüngsten mexikanisch-amerikanischen Krieg als Beispiel an, um seinen Standpunkt zu beweisen: „[Hält Bakunin es] für bedauerlich, dass das großartige Kalifornien den faulen Mexikanern, die nichts damit anfangen konnten, weggenommen wurde? […] die „Unabhängigkeit“ einiger weniger spanischer Kalifornier und Texaner mag darunter leiden, an manchen Orten werden „Gerechtigkeit“ und andere moralische Prinzipien verletzt; aber was spielt das für eine Rolle für solche Tatsachen von weltgeschichtlicher Bedeutung?“

Der historische Auftrag der deutschen Völker, die Slawen zu zivilisieren, wiegt schwerer als jede Sorge um „Gerechtigkeit“. In der Tat gehören die gegen sie ausgeübten Repressionen „zu den besten und lobenswertesten Taten, die unser und das ungarische Volk in seiner Geschichte vollbracht hat“. Engels erinnert daran, dass „der Hass auf die Russen [zusammen mit den Tschechen und Kroaten] die primäre revolutionäre Leidenschaft der Deutschen war und immer noch ist“, „und dass wir nur durch den entschlossensten Einsatz von Terror gegen diese slawischen Völker gemeinsam mit den Polen und Ungarn die Revolution sichern können“. Die Polemik gipfelt in dem Vorschlag, dass, wenn sich die Slawen vereinigten, „wir wissen, was wir zu tun haben“: „einen Kampf, einen „unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod“, gegen jene Slawen, die die Revolution verraten; einen Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terror“.

Proletarischer Internationalismus?

Engels betrachtete sich selbst als seriösen militärischen und geopolitischen Analysten. Obwohl er wenig praktische Erfahrung hatte – er kämpfte einige Monate lang als Milizionär in den deutschen Revolutionen von 1849 – erkannten ihn seine Genoss:innen als Experten an und stützten sich auf seinen Rat.

Engels‘ Rahmen für die europäische Außenpolitik drehte sich weitgehend um die Notwendigkeit eines vereinigten, zentralisierten Deutschlands und eines besiegten Russlands für den endgültigen Sieg der Arbeiter:innenbewegung. Obwohl er und Marx Bismarck – den Drahtzieher der deutschen Einigung – eindeutig nicht unterstützten, sahen sie dennoch eine gewisse Annäherung zwischen seinen und ihren Interessen; wie Engels es ausdrückte: „Bismarck arbeitet für uns wie der Teufel selbst“ [1].

Im August 1870, nicht lange nach Beginn des französisch-preußischen Krieges, schrieb Engels einen aufschlussreichen Brief an Marx. Vieles davon betrifft die Position von Wilhelm Liebknecht, der sich öffentlich gegen den Krieg stellte und gegen ihn agitierte. Engels hielt diese Position für nicht respektabel und betrachtete sie als Liebknecht, der „sekundäre Erwägungen“ über den proletarischen Internationalismus vor die „wichtigste“ stellte – den deutschen nationalen Kampf. Für Engels hat Napoleon Deutschland in „einen Krieg um seine nationale Existenz“ getrieben. Wenn Deutschland gewinnt, dann „werden die deutschen Arbeiter in der Lage sein, sich auf einer nationalen Ebene ganz anders als bisher zu organisieren“. In der Tat „hat die ganze Masse des deutschen Volkes aller Klassen erkannt, dass dies in erster Linie eine Frage der nationalen Existenz ist, und hat sich deshalb sofort in die Auseinandersetzung gestürzt“.

Kurz gesagt, Engels schlägt vor, dass es „absurd“ wäre, „den Anti-Bismarckismus zum einzigen Leitprinzip zu erheben“ – stattdessen sollte man anerkennen, dass „Bismarck einen Teil unserer Arbeit tut, auf seine eigene Art und Weise und ohne es zu wollen, aber er tut es trotzdem…“. [2]. Dies weist eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Marx in einem früheren Brief geäußerten Meinung auf, dass der Sieg Preußens und die entsprechende Zentralisierung der Staatsmacht „der Zentralisierung der deutschen Arbeiterklasse zugute käme“, was eine Verlagerung des „Schwerpunkts“ der europäischen Arbeiter:innenbewegung von Frankreich nach Deutschland mit sich bringen würde. Die Vorherrschaft des deutschen Proletariats, „den Franzosen sowohl in der Theorie als auch in der Organisation überlegen“, würde auch „die Vorherrschaft unserer Theorie über die von Proudhon“ [3] nach sich ziehen.

Dies waren keine bloßen leeren Worthülsen; sie würden die praktische Politik beeinflussen. Am 9. September gab Marx ein Manifest als Teil des Allgemeinen Rates der Internationalen Arbeiter:innenvereinigung heraus. Darin erklärte er, dass das französische Proletariat keinen Versuch unternehmen dürfe, die neue französische Regierung zu verärgern; stattdessen müssten die Arbeiter:innen „ihre Pflichten als Bürger erfüllen“ und sich nicht von den Erinnerungen an vergangene Revolutionen hinreißen lassen – die Arbeiter:innen sollten akzeptieren, was kommt. Glücklicherweise hatte dieses Manifest keine Auswirkungen auf die französische Arbeiter:innenbewegung, und Anfang des folgenden Jahres brachen eine Reihe von Arbeiter:innenaufständen aus, von denen der wichtigste die Pariser Kommune war – die erste echte proletarische Revolution.

Warum Sozialist:innen bestimmte imperiale Kriege unterstützen sollten

Engels Unterstützung für diese Elemente des deutsch-nationalistischen Projekts hörte mit dem Sieg Preußens über Frankreich und dem Heldentod der Pariser Kommune nicht auf. Engels vertrat bis zu seinem Lebensende weiterhin ähnliche Ansichten und diskutierte mit den deutschen sozialdemokratischen Führern über die Möglichkeit, Deutschland in einem Krieg erneut zu unterstützen.

Am 29. September 1891 schrieb Engels an August Bebel, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der SDP. Angeregt durch einen Artikel von Bebel über Russland skizziert Engels, was er für eine angemessene strategische Vision für die SDP hält. Er argumentiert, dass der deutsche Sozialist:in erkennen sollte, dass „ein Krieg gegen Deutschland im Bündnis mit Russland in erster Linie ein Krieg gegen die stärkste und effizienteste sozialistische Partei in Europa wäre“. Wenn die Sozialist:innen sich in einer Situation befänden, in der ein solcher Krieg ausbräche, dann sollten sie „keine andere Wahl haben, als mit aller Kraft gegen jeden Angreifer zu kämpfen, der Russland zu Hilfe kam“.

Engels war kein Nationalist und rechtfertigte die Unterstützung dieser Kriege nicht aus einfachen patriotischen Gründen. Stattdessen beruhte die Unterstützung auf der Vorstellung, dass die Kriege letztlich der deutschen Arbeiter:innenbewegung zugute kommen würden – was für Engels einen Nutzen für die gesamte europäische Arbeiter:innenbewegung bedeutete. Wie er sagt – „der Sieg Deutschlands wird daher der Sieg der Revolution sein, und wenn es zum Krieg kommt, müssen wir diesen Sieg nicht nur wünschen, sondern ihn mit allen verfügbaren Mitteln fördern“ [4].

In einem weiteren Brief an Bebel vom 13. Oktober wird Engels expliziter und argumentiert diesmal, dass, wenn die Aussicht auf einen Krieg zunimmt, die SDP „der Regierung sagen kann, dass wir bereit sein sollten […], sie gegen einen ausländischen Feind zu unterstützen, vorausgesetzt, sie verfolgte den Krieg rücksichtslos und mit allen verfügbaren Mitteln, einschließlich der revolutionären,“. Sollte Deutschland selbst angegriffen werden, „wären alle Mittel der Verteidigung gerechtfertigt“. Ein solcher Krieg wäre eine Chance für die Sozialist:innen zu beweisen – wem genau wird nicht gesagt -, dass sie „die einzige wirklich tatkräftige Kriegspartei“ sein könnten, da die deutsche Bourgeoisie und die Junker den Krieg weniger energisch verfolgen würden, da sie wissen, dass ihr Eigentum in Gefahr ist. Es würde auch den Sozialist:innen potenziell die Möglichkeit bieten, „das Ruder zu übernehmen“ [5].

Kein Krieg, sondern immer der Klassenkampf

Es ist völlig gerechtfertigt, dass die zeitgenössischen Marxisten dem Internationalismus einen hohen Stellenwert einräumen und so heftig gegen die Sozialist:innen reagieren, die nationale und imperiale Kriege unterstützen. Sie müssen jedoch ernsthaft ihre eigene Tradition prüfen und feststellen, wo sie im Verhältnis zu den Gründer:innen ihrer politischen Ideen stehen. Engels‘ zweihundertster Geburtstag ist ein ebenso guter Zeitpunkt wie jeder andere, dies zu tun.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum sich die Anarchist:innen der damaligen Zeit im Gegensatz zu revolutionären Sozialdemokrat:innen wie Lenin oder Luxemburg kaum Illusionen darüber machten, ob die SDP sich einem künftigen Weltkrieg widersetzen würde. Der Autor beabsichtigt, diesem Thema in Zukunft einen ganzen Artikel zu widmen. Zur Beantwortung dieser Frage gehört die Feststellung, auf welche Weise die von Marx und Engels unterstützten politischen Traditionen praktisch zur Unfähigkeit der Arbeiter:innen führten, sich dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu widersetzen – und warum sie weiterhin einen wirklichen Internationalismus der Arbeiter:innenklasse behindern werden.

So war z.B. die sozialdemokratische „Arbeitsteilung“ in der Arbeiter:innenbewegung zwischen wirtschaftlichen Organisationen (Gewerkschaften) und politischen Organisationen (Parteien) und die Unterordnung ersterer unter letztere ein deutliches Hindernis für die Möglichkeit einer Einheit zwischen französischen und deutschen Arbeiter:innen im Vorlauf zu 1914. Der französische Gewerkschaftsbund CGT, der während eines Großteils der beiden vorangegangenen Jahrzehnte von revolutionären Syndikalist:innen kontrolliert wurde, trat ständig an seine deutschen Kolleg:innen heran, um konkrete Pläne für einen Generalstreik bei Ausbruch des Krieges zu diskutieren. Sie wurden immer wieder mit der Begründung abgewiesen, Militarismus sei eine politische Frage und könne daher nur zwischen den Parteien angemessen diskutiert werden.

Ich bin der Überzeugung, dass Antimilitarismus nicht unseren engen, konstruierten politischen Traditionen untergeordnet werden kann. Einen Weg nach vorn zu finden, bedeutet in gewisser Weise, unser Erbe zu analysieren, um es vollständig zu verstehen, und es gibt keinen Platz für Dogmatismus oder Held:innenverehrung bei diesem Unterfangen; wenn ich Marxist:innen – und Anarchist:innen – um eines bitten darf, dann ist es, dass sie zweifeln.

Ein Großteil dieses Artikels basiert auf der Arbeit von René Berthier, einem pensionierten militanten Syndikalisten, der zu diesem Thema schreibt. Sein Buch über die geopolitische Analyse Bakunins mit dem Titel „Bakunin Politique“ könnte für die Leser:innen von Interesse sein; ausgewählte Kapitel wurden in dem Englischen übersetzt und hier online gestellt.

Fußnoten

  1. Engels zu Bernstein, 12.-13. Juni 1883
  2. Engels zu Marx, 16. August 1870
  3. Marx zu Engels, 20. Juli 1870
  4. Engels zu Bebel, 29. September 1891
  5. Engels zu Bebel, 13. Oktober 1891


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