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Resistance Committee: Manifest

Ukraine. Die Genoss*innen des antiautoritären Resistance Committees haben ein Manifest veröffentlicht, das Riot Turtle für uns übersetzt hat.

Ursprünglich veröffentlicht von Resistance Committee. Übersetzt von Riot Turtle.

Resistance Committee: Manifest

Kontext

Was bringen Putins Regime und der Imperialismus mit sich? Wir haben es am grausamen Beispiel im Donbass und auf der Krim gesehen. Wir sahen es in der blutigen Unterdrückung der Bevölkerung von Belarus und Kasachstan, der Zerstörung von Protestbewegungen in Russland, der Bombardierung syrischer Städte. Das war Putin offenbar nicht genug. Am 24. Februar 2022 startete er einen großen Krieg gegen die Ukraine. Heute befindet sich das Epizentrum des Widerstands gegen Versklavung hier. Der Kampf der Ukrainer*innen gibt allen, die vom Putinismus unterdrückt werden, Hoffnung auf eine Befreiung.

Das Gebiet der heutigen Ukraine liegt seit Jahrhunderten im Spannungsfeld zwischen imperialem Ehrgeiz und Aggression. Menschen mit freiem Geist sind hierher geströmt, um der Willkür zu entkommen. Zu diesen Menschen gehörten Kosak*innen und Opryschki-Aufständische. Heldenhafte Machnowschtschina [1] kämpften hier für die Freiheit der Menschen gegen alle Herrschenden.

Der heutige Krieg in der Ukraine ist die Fortsetzung des Kampfes für die Freiheit der Menschen von jeglichem Autoritarismus. Die Bewohner*innen der Ukraine und die Menschen aus vielen anderen Ländern kämpfen gemeinsam für die Freiheiten und Rechte, die durch die Jahrhunderte des Kampfes der Menschen und die Anstrengungen der Revolutionär*innen errungen wurden. Und auch wenn heute der ukrainische Staat auf der Bühne steht, wird der Widerstand gegen die Invasion von einer breiten Massenbewegung geführt.

Wer wir sind

Das Resistance Committee ist der Raum für Dialog und Koordination von anarchistischen, libertären und antiautoritären Initiativen.

Wir sind der Meinung, dass die Ukraine und ganz Osteuropa frei von Diktaturen sein sollten. Freiheit, Solidarität und Gleichheit sollten die wichtigsten Grundsätze der sozialen Organisation in der Region werden.

Unsere Aufgabe: die Anstrengungen der Kämpfer*innen gegen den Autoritarismus zu vereinen, um einen wirksamen Kampf für unsere Ideale und Werte zu führen. Wir streben danach, die Zukunft der Ukraine und der gesamten Region zu beeinflussen, die bereits bestehenden Freiheiten zu schützen und zu ihrer Weiterentwicklung beizutragen.

Unsere Grundsätze

Für unsere und eure Freiheit!“ – wir sind die Feinde der imperialen Herrschaft, die jetzt in der Ukraine durch die brutale Putinistische Armee präsent ist. Wir kämpfen um der ukrainischen Gesellschaft willen, gegen die Zerstörung und den Tod, den die russischen Besatzer*innen ihr zufügen. Wenn sich der ukrainische Staat heute an diesem Kampf beteiligt, bedeutet das nicht, dass wir seine Unterstützer*innen geworden sind.

Wir betrachten die Bevölkerung von Russland und Belarus nicht als unsere Feinde. Wir rufen alle freigeistigen Russ*innen und Belaruss*innen auf, mit uns gegen die Diktatur zu kämpfen.

Wir wissen: Solange das Nest der Tyrannei in Moskau nicht beseitigt ist, wird die gesamte Region ständig mit Angriffen auf ihre Freiheit konfrontiert sein. Jeder örtliche Tyrann, der sein rebellierende Bevölkerung unterdrückt, wird vom „Zaren von Moskau“ unterstützt werden. Wir wollen, dass wir und unsere Nachbar*innen frei sind. Das bedeutet, dass wir dem Regime Putins ein Ende setzen müssen.

Gerechtigkeit – wir sind gegen alle Formen der Unterdrückung der Menschen, Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse, soziale Ungleichheit. Alle Unterdrücker*innen müssen besiegt werden. Tyrannei sollte durch freie und gleichberechtigte Zusammenarbeit aller in der Gesellschaft ersetzt werden. Auf diesen Grundsatz stützen wir unsere derzeitige Tätigkeit.

Es kann keine Gerechtigkeit geben, solange das Ungleichgewicht von Macht und Wohlstand in der Gesellschaft nicht überwunden ist.

Gerechtigkeit ist für uns unvorstellbar ohne die Gleichstellung der Geschlechter, den Schutz der Umwelt und die Überwindung aller Arten von Diskriminierung.

Solidarität – wir geben Zusammenarbeit den Vorrang vor Wettbewerb. Nähe und Zusammenarbeit vor Egoismus und Atomisierung. Dabei lehnen wir die Originalität und Einzigartigkeit jedes Einzelnen nicht ab. Die Freiheit eines jeden Menschen lebt in der Freiheit der anderen. Niemand ist frei, solange nicht jede(r) frei ist.

Was wir machen

Heute beteiligen sich in der Ukraine die Antiautoritär*innen aktiv an den wichtigsten Bereichen des Widerstands gegen die Aggression:

  1. Auf dem Kriegsschauplatz;
  2. In der Sphäre des freiwilligen gesellschaftlichen Engagements;
  3. In Medien-Aktivitäten.

Die Aufgabe des Resistance-Committees ist es, die Kommunikation und Koordination der verschiedenen Gruppen und Personen, die aktiv an diesen Prozessen beteiligt sind, zu gewährleisten.

Was kann jetzt noch getan werden, abgesehen vom Kampf gegen die Besatzer*innen?

Für uns ist es sehr wichtig, wie die ukrainische Gesellschaft künftig aussehen wird. Wir haben Veränderungen skizziert, die wir umsetzen wollen:

  1. Die ungerechten Auslandsschulden der Ukraine zu streichen: Das ist die Schlinge um den Hals des Landes, die von internationalen Finanzinstitutionen und reichen Staaten gehalten wird. Auch die Einwohner*innen anderer Länder profitieren vom Kampf der Ukrainer*innen gegen Putins Regime. Der Erlass der Auslandsschulden wäre eines der Beispiele für Solidarität.
  2. Einführung einer Kreditamnestie für Einwohner*innen der Ukraine mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die Schuldenlast der Bevölkerung ist das Ergebnis von Defiziten des Wirtschaftssystems. Die Einwohner*innen des widerständigen Landes sollten von dieser Last befreit werden.
  3. Das System der Vollversammlungen – Institutionen der Selbstverwaltung an der Basis – soll eingeführt werden. Sie sollten zur allgemeinen Praxis werden. Vollversammlungen sollten sowohl auf lokaler als auch auf beruflicher Basis (Gewerkschaften) gebildet werden. Die Entwicklung der Gewerkschaften bedeutet, dass die Arbeitnehmer*innen Instrumente für den kollektiven Schutz ihrer wirtschaftlichen Interessen schaffen.
  4. Bereitstellung von mehr Instrumenten und Ressourcen für die lokalen Gemeinschaften (hromada’s). Insbesondere soll die Praxis der Organisation lokaler Selbstverteidigung ausgeweitet werden, die sich in Kriegszeiten bereits bewährt hat.
  5. Gewährung der ukrainischen Staatsbürgerschaft oder einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung sowie umfassender Sozialleistungen, Krankenversicherung und Unterkunft für alle ausländischen Personen, die gegen die Besatzer*innen kämpfen.
  6. Zugänglichkeit von Wohnraum: Schaffung eines angemessenen Systems sozialer/kommunaler Mieten, Zugang zu günstigen Krediten für den Immobilienerwerb, Möglichkeiten für junge Familien und andere benachteiligte Gruppen, kostenlos eine Wohnung zu erhalten.
  7. Kostenlose Gesundheitsversorgung, Minimierung des bürokratischen Apparates, Sicherstellung angemessener Gehälter für alle Ebenen des medizinischen Personals.
  8. Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel.
  9. Soziale Unterstützung/Subventionen für Menschen mit geringem Einkommen: erhebliche Ermäßigungen oder kostenloser Zugang zu elementaren Produkten und Bedürfnissen.
  10. Entwicklung wirksamer Methoden zum Schutz der Freiheit von Frauen. Vor allem im Zusammenhang mit Gewalt. Wir glauben, dass es notwendig ist, autonome weibliche Strukturen in allen kommunalen Bereichen des Landes unabhängig von staatlichen Institutionen zu schaffen. Außerdem ist es notwendig, weibliche Verteidigungskräfte zu bilden, die Gewalt gegen Frauen bekämpfen. Die Autonomie der Frauen und weibliche Einheiten sollten auch innerhalb der regulären Armee gebildet werden. Geschlechtsspezifische Gewalt von Seiten der Besatzer*innen wie auch von Seiten aller anderen Kriminellen muss gestoppt werden!
  11. Entwicklung von ökologischem Bewusstsein und Verantwortung. Die Einführung ökologischer, dem Menschen angemessener Technologien, die auf die Bedürfnisse lokaler Gemeinschaften zugeschnitten sind.
  12. Gemeinsamer Zugang zu den Mitteln der Selbstverteidigung als Voraussetzung für Freiheit und die Möglichkeit, sich vor Angreifer*innen zu schützen. Vereinfachung des Zugangs zu Waffen. Integration von Bildung und Entwicklung der Militärindustrie auf der Grundlage der neuesten Technologien. Entwicklung von Bildungsprogrammen zur Ausbildung von Spezialist*innen, die die Verteidigungsfähigkeit des Landes stärken. Die Möglichkeit, militärische Fähigkeiten in den Reihen der Territorialen Verteidigung zu erwerben, die Minimierung der Bürokratie, die Ausweitung der Prinzipien der horizontalen Entscheidungsfindung und der Übergang zur normalen Arbeitswoche. Einführung eines Systems für nahrhafte Lebensmittel für Veganer*innen im militärischen Bereich.

Dieses Manifest ist keineswegs endgültig. Wir sind bereit, es im Laufe unserer Praxis zu ergänzen und zu korrigieren.

Lies dieses Manifest auf Ukrainisch, Belarussisch, Russisch und Englisch.

Fußnoten

[1] Die Machnowschtschina oder Machno-Bewegung, (eigentlich Revolutionäre aufständische Armee der Ukraine; ukrainisch Революційна Повстанська Армія України, auch Schwarze Armee) war eine anarchistische Bauern- und Partisan*innenbewegung, die zwischen 1917 und 1922 während des russischen Bürgerkrieges in der Ukraine aktiv war. Mit dem Ziel der Selbstbestimmung der Bauer*innen und Arbeiter*innen versuchte sie in großen Teilen des Landes, anarchistische Gesellschaftsstrukturen zu verwirklichen. Benannt ist die Machnowschtschina nach ihrem Initiator, dem von den Ideen Michail Bakunins und Peter Kropotkins beeinflussten Aktivisten Nestor Machno.

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