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#Chile: „Sie haben uns soviel gestohlen, dass sie uns sogar unsere Angst gestohlen haben“

Chile hat in den letzten Tagen einen Aufstand von beispiellosem Ausmaß erlebt. Beginnend mit der Erhöhung der Ticketpreise für die U-Bahn breitete sich der Aufstand schnell aus und zielte auf das gesamte System ab – in einem Land, das seit dem Putsch von Pinochet 1973 ein Labor für den härtesten Neoliberalismus ist und wo die Ungleichheiten zu den massivsten der Welt gehören. Während die rechte Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen und eine Ausgangssperre eingeführt hat, während das Militär zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur 1990 auf den Straßen patrouilliert, haben wir ein Treffen mit einem unserer Gefährten in Chile durchgeführt, um die Situation zu erörtern. Er erklärt die Herausforderungen der aktuellen sozialen Explosion, ihre Zusammensetzung, ihre Kampfmethoden und ihre Resonanz auf die parallelen Aufstände in Südamerika.

Ursprünglich veröffentlicht von ACTA – Partisan*e*s dans la Metropole. Übersetzung auf Non Copy Riot. Übersetzt von Sebastian Lotzer.

Chile erlebt Volksaufstände von einer Intensität, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Was war der Auslöser für den Aufstand?

Auslöser für den Aufstand war der Kampf gegen den Preisanstieg der Metro in Santiago. Ein Journalist der Agence France Presse, der immer noch ein guter Rechercheur ist, hat gerade erst festgestellt, dass die U-Bahn von Santiago de Chile die umfangreichste in Lateinamerika ist und dass die Hauptstadt durch Verkehrsstaus völlig überlastet ist. Es wäre angemessener zu sagen, dass diese Bewegung, die von prekären Studenten und Gymnasiasten initiiert wurde, typisch für eine Situation ist, die von der italienischen Autonomia Operaria durch das Konzept der militanten Untersuchung analysiert wird. In einer Zeit, in der die gesamte Stadt zur Fabrik geworden ist, und damit der gesamte städtische Sozialraum an der Wertschöpfung beteiligt ist, ist es nur logisch, dass der Metropreis zu einem radikalen Thema in den Kämpfen wird. Wenn wir an die Bewegungen der letzten Jahre in Südamerika denken, können wir einen Vergleich mit den Kämpfen 2013 in São Paulo anstellen und behaupten, dass es in dieser Stadt kaum öffentliche Busse gibt. Ähnlich wie in Brasilien begann die Bewegung mit einer militanten Gruppe, die von Arbeiterparteien und Gewerkschaften unabhängig war und sich von der Hauptstadt auf andere Großstädte im ganzen Land ausbreitete. Das Überraschendste ist die Geschwindigkeit der Ausdehnung des Bewegungsablaufs im chilenischen Fall. Am Freitag begann er in Santiago. Am Samstag wurde er in allen großen Städten des Landes, von Nord bis Süd, implementiert.

Wie wurde der Kampf gegen die steigenden Beförderungspreise zu einem weit verbreiteten Aufstand?

Diese Formen zeitgenössischer Kämpfe, bei denen die Metropole selbst zum politischen Gegenstand wird, sind in Chile in den letzten Jahren zunehmend präsent. Dies ist sicherlich nicht der erste Versuch, das “Recht auf die Stadt” in Chile zu politisieren, sei es in Santiago oder anderswo. Andere frühere Kämpfe haben bereits stattgefunden, mit ähnlichen Ergebnissen. Ebenso sind Aufstandspraktiken hier nicht neu. Und wir müssen uns an den Mut der feministischen Aktivistinnen angesichts der polizeilichen Repression erinnern, sei es während der feministischen Bewegung 2018 oder auch während des 8. März dieses Jahres. Wenn es diesmal eine soziale Explosion von solcher Tragweite gibt, dann liegt einer der Gründe meiner Meinung nach in den neuen, viel offensiveren Kampfformen, die seit dem ersten Tag in Santiago entwickelt wurden.
“Sie haben uns so viel gestohlen, dass sie sogar unsere Angst gestohlen haben” – Volksaufstand in Chile.

Welche Formen des Kampfes werden praktiziert?

Die Bewegung begann mit der Idee eines “massiven Betrugs” (“evasión masiva”) an mehreren Metrostationen in Santiago, um diese Preiserhöhung zu kritisieren. Die Idee ist einfach und erinnert uns natürlich an die Selbstreduktionspraktiken der italienischen Settanta: Wenn die U-Bahn zu teuer wird, werden wir nicht mehr dafür bezahlen, und dafür werden wir mit einige Hundert Menschen so eindringen, dass kein Wachmann uns am Betreten hindern kann. Aber angesichts der Unterdrückung verwandelte sich die Selbstreduktion schnell in Sabotage und Bruch. Vitrinen, Verteiler und kaputte Anzeigen, Infobildschirme wurden auf die Schienen geworfen, dann Feuer in U-Bahn-Stationen sowie in mehreren Bussen gelegt.

Wir sehen die Kontinuität zwischen Selbstreduktion und Sabotage: Wenn wir die Prekärsten von der Benutzung der U-Bahn ausschließen, und wenn die U-Bahn nicht für alle ist, ist sie also für niemanden bestimmt und muss zerstört werden. Die Ablehnung der Einschränkung der eigenen Handlungsoptionen führt direkt zur Sabotage. Von diesem Moment an ging alles weiter. Die gegen die Aktion in der U-Bahn eingesetzte Polizeiaktionen führten zu Unruhen. Die Unruhen führten zu Angriffen und Plünderungen von Supermärkten. Auch die Demonstrationen am nächsten Tag in den verschiedenen Städten des Landes lösten Unruhen und Plünderungen aus, auf die der Staat mit der Verhängung des Ausnahmezustands in allen diesen Städten und der anschließenden militärischen Ausgangssperre reagierte.

Welche Art von repressiver Reaktion hat der Staat durchgeführt?

Dies ist vielleicht eines der überraschendsten Dinge an diesem Ereignis, und zwar im Hinblick auf die Geschwindigkeit seiner Expansion. Mit der Ausrufung des Ausnahmezustands und dann einer militärischen Ausgangssperre delegiert der rechte Präsident Piñera die Wiederherstellung der (bürgerlichen) Ordnung direkt an die Armee und nicht nur an die Polizei. In einem Land wie Chile, das für immer von 15 Jahren Diktatur von General Pinochet geprägt ist, hat dies eine ganz besondere Bedeutung. Es scheint mir, dass dies eine gefährliche Option ist, denn die Rechte in Chile ist, wie in anderen postdiktatorischen Ländern (z.B. Spanien), das direkte Kind der ehemaligen Diktatur. So wie die Politiker der Volkspartei in Spanien ehemalige Frankisten sind, die zum Zeitpunkt des Sturzes des Regimes plötzlich herausfanden, dass sie nun konservative Demokraten waren, so besteht die chilenische Rechtspartei im Wesentlichen aus Ex-Pinochisten. Einige der Minister von Piñera waren u.a. die wichtigsten Führer für das “Ja” im Referendum von 1988, d.h. Politiker, die gegen die Entlassung Pinochets und gegen die Rückkehr zu einem parlamentarischen demokratischen Regime kämpften.

Folglich bedeutet der Einsatz der Armee in dieser Situation natürlich, die Bevölkerung mit den gleichen Methoden wie beim Putsch von Pinochet 1973 zu bedrohen und zu verdeutlichen, selbst Teil dieses Putsches gewesen zu sein. Das kann für die Rechte gefährlich sein, denn wie in Spanien gab es bisher eine Form der Übereinstimmung zwischen den Ex-Pinochisten und der Linken.

Die Rechte hörte in den späten 1980er Jahren auf, faschistisch zu sein und die Macht mit der Linken zu teilen, und die Linke hörte auf, revolutionär zu sein, und gab alle Pläne auf, die Verbrechen der Diktatur zu verfolgen. Darüber hinaus hat sie die Pinochet-Verfassung von 1980 akzeptiert, die noch in Kraft ist.

Heute die Armee einzusetzen, bedeutet, diesen Konsens zu brechen und die scheinheiligen Haltungen zu konterkarieren, die zum Glauben an die aufrichtige demokratische Umwandlung der chilenischen Rechten geführt haben. Um mit dieser Strategie zu siegen, versucht die regierende Rechte, sich als zwischen den Randalierern und Plündern auf der einen Seite und den ehrlichen Bürgern auf der anderen Seite befindend darzustellen, d. h. diesen Aufstand zu kriminalisieren. Wir sind nicht gewillt zu sehen, wie die permanente Ungerechtigkeit gegenüber eines großen Teils der Bevölkerung in den Unruhen zum Ausdruck kommt, und wir machen sie zu einer einfachen Frage der Kriminalität. Dies erinnert uns an die Haltung des Sarkozismus zur Zeit des Aufstands der Vororte in Frankreich im Jahr 2005. Ich denke, es ist eine riskante Entscheidung für die Regierung in einem so ungleichen Land, aber mit Medienpropaganda kann es eine Weile funktionieren.

Welche sozialen Segmente sind am stärksten mobilisiert?

Die Beantwortung dieser Frage hilft, die repressive Strategie des Staates zu verstehen. Wie viele zeitgenössische Aufstände ist die Bewegung interklassistisch. Sie reicht vorerst von der fortschrittlichen Mittelschicht über Arbeiter und prekäre Arbeiter, Studenten und Gymnasiasten bis hin zum Lumpenproletariat. Und es ist diese Realität, die für viele lateinamerikanische Länder typisch ist, die diese Bewegung bestimmt, sowohl in ihrer plötzlichen Ausbreitung als auch in der militärischen Unterdrückung. Die Revolte begann mit prekären Jugendlichen, Studenten und Gymnasiasten. Eine linke Mittelschicht unterstützt sie ebenso wie die eher traditionellen Militanten der Arbeiterbewegung. Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Handlungsmöglichkeit durch organisierte Arbeiter wird meiner Meinung nach entscheidend sein, um dem Versuch der Kriminalisierung und Entpolitisierung der Revolte durch die Rechte entgegenzuwirken. Der Sieg dieser bereits historischen Bewegung hängt wahrscheinlich zum Teil davon ab. Das Vorhandensein oder Fehlen anderer Kampfnetzwerke in dieser Situation wird ebenfalls entscheidend sein, ich denke insbesondere an feministische Gruppen und Mapuche-Kämpfer oder Mapuche-Unterstützer (die Mapuche sind die wichtigste indigene Gemeinschaft, die immer mit dem chilenischen Staat für die Anerkennung ihrer Rechte und gegen die Enteignung ihres Landes gekämpft hat). In dem Wissen, dass es in Arbeiterinnen- oder prekären Organisationen, im feministischen Kampf und zur Unterstützung der Mapuche oft dieselben Menschen gibt, da man zum Beispiel eine feministische Arbeiterin in Solidarität mit den Mapuche sein kann.

Eine der südamerikanischen Besonderheiten ist die Existenz und zahlenmäßige Bedeutung eines “Lumpenproletariats”, wie Marx sagte, oder eines “Subproletariats”, wie Pasolini sagte, d.h. einer noch ärmeren sozialen Schicht als die Arbeiter, weil sie nicht so sehr in ein festes Lohnsystem integriert ist. Der Begriff “Lumpen” wird in Chile häufig verwendet, um sie zu bezeichnen, und ist kein Ausdruck von Marxisten allein. Er ist natürlich abwertend. Der Versuch der Rechten zu kriminalisieren, besteht darin, einen Widerspruch zwischen ehrlichen, fleißigen Bürgern einerseits und andererseits der Sabotage durch prekäre Jugendlicher, Studenten, Gymnasiasten und der Plünderung von Geschäften durch “lumpenhaften” Gesellen zu kreieren. Ich glaube, dass es dieser Widerspruch ist, auf dem die Strategie der Rechten mit der Kriminalisierung der Bewegung beruht, und die Verschärfung dieses inneren Widerspruchs der Arbeiterklasse ist der einzige Weg, wie sie sich dem Konflikt vom Hals schaffen kann Die Bedeutung dieses Themas und seine Komplexität sollten nicht unterschätzt werden.

Aus der Sicht des sozialen Bewusstseins gibt es zwischen dem Proletariat und dem Subproletariat ebenso große Unterschiede wie zwischen Arbeitern und Managern in Europa. Ein Proletarier fühlt sich in seinem sozialen Bewusstsein von sich selbst so weit von einem Subproletarier entfernt, wie sich ein Ingenieur von einem Manager unterscheiden würde. Es gibt das gleiche Missverständnis zwischen ihnen, und oft den gleichen Klassenrassismus. Mit der Ausnahme, und das erschwert die Analyse natürlich, dass in einem neoliberalen Land, in dem die Arbeit keinen wirklichen Sozialschutz hat, die Grenze zwischen beiden oft verschwimmt. Man kann ein Proletarier gewesen sein und nach einer Entlassung ein Subproletarier werden, oder ein geborener Subproletarier sein und ein Proletarier werden, wenn man einen festen Job in einer Fabrik annimmt.

Infolgedessen ist in den Arbeiterklassen oft der eine der „Subproletarier“ des anderen. Einige Arbeiterviertel fürchten sich davor, von Subproletariern in der Nachbarschaft geplündert zu werden, während das Nachbarquartier die anderen als Proletarier betrachtet und daher Angst vor ihnen hat. Sicher ist, dass die Praxis der Plünderung eine gängige Praxis von Unterproletariern in Südamerika, wie auch in den Vereinigten Staaten ist. Und wenn man weiß, dass der Wiederverkauf gestohlener Haushaltsgeräte viel mehr einbringt als das durchschnittliche chilenische Gehalt, kann man schnell den Grund für diese Praxis erraten. An sich ist sie nicht spezifisch für soziale Unruhen. Sie wird jedes Mal vorgefunden, wenn es bei schweren Erdbeben in Chile zu einem massiven Stromausfall kommt. In dieser Situation der Naturkatastrophe erklärt der Staat im Allgemeinen den Ausnahmezustand, um diese Diebstähle zu verhindern, wie er es heute tut. Das ist die Strategie der Rechten: Den Menschen glauben zu machen, dass dieser populäre und spontane Aufstand letztlich nichts anderes ist als eine natürliche, übliche Katastrophe in einem Land, das sich entlang einer seismischen Bruchlinie erstreckt. Und so ist die Lösung für diese Katastrophe, Plasma-TV-Diebe und Supermarkt-Brandstifter zu bestrafen. Nur, dass das Erdbeben dieser Woche sozial ist. Die tektonischen Platten, die kollidieren, sind die antagonistischen Klassenbeziehung.

Und bis heute gibt es aus politischen Gründen keine militärische Ausgangssperre, jedenfalls seit dem Versuch Pinochet zu liquidieren durch die Revolutionäre der FPMR (Manuel Rodriguez Patriotic Front, eine illegale bewaffnete Gruppe der chilenischen Kommunistischen Partei) in den 1980er Jahren.

Was sind die Parolen, die Botschaften, die Menschen zusammenbringen?

Die Parolen über die Preiserhöhungen bei der U-Bahn wurden sehr schnell durch eine allgemeine Kritik am Neoliberalismus ersetzt, lange bevor die Regierung diese Erhöhung zurücknahm, um die Bevölkerung zu beruhigen. Dies ermöglicht es uns, die nationale Dimension dieser Bewegung zu verstehen, denn es gibt nur in Santiago und Valparaiso eine Metro, und nicht in den anderen Städten des Landes. Die einfache Tatsache, dass sich dieser Kampf in 24 Stunden auf alle Großstädte ausbreitete, zeigt also, dass sich die Bevölkerung in diesem speziellen Fall des Metropreises sofort wiedererkannte. Sie verstand sofort, dass dies nur ein weiteres Phänomen der Ausbeutung des neoliberalen Kapitalismus war, der seit dem Sturz von Allende und Volksfront alles in diesem Land beherrscht. Dies ist wichtig, weil es ein gemeinsames Bewusstsein für die Ausbeutung aller Städte dieses riesigen Landes nahelegt, in dem die geografischen Lebensstile so unterschiedlich sind, von der nördlichen Wüste bis zur Arktis, und auch wenn die Regionen recht starke kulturelle Unterschiede aufweisen. Darüber hinaus ist Chile wie Frankreich ein stark zentralisiertes Land, und doch ist der Unterschied zwischen der Hauptstadt und den Provinzen nicht zu groß. Im Gegenteil, die Provinzler reproduzierten die Bewegung sofort in ihren Städten und auf ihrer eigenen Ebene. Es gibt also ein gemeinsames Klassenbewusstsein der Ausgebeuteten in ihrer sozialen Vielfalt und ihren Widersprüchen, das sich quer durch das ganze Land zieht. Der Aufstand war sicherlich in allen großen Städten stark: Valparaiso, Concepción, Valdivia usw., aber besonders in den nördlichen Städten wie Iquique und Antofagasta, die zu den ärmsten Regionen des Landes gehören.

Die gemeinsamen Slogans nach den Aktionen an der U-Bahn von Santiago drücken die allgemeine Kritik am chilenischen Neoliberalismus, die tägliche Verwerfung durch ihn, die Verweigerung der Menschenwürde im Hinblick auf die Korruption der Eliten aus. Es gibt also alle Gründe für die Kritik an diesem neoliberalen System, und es gibt viele: Soziale Ungerechtigkeit, Korruption, Vetternwirtschaft, weit verbreitete Unsicherheit der Arbeit, wirtschaftliche Ausbeutung, radikale Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheit, Bildung, extraktivistische Wirtschaft, die die Natur zerstört und nur Ruinen hinterlässt, usw.

Das gesamte neoliberale chilenische System als Ganzes und das mit der Rückkehr der Demokratie entstandene politische System werden abgelehnt. Eine der explizitesten Parolen ist: “No es por 30 pesos, es por 30 años” – “Es geht nicht um 30 Pesos (die Preiserhöhung bei der U Bahn), sondern um 30 Jahre“. “30 Jahre”, das ist die Zeit seit 1989, die Zeit der Rückkehr zur Demokratie und des von mir bereits erwähnten Konsens zwischen den Ex-Pinochisten und der Linken. Dies ist in der Tat ein politisch-ökonomisches System, das hier kritisiert wird. Ebenso ist ein weiterer der besonders schönen Slogans, den wir auf den Straßen hören: “nos quitaron tanto que nos quitaron hasta el miedo” – “Sie haben uns so viel gestohlen, dass sie sogar unsere Angst gestohlen haben”.

Einige ältere Menschen machen es deutlich: Sie danken den jungen Menschen für ihre Revolte und für die fehlende Angst, die sie angesichts eines postdiktatorischen Systems, das die vorherige Generation gelähmt hat, empfinden. Diese Angst, die junge Menschen verloren haben, wird heute bei der Mobilisierung der Streitkräfte gezielt eingesetzt. Da die Militärdiktatur eine Art psychologisches Massentrauma ist, ist der Einsatz der Armee gegen die Demonstranten ein Versuch, das Trauma zu wecken, Angst und Zensur wiederzubeleben. Auf diese Ängste haben die Balkone heute so reagiert, wie sie es während der Diktatur in den 1980er Jahren getan haben: mit dem “cacerolazo”, dem Konzert von Töpfen und Pfannen, echten Percussions, die von einem Gebäude zum anderen reagieren, um dem Militär verständlich zu machen, dass man, wenn man während der Ausgangssperre nicht aus dem Haus darf, dennoch seine Opposition und seine Unterstützung für die Demonstranten auf der Straße zeigt.

Welche möglichen organisierten Kräfte gibt es innerhalb des Aufstands? Wie sind linke Parteien, Gewerkschaften und revolutionäre Gruppen positioniert?

Abgesehen von den Studenten und prekären Kämpfern, die am Ursprung dieser Bewegung stehen, scheinen alle mit der Arbeiterbewegung verbundenen Fraktionen nur noch in theoretischen Welten zu leben und konnten sich ein solches Ereignis nicht vorstellen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Organisatoren der ersten Aktionen gegen den Preis der U-Bahn heute ebenfalls von den Ereignissen überrollt sein werden. Selbst diejenigen, die eine solche Bewegung wollten, konnten sich solche wichtigen Konsequenzen nicht vorstellen. Es gibt jedoch einen wichtigen Punkt, und der folgt aus dem vorherigen Punkt, die sozialdemokratischen Linken, die das postdiktatorische Chile mit geschaffen und mitverwaltet hat, wird bisher genauso wenig beachtet wie die Rechte. Selbst linke Wähler sagen es: Es war die Mittelmäßigkeit der Reformen von Bachelet, die zum Sieg von Piñera führte. Die Sozialdemokraten sind für die aktuelle soziale Katastrophe mitverantwortlich.

Wie schwingt der chilenische Aufstand mit den Massenkämpfen im restlichen Lateinamerika zusammen? Ecuador, Kolumbien, Brasilien…

Dieser Punkt ist sehr wichtig und gibt uns eine Vorstellung von der Dynamik der Kämpfe in einem globalisierten Kapitalismus. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass sich Aufstände nicht nach einem diffusionistischen Modell entwickeln: Sie verbreiten sich nicht wie eine Flüssigkeit über einen neutralen Raum, sondern sie schwingen von einem Land zum anderen, wie Harmonien in der Musik. Wir sind nicht in Marin Karmitz’ Coup pour coup , sondern in Gérard Griseys Partials.

Es ist sicher, dass der Aufstand in Ecuador ein entscheidendes Element der chilenischen Bewegung ist. In nur einer Woche schafften die mobilisierten Ecuadorianer eine vom IWF geforderte Erhöhung des Benzinpreises ab. Angesichts des Ausmaßes, in dem der IWF Lateinamerika und insbesondere Chile beherrscht hat, überraschte dieser ecuadorianische Sieg viele Menschen auf dem Kontinent und gab jungen Chilenen höchstwahrscheinlich viel Mut, sowohl bewusst als auch unbewusst. Die Klassenzusammensetzung, der Lebensstandard, das politische und wirtschaftliche System Ecuadors unterscheiden sich stark von denen Chiles, die Bedeutung der indigenen Gemeinschaften, die 35% der Bevölkerung ausmachen und sozial stark organisiert sind, ist beispielsweise mit der Situation der Mapuche nicht vergleichbar.

Aber Ecuador hat gezeigt, wie ein offensiver Kampf siegreich sein kann, außerhalb der Parteiorganisationen der Linken und sogar genau gegen sie. Auch in Ecuador war ein Bündnis zwischen verschiedenen sozialen Gruppen siegreich, ländliche indigene Gemeinschaften, Studenten, die organisierte Arbeiterklasse, etc. Und ich glaube, dass diese Logik des Zusammenschlusses verschiedener sozialer Gruppen, jenseits der internen Widersprüche der Arbeiterklasse, in den Köpfen der chilenischen Militanten präsent ist. Es ist genau dieses Klassenbündnis, das die Rechte mit ihrer Kriminalisierung und ihrem Versuch, sich zwischen Proletariern, Unterproletariern, prekären Schülern – Gymnasiasten usw. zu spalten, brechen will. Infolgedessen ist die aktuelle chilenische Herausforderung enorm. Ein kurz- oder langfristiger Sieg oder eine Niederlage der Rebellen hätte direkte Auswirkungen auf den gesamten Kontinent. Bis zu einem gewissen Grad ist der Verzicht auf das Metro-Preisgesetz bereits ein begrenzter, aber echter Sieg. Soziale Niederlagen sind in Lateinamerika (und anderswo) so weit verbreitet, dass kein Sieg zu viel ist. Es bleibt abzuwarten, ob ein taktischer Sieg zu einem strategischen Sieg führt.

Die chilenische Bourgeoisie ist sich all dessen bewusst. Sie hatte bisher sicherlich keine Schwierigkeiten, ihre eigene Macht zu erhalten, und immer bessere Bedingungen für die Ausübung dieser Macht, aber sie weiß, dass die Chance der ecuadorianischen Resonanz Chile zur aktuellen und vorübergehenden Front der sozialen Kämpfe gemacht hat. Sie kämpft nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle Bourgeoisien des Kontinents, die ihre Verbündeten sind. Stellen Sie sich eine solche Bewegung morgen in Argentinien oder in Brasilien gegen Bolsonaro vor. Das muss die chilenische Bourgeoisie vermeiden, und Piñera hat es heute in seiner Anti-Delinquenz-Propaganda sehr deutlich gemacht: “Wir befinden uns im Krieg mit einem mächtigen Feind (….) und in diesem Kampf dürfen wir ihn nicht verlieren”.

Der Unterschied besteht darin, dass der von ihm benannte “Feind” nicht die ausgebeuteten und geplünderten Arbeiterklassen sind, sondern eine imaginäre “kriminelle Organisation”, die nur durch eine staatliche Handlung gerechtfertigt werden kann. Je mehr wir einen geeigneten und legendären Feind erfunden haben, desto mehr überzeugen wir uns von der Notwendigkeit eines Krieges. Wo mächtige kriminelle Organisationen ein Land wirklich dominieren und nicht nur Haushaltsgeräte stehlen, wie in Mexiko, wirkt der Staat viel zaghafter.

Was sind deiner Meinung nach die möglichen Folgen der Mobilisierung?

Der Kampf geht weiter, es ist sehr schwierig, das Ergebnis vorherzusagen. Dies hängt von Faktoren ab, die noch nicht bestimmt sind. Sicher ist, dass die Unterdrückung enorm ist und auf Einschüchterung abzielt. Während heuchlerische Journalisten sagen, sie verurteilen massenhafte Gewalt, um vorzugeben, die Legitimität friedlicher Aktionen zu unterstützen, hat keiner von ihnen gezeigt oder berichtet, wie friedliche Demonstrationen und andere Sit-ins am Sonntagnachmittag durch Gewalt der Polizeikräfte unterdrückt wurden, und zwar noch vor der Sperrstunde. Glücklicherweise zirkulieren diese Informationen in sozialen Netzwerken, aber es ist nicht sicher, ob dies ausreichend ist. Für die nächsten Tage können wir wohl Breton zitieren: „Wir haben die Hoffnung, zur Lösung eines ungelösten Problems beizutragen”.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien am 21.Oktober 2019 auf „ACTA – Partisan*e*s dans la Metropole“. Die Übersetzung erfolgte ziemlich in Eile und mit eigentlich unzureichenden Sprachkenntnissen, sie war mir aber eine Herzensangelegenheit, denn ohne Zweifel wird in Chile gerade Geschichte geschrieben und dieser Text dürfte einiges zum tieferen Verständniss der dortigen sozialen Revolte beitragen.

Sebastian Lotzer, den 26.10.2019

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