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Emma Goldman: Das politische Mahlwerk der Sowjetunion

Getippter Artikel von Emma Goldman von 9. December 1936, mit handschriftlichen Korrekturen aus Ordner 18, G.P. Maksimov (Maximoff) papers, International Institute for Social History, Amsterdam. Dies ist ein unbenutzter Anhang für The Guillotine at Work und bisher unveröffentlicht.

Ursprünglich veröffentlicht von Kate Sharpley Library. Übersetzt von Riot Turtle.

Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit Genosse A. Chapiro [Schapiro], mein alter Kumpel Alexander Berkman, der jetzt von mir gegangen ist, und ich selbst aus Sowjetrussland kamen, um der denkenden Welt die Enthüllungen über das politische Mahlwerk zu geben, die wir dort vorfanden. Erst nach einem langen Konflikt entschlossen wir uns, dies zu tun. Denn wir wussten sehr wohl, welchen Preis wir dafür zahlen müssen, wenn wir offen über die schrecklichen politischen Verfolgungen sprechen, die in der so genannten sozialistischen Republik an der Tagesordnung waren. Der Preis, den wir für unsere Entschlossenheit zahlten, war hoch genug, aber nichts im Vergleich zu der Lawine von Beschimpfungen und Verleumdungen, die gegen mich geschleudert wurde, als meine ersten zehn Artikel über Sowjetrussland in der öffentlichen Medien erschienen. Da ich das voraussah, war ich nicht sehr schockiert über die Tatsache, dass meine eigenen Genossen das, was ich zu sagen hatte, und das Motiv, das mich veranlasste, in der NEW YORK WORLD zu erscheinen, missverstanden. Noch viel weniger kümmerte ich mich um das Gift, das von den Kommunisten in Russland, Amerika und anderen Ländern gegen mich ausgeschüttet wurde.

Schon als wir noch in Russland waren, protestierten wir gegen das Mahlwerk, wie wir es in seiner unheilvollen Kraft sahen. Ich kann für mich selbst sagen, und ich kann dasselbe für meinen Genossen Alexander Berkman sagen, dass wir keine Gelegenheit ausließen, von bolschewistischem Führer zu Führer zu gehen; um für die unglücklichen Opfer der Tscheka zu plädieren. Stets wurde uns gesagt: „Wartet, bis alle unsere Fronten beseitigt sind, und ihr werdet sehen, dass die größte politische Freiheit in Sowjetrussland entstehen wird.“ Diese Zusicherung wurde immer wieder so überzeugend wiederholt, dass wir uns zu fragen begannen, ob wir die Wirkung der Revolution auf die Rechte des Einzelnen, was die politische Meinung betraf, verstanden hatten. Wir beschlossen, abzuwarten. Aber Wochen und Monate vergingen, und die unerbittliche Ausrottung aller Menschen, die es wagten, mit den Methoden des kommunistischen Staates auch nur im Geringsten nicht einverstanden zu sein, ließ nicht nach. Erst nach dem Massaker von Kronstadt spürten wir, unsere Genossen Alexander Berkman und Alexander Chapiro [Schapiro], dass wir nicht länger warten durften, dass es für uns alte Revolutionäre zwingend notwendig wurde, die Wahrheit von den Dächern zu schreien. Trotzdem warteten wir, bis die Fronten aufgelöst waren, obwohl es bitter schwer war, zu schweigen, nachdem 400 Politische gewaltsam aus dem Boutirka-Gefängnis entfernt und an abgelegene Orte geschickt worden waren. Als Fanny Baron und Tcherny [Lew Tscherny] ermordet wurden. Endlich kam der heilige Tag, die Fronten wurden beseitigt Aber die politische Mühle mahlte weiter, Tausende wurden von ihren Rädern zermalmt.

Damals kamen wir zu dem Schluss, dass das sowjetische Versprechen, das uns immer wieder wiederholt wurde, wie alle Versprechen aus dem Kreml eine leere Hülle war. Wir kamen daher zu dem Schluss, dass wir es unseren leidenden Genossen, allen revolutionären politischen Opfern sowie den Arbeitern und Bauern Russlands schuldig waren, ins Ausland zu gehen und unsere Erkenntnisse der Welt vorzustellen. Von dieser Zeit an und bis 1930 arbeitete Genosse Berkman unaufhörlich für die politischen Gefangenen und an der Beschaffung von Mitteln, um sie in ihrem furchtbaren lebendigen Grab am Leben zu erhalten. Danach setzten Genosse [Rudolf] Rocker, [Senja] Fleschin, Mollie Alperine [Steimer], Dobinski [Jacques Doubinsky] und viele andere treue Genossen die Arbeit fort, die unser geliebter Alexander aufgeben musste. Ich kann sagen, dass bis zum heutigen Tag die aufopferungsvollen Bemühungen, unseren unglücklichen Genossen in Sowjetrussland etwas Aufmunterung und ein wenig Trost zu bringen, nie aufgehört haben, was nur beweist, was Hingabe, Liebe und Solidarität bewirken können.

Um den Köpfen der Sowjetregierung gerecht zu werden, sei gesagt, dass es noch einen Anschein von Fairness gab, als Lenin noch lebte. Es ist wahr, er war es, der die Parole ausgegeben, dass Anarcho-Syndikalisten und Anarchisten sind nichts anderes als wie die Kleinbourgeoisie, und dass sie ausgerottet werden sollte. Dennoch ist es wahr, dass seine politischen Opfer für eine bestimmte Zeit verurteilt wurden und mit der Hoffnung zurückgelassen wurden, dass sie nach Ablauf ihrer Strafe freigelassen werden würden. Seit dem Aufkommen Stalins ist dieses bisschen Hoffnung, die Hoffnung, die für Menschen, die wegen einer Idee im Gefängnis sitzen, so wichtig ist und die für die Aufrechterhaltung ihrer Moral so notwendig ist, abgeschafft worden.

Stalin, getreu der Bedeutung seines Namens, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Menschen, die zu 5 oder 10 Jahren verurteilt wurden, mit der Erwartung zurückgelassen werden sollten, dass sie eines Tages die Freiheit wiedersehen würden. Unter seiner eisernen Herrschaft werden Menschen, deren Strafe abläuft, erneut verurteilt und in ein anderes Lager verfrachtet. So haben wir heute zahlreiche Genossen, die seit 15 Jahren von Verbannung zu Verbannung geschoben werden. Und es ist kein Ende in Sicht. Aber warum sollten wir uns über das unerbittliche Mahlwerk wundern, das Stalin für solche Gegner wie Anarchisten und Sozialrevolutionäre in Gang gesetzt hat? Stalin hat bewiesen, dass er mit seinen ehemaligen Genossen genauso grausam umgeht wie mit den anderen, die es wagen, an seiner Weisheit zu zweifeln. Die jüngste Säuberung, die der von Hitler in nichts nachsteht ([handschriftlicher Zusatz am Rande] und das letzte Opfer, das verhaftet und vielleicht ins Exil geschickt wurde, Zensl Muehsam), sollte allen, die noch zum Denken fähig sind, beweisen, dass Stalin entschlossen ist, jeden auszurotten, der ihm in die Karten geschaut hat. Wir brauchen daher nicht zu hoffen, dass unsere anarchistischen Genossen oder irgendeiner der linken Revolutionäre verschont wird.

Ich schreibe dies aus Barcelona, dem Sitz der spanischen Revolution. Wenn ich jemals, auch nur für einen Moment, an die Erklärung der sowjetischen Führer geglaubt habe, dass politische Freiheit während einer revolutionären Periode unmöglich ist, so hat mich mein Aufenthalt in Spanien vollständig davon geheilt! Auch Spanien befindet sich in den Fängen eines blutigen Bürgerkrieges, es ist von inneren und äußeren Feinden umgeben. Nein, nicht nur von faschistischen Feinden. Sondern von allen möglichen sozialen Exponenten, die den Anarchosyndikalismus und den Anarchismus unter dem Namen CNT und FAI noch erbitterter bekämpfen, als sie es mit dem Faschismus tun. Doch trotz der Gefahr, die in jeder Ecke jeder Stadt auf die Spanische Revolution lauert, trotz der zwingenden Notwendigkeit, alle Kräfte auf den Sieg im antifaschistischen Krieg zu konzentrieren, ist es doch erstaunlich, mehr politische Freiheit zu finden, als sich Lenin und seine Genossen jemals erträumt haben.

Wenn überhaupt, dann geht die CNT-FAI, die mächtigste Partei in Katalonien, in das entgegengesetzte Extrem. Republikaner, Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten, eigentlich alle marschieren täglich schwer bewaffnet und mit fliegenden Fahnen durch die Straßen. Sie haben die prächtigsten Häuser der ehemaligen Bourgeoisie in Besitz genommen. Sie veröffentlichen fröhlich ihre Zeitungen und halten riesige Versammlungen ab, doch die CNT-FAI hat nicht ein einziges Mal angedeutet, dass ihre Verbündeten die Toleranz der Anarchisten in Katalonien zu sehr ausnutzen. Mit anderen Worten, unsere Genossen demonstrieren, dass sie lieber ihren Verbündeten das gleiche Recht auf Freiheit zugestehen, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen, als eine Diktatur und einen politischen Mahlwerk zu errichten, das alle ihre Gegner zerquetscht.

Ja, 15 Jahre sind vergangen. Laut den frohen Botschaften aus Russland, die man im Radio, in der kommunistischen Presse und bei jeder Gelegenheit hört: „Das Leben ist freudig und prächtig“ in der Sozialistischen Republik. Hat nicht Stalin diese Parole ausgegeben und ist sie nicht immer wieder wiederholt worden. „Das Leben ist freudig und prächtig“. Nicht für die Zehntausende von politischen Opfern im Gefängnis und in den Lagern. Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten, Intellektuelle, Massen der Arbeiter und Zehntausende der Landbevölkerung wissen nichts von der neuen Freude und Pracht, die der Torquemada auf dem kommunistischen Thron verkündet. Ihr Leben, wenn sie noch leben, geht hoffnungslos, trist, wie ein tägliches Fegefeuer ohne Ende weiter.

Umso mehr Grund für uns, Genossen, und für alle, die aufrichtige Libertäre sind, die Arbeit für die politischen Gefangenen in der Sowjetunion fortzusetzen. Ich appelliere nicht an die Libertären, die sich heiser schreien gegen den Faschismus oder gegen die politischen Missstände in ihren eigenen Ländern und doch schweigen angesichts der fortgesetzten Verfolgung und Ausrottung der wahren Revolutionäre in Russland. Ihre Sinne sind abgestumpft. Deshalb hören sie nicht die Stimme, die aus den Herzen und den erstickten Kehlen der Opfer des politischen Mahlwerks zum Himmel steigt. Sie begreifen nicht, dass ihr Schweigen ein Zeichen der Zustimmung ist und dass sie deshalb für Stalins Taten verantwortlich sind. Sie sind ein hoffnungsloser Haufen. Aber die Libertären, die gegen jede Diktatur und jeden Faschismus sind, egal unter welcher Flagge, sie müssen weiterhin das Interesse und das Mitgefühl der Menschen für das tragische Schicksal der politischen Gefangenen in Russland wecken.

Emma Goldman, 9. December, 1936.


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