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Alfredo M. Bonanno: Anarchist:innen und Aktion

Ein weiteres Essay von Alfredo M. Bonanno: Anarchist:innen und Aktion.

Ursprünglich veröffentlicht von “Insurrection”, September 1989. Geschrieben von Alfredo M. Bonanno. Übersetzt von Riot Turtle.

Alfredo M. Bonanno: Anarchist:innen und Aktion im PDF-Format:

Anarchist:innen sind keine Sklav:innen der Quantität, sondern handeln auch dann gegen die herrschende Macht, wenn sich der Klassenkampf in der Masse auf einem niedrigen Niveau befindet. Die anarchistische Aktion sollte daher nicht darauf abzielen, die gesamte Klasse der Ausgebeuteten in einer riesigen Organisation zu organisieren und zu verteidigen, um den Kampf vom Anfang bis zum Ende zu sehen, sondern sie sollte einzelne Aspekte des Kampfes identifizieren und diese nach deren Abschluss angreifen.

Wenn Anarchist:innen eine konstante Eigenschaft haben, dann die, sich nicht von den Widrigkeiten des Klassenkampfes entmutigen oder von den Versprechungen der Macht verführen zu lassen.

Es wird immer schwierig, oft sogar unmöglich sein, einen anarchistischen Genoss:in zu finden, der der Macht nachgegeben hat. Das mag durch Folter oder körperliche Schmerzen geschehen, niemals durch lange Zeiträume der Unterdrückung oder den Verlust des Herzens. Es gibt etwas in Anarchist:innen, das sie davor bewahrt, entmutigt zu werden, etwas, das sie selbst in den schlimmsten Momenten ihrer Geschichte optimistisch macht. Es lässt sie nach vorne auf mögliche zukünftige Erfolge im Kampf schauen, nicht rückwärts auf vergangene Fehler.

Die revolutionäre Arbeit eines Anarchist:innen zielt daher nie ausschließlich auf die Massenmobilisierung ab, da sonst die Anwendung bestimmter Methoden den Bedingungen unterworfen würde, die in dieser zu einem bestimmten Zeitpunkt herrschen. Die aktive anarchistische Minderheit ist kein bloßer Sklav:in der Zahlen, sondern wirkt mit eigenen Ideen und Aktionen auf die Realität ein. Natürlich gibt es eine Beziehung zwischen diesen Ideen und dem Wachstum der Organisation, aber das eine entsteht nicht als direkte Folge des anderen.

Die Beziehung zur Masse kann nicht als etwas strukturiert werden, das den Lauf der Zeit überdauern muss, d.h. auf Wachstum bis ins Grenzenlose und Widerstand gegen den Angriff der Ausbeuter:innen beruhen muss. Es muss eine reduziertere spezifische Dimension haben, eine, die entschieden die des Angriffs ist, und nicht eine Beziehung der Nachhut darstellt.

Die Organisationsstrukturen, die wir anbieten können, sind zeitlich und räumlich begrenzt. Sie sind einfache assoziative Formen, die kurzfristig zu erreichen sind, das heißt, ihr Ziel ist nicht, die gesamte ausgebeutete Klasse in einer riesigen Organisation zu organisieren und zu verteidigen, um sie durch den Kampf von Anfang bis Ende zu führen. Sie müssen eine reduziertere Dimension haben, die einen Aspekt des Kampfes identifiziert und ihn bis zum Ende des Angriffs führt. Sie sollten nicht durch Ideologie belastet sein, sondern grundlegende Elemente enthalten, die von allen geteilt werden können: Selbstverwaltung des Kampfes, permanente Konfliktualität, Angriff auf den Klassenfeind.

Mindestens zwei Faktoren weisen diesen Weg für das Verhältnis zwischen anarchistischer Minderheit und Masse: der vom Kapital produzierte Klassen-Sektorialismus und das sich ausbreitende Gefühl der Ohnmacht, das der Einzelne durch bestimmte Formen des kollektiven Kampfes bekommt.

Es besteht ein starker Wunsch, gegen die Ausbeutung zu kämpfen, und es gibt noch Räume, in denen dieser Kampf konkret zum Ausdruck kommen kann. In der Praxis werden Aktionsmodelle ausgearbeitet, und es gibt in dieser Richtung noch viel zu tun.

Kleine Aktionen werden immer dafür kritisiert, dass sie unbedeutend und lächerlich sind gegen eine so immense Struktur wie die der kapitalistischen Macht. Aber es wäre ein Fehler, dies dadurch beheben zu wollen, dass man ihnen ein Verhältnis entgegensetzt, das auf Quantität beruht, anstatt diese kleinen Aktionen, die für andere leicht zu reproduzieren sind, auszuweiten. Der Zusammenstoß ist gerade wegen der großen Komplexität des Gegners bedeutsam, die er ständig modifiziert, um den Konsens aufrechtzuerhalten. Dieser Konsens hängt von einem feinen Netz sozialer Beziehungen ab, das auf allen Ebenen funktioniert. Die kleinste Störung beschädigt es weit über die Grenzen der Aktion selbst hinaus. Sie beschädigt sein Image, sein Programm, die Mechanismen, die den sozialen Frieden und das instabile Gleichgewicht der Politik erzeugen.

Jede winzige Aktion, die auch nur von einer sehr kleinen Anzahl von Genoss:innen ausgeht, ist in der Tat ein großer Akt der Subversion. Sie geht weit über die oft mikroskopischen Dimensionen dessen, was stattgefunden hat, hinaus und wird nicht so sehr zu einem Symbol als vielmehr zu einem Bezugspunkt.

Das ist der Zusammenhang, in dem wir oft von Revolte gesprochen haben. Wir können damit beginnen, unseren Kampf so aufzubauen, dass Bedingungen der Revolte entstehen und latente Konflikte sich entwickeln und zur Erscheinung gebracht werden können. Auf diese Weise wird ein Kontakt zwischen der anarchistischen Minderheit und der konkreten Situation hergestellt, in der sich der Kampf entwickeln kann.

Wir wissen, dass viele Genoss:innen diese Ideen nicht teilen. Einige beschuldigen uns, analytisch veraltet zu sein, andere, nicht zu sehen, dass der eingeschränkte Kampf nur den Zielen der Macht dient, und argumentieren, dass es, besonders jetzt im elektronischen Zeitalter, nicht mehr möglich ist, von Revolte zu sprechen.

Aber wir sind dickköpfig. Wir glauben, dass es auch heute noch möglich ist, zu rebellieren, selbst im Computerzeitalter.

Es ist immer noch möglich, das Monster mit einem Nadelstich zu durchdringen. Aber wir müssen uns von den stereotypen Bildern der großen Massenkämpfe und der Vorstellung vom unendlichen Wachstum einer Bewegung, die alles beherrschen und kontrollieren soll, entfernen. Wir müssen eine präzisere und detailliertere Art des Denkens entwickeln. Wir müssen die Realität so betrachten, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie uns vorstellen. Wenn wir mit einer Situation konfrontiert werden, müssen wir eine klare Vorstellung von der Realität haben, die uns umgibt, von dem Klassengegensatz, den diese Realität widerspiegelt, und uns mit den notwendigen Mitteln ausstatten, um darauf zu reagieren.

Als Anarchist:innen haben wir Modelle der Intervention und Ideen, die von großer Bedeutung und revolutionärer Wichtigkeit sind, aber sie sprechen nicht für sich selbst. Sie sind nicht direkt nachvollziehbar, also müssen wir sie in die Tat umsetzen, es reicht nicht, sie einfach zu erklären.

Allein die Bemühung, uns mit den für den Kampf erforderlichen Mitteln auszustatten, sollte dazu beitragen, unsere Ideen zu erläutern, sowohl für uns selbst als auch für diejenigen, die mit uns in Kontakt kommen. Eine reduzierte Vorstellung von diesen Mitteln, eine, die sich nur auf Gegeninformation, Dissens und Grundsatzerklärungen beschränkt, ist eindeutig unzureichend. Wir müssen darüber hinausgehen und in drei Richtungen arbeiten: Kontakt mit der Masse (mit Klarheit und umschrieben auf die genauen Erfordernisse des Kampfes); Aktion innerhalb der revolutionären Bewegung (im bereits erwähnten subjektiven Sinn); Aufbau der spezifischen Organisation (funktional sowohl für die Arbeit innerhalb der Masse als auch für die Aktion innerhalb der revolutionären Bewegung).

Und wir müssen sehr hart in diese Richtung arbeiten.

Alfredo M. Bonanno, September 1989

Übersetzt von Riot Turtle

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