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Jenseits der Struktur der Synthese

Anstelle einer anarchistischen Organisation der Synthese schlagen wir eine informelle anarchistische Organisation vor, die sich auf den Kampf und die daraus entstehenden Analysen bezieht.

g.c. in Insurrection (1989)

Ursprünglich veröffentlicht in Insurrection in 1989. Geschrieben von g.c. Übersetzt von Riot Turtle für Enough 14.

Anarchist:innenen aller Richtungen lehnen das Modell der hierarchischen und autoritären Organisation ab. Sie lehnen Parteien ab, vertikale Strukturen, die auf mehr oder weniger offensichtliche Weise Direktiven von oben auferlegen. Indem sie die befreiende Revolution als die einzig mögliche soziale Lösung postulieren, sind Anarchist:innen der Ansicht, dass die Mittel, die zur Herbeiführung dieser Transformation eingesetzt werden, die erreichten Ziele bedingen. Und autoritäre Organisationen sind mit Sicherheit keine Instrumente, die zur Befreiung führen.

Dabei reicht es nicht aus, dem nur in Worten zuzustimmen. Es ist auch notwendig, es in die Praxis umzusetzen. Unserer Meinung nach birgt eine anarchistische Struktur wie die Struktur der Synthese nicht wenige Gefahren. Wenn sich diese Art von Organisation zu voller Stärke entwickelt, wie es in Spanien ’36 der Fall war, beginnt sie einer Partei zu ähneln. Die Synthese wird zur Kontrolle. Sicherlich ist dies in ruhigen Zeiten kaum sichtbar, so dass das, was wir jetzt sagen, möglicherweise wie Blasphemie betrachtet werden könnte.

Diese Art von Struktur basiert auf Gruppen oder Einzelpersonen, die in mehr oder weniger ständigem Kontakt zueinander stehen, und hat ihren Höhepunkt in periodischen Kongressen. Auf diesen Kongressen wird die grundlegende Analyse diskutiert, ein Programm erstellt und Aufgaben verteilt, die den gesamten Bereich der sozialen Intervention abdecken. Sie ist eine Organisation der Synthese, weil sie sich als ein Bezugspunkt aufstellt, der in der Lage ist, die Kämpfe, die innerhalb des Klassenkampfes stattfinden, zu synthetisieren. Verschiedene Gruppen greifen in die Kämpfe ein, leisten ihren Beitrag, verlieren aber nicht die theoretische und praktische Ausrichtung aus den Augen, die die Organisation als Ganzes auf dem Kongress beschlossen hat.

Nun läuft eine so strukturierte Organisation unserer Meinung nach Gefahr, hinsichtlich des effektiven Niveaus des Kampfes ins Hintertreffen zu geraten, da ihr Hauptziel darin besteht, den Kampf im Rahmen ihres Syntheseprojekts voranzutreiben und nicht, ihn zu seiner aufständischen Verwirklichung zu drängen. Eines ihrer Hauptziele ist das quantitative Wachstum der Mitglieder:innenzahlen. Sie neigt daher dazu, den Kampf auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu ziehen, indem sie zur Vorsicht mahnt, die darauf abzielt, jede Flucht nach vorn oder jede Wahl von Zielen, die zu exponiert oder riskant sind, zu bremsen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Gruppen, die der Organisation der Synthese angehören, automatisch so handeln: oft sind die Genoss:innen autonom genug, um die effektivsten Vorschläge und Ziele in einer gegebenen Kampfsituation zu wählen. Es ist jedoch ein der Organisation der Synthese immanenter Mechanismus, der sie dazu bringt, Entscheidungen zu treffen, die der Situation nicht angemessen sind, da das Hauptziel der Organisation darin besteht, zu wachsen, um eine möglichst breite Front des Kampfes zu entwickeln. Sie neigt dazu, keine klare und eindeutige Position zu Themen zu beziehen, sondern findet einen Weg, einen politischen Weg, der den wenigsten missfällt und für die meisten zu verkraften ist.

Die Reaktionen, die wir bekommen, wenn wir Kritik wie diese äußern, sind oft von Angst und Vorurteilen bestimmt. Die Hauptangst ist die vor dem Unbekannten, die uns in Richtung Organisationsschema und Formalismus unter Genoss:innen drängt. Das bewahrt uns vor der Suche, die mit dem Risiko verbunden ist, sich auf unbekannte Erfahrungen einzulassen. Das ist ganz offensichtlich, wenn wir das große Bedürfnis einiger Genoss:innen nach einer formalen Organisation sehen, die den Anforderungen von Beständigkeit, Stabilität und im Voraus programmierter Arbeit entspricht.

In Wirklichkeit dienen diese Elemente unserem Bedürfnis nach Gewissheit und nicht der revolutionären Notwendigkeit.

Im Gegenteil, wir denken, dass die informelle Organisation valide Ansatzpunkte liefern kann, um aus dieser Unsicherheit herauszukommen.

Diese andere Art von Organisation scheint uns in der Lage zu sein, – im Gegensatz zu einer Organisation der Synthese – konkretere und produktivere Beziehungen zu entwickeln, da sie auf Affinität und gegenseitigem Wissen beruhen. Darüber hinaus ist der Moment, in dem sie ihr wahres Potenzial erreicht, wenn sie an konkreten Kampfsituationen teilnimmt, nicht wenn sie theoretische oder praktische Plattformen, Statuten oder assoziative Regeln aufstellt.

Eine informell strukturierte Organisation wird nicht auf der Grundlage eines auf einem Kongress festgelegten Programms aufgebaut. Das Projekt wird von den Genoss:innen selbst im Verlauf des Kampfes und während der Entwicklung des Kampfes realisiert. Diese Organisation hat kein privilegiertes Instrument der theoretischen und praktischen Ausarbeitung, noch hat sie Probleme der Synthese. Ihr grundlegendes Projekt ist das des Eingreifens in einen Kampf mit einem aufständischen Ziel.

Wie groß auch immer die Beschränkungen der an der informellen Art der anarchistischen Organisation beteiligten Genoss:innen sein mögen und welche Mängel diese haben mag, die Methode scheint für uns immer noch sinnvoll zu sein, und wir halten eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit ihr für lohnenswert.

g.c. in Insurrection (1989)


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