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Für Dimitris.

Schon seit einigen Tagen frage ich mich, woher meine persönliche Betroffenheit rührt, die ich spüre, wenn ich den vielleicht letzten Kampf des ehemaligen 17N-Militanten Dimitris Koufontinas verfolge, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützend für ihn einbringe, der vielleicht irrigen Hoffnung folgend, diese solidarischen Gedanken würden ihn erreichen. Ich denke, es geht mir bei dem Fall Dimitris Koufontinas um mehr als einen alten Mann, der um seine Würde kämpft. Es geht mir auch um mehr als die Schamlosigkeit, mit der griechische Familienclans ihre Rachsucht zelebrieren. Es geht mir nicht einmal darum, dass sich westliche Geheimdienste in die innenpolitischen und juristischen Auseinandersetzungen eines anderen Landes einmischen, um Hafterleichterungen für einen zu verhindern, dem es (zusammen mit Anderen) gelang, das Imperium das eine oder andere Mal empfindlich zu treffen. Was mit Dimitris ausgelöscht werden soll – und anders kann man das Handeln und die Äußerungen der Verantwortlichen in der griechischen Regierung nicht deuten – ist eine bestimmte Option, ja selbst der Gedanke daran, sich zu den Verhältnissen in einen deutlichen Widerspruch zu setzen. Mit Dimitris soll mehr als der 17. November begraben werden, es geht um den militanten Antagonismus selbst.

Eingereichter Beitrag. Geschrieben von Antikalypse.

Mich hat die Gnade der späten Geburt getroffen. Als ich in meinem damals noch jungen Leben über eine mögliche Zukunft in der Illegalität, über Exil, Knast und Tod nachdachte, wütend, romantisierend und dumm, nahm mir die Geschichte die Zügel aus der Hand – die Guerilla in Deutschland löste sich, wahrscheinlich viel zu spät, endgültig auf. Ich hab mich dann für Hafterleichterungen für die in Lübeck einsitzenden Frauen aus der RAF und insbesondere die Freilassung von Irmgard Möller engagiert, an der unwürdigen Debatte um ein Leben Christian Klars nach fast 30 Jahren Knast gelitten, Birgit Hogefeld absurderweise dann schon nur noch mit sehr eingeschränkter Solidarität bedacht, meine wohlfeile Kritik an all den krachend gescheiterten Versuchen der Befreiung geschärft..

Dann war er vorbei, der bewaffnete Kampf in Deutschland. Es gab keine Gefangenen mehr, um die sich gekümmert werden musste, die ehemaligen Militanten, so nicht komplett zerstritten, begannen psychotherapeutische Aufarbeitungsversuche, irgendwann erschien „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Plötzlich schien alles erzählt und alles verloren, aber meine Wut, die war immer noch da.

Die Frage, ob, wann und von wem denn in den Metropolen nun bewaffnet zu kämpfen sei, schien mir immer mehr eine strategisch-taktische denn eine moralische zu sein. Denn es ist ja nicht so, dass nur, weil die radikale Restlinke aufgehört hat zu schießen, auch die Gegenseite das Feuer eingestellt hätte. Das Militanz-Paradoxon, wie eine gewaltfreie Gesellschaft denn mit gewalttätigen Mitteln zu erreichen sei, will ich gar nicht weiter anreißen; zum (möglichen) Zusammenhang von Gewalt und Emanzipation haben andere und vor allem bessere als ich viel Kluges geschrieben. Aber es hat sich in mir ein Gefühl bewahrt, mit nahezu jedem Menschen solidarisch zu sein, der dem Drang folgt, den Verhältnissen mit der gleichen Gewalt gegenüberzutreten, die sie permanent produziert. Und das auch ganz unabhängig davon, ob ich dieser oder jener Charaktermaske ein Rentnerleben im Kreise ihrer Lieben gegönnt hätte oder nicht.

Der Kampf von Dimitris Koufontinas berührt mich aufgrund der Entscheidungen, die er traf, und die hätten auch die meinen sein können. Endlich aufhören, endlich anfangen. Für dieses Verständnis jenen gegenüber, die die Waffe in die Hand nahmen – in den letzten Jahrzehnten viele, viele hundert in ganz Europa übrigens – brauchte es auch keine umfangreiche geopolitische Analyse, warum die Liquidierung ausgerechnet dieses Funktionsträgers nun Imperialismus, NATO oder doch wenigstens der USA geschadet hätte. Ich hatte ja bereits erwähnt, über Gefühle zu schreiben.

Wenn ich mir heute die selbsterklärten Nachlassverwalter des bewaffneten Aufbruchs, zu dem die RAF zählte wie der 17N, ansehe, all die folkloristischen ML-Sekten, für die jene, die damals den Sprung wagten, wahrscheinlich nur Spott übriggehabt hätten, dann merke ich auch, wie sehr meine Solidarität mit kämpfenden Gefangenen eine emotionale Herangehensweise zuungunsten einer rationalen bevorzugt. Denn es gibt ja berechtigte Kritik nicht nur an ihren Adepten, sondern vor allem auch an den bewaffnet kämpfenden Gruppen selbst: Das Lagerdenken eines immer mal wieder erneuerten Antiimperialismus, die fatal-unkritische Bezugnahme auf nun wirklich jede nationale Befreiungsbewegung der Welt (mit Ausnahme der ostdeutschen vielleicht), ein immer wieder in antisemitische Mordanschläge mündender Antizionismus, die jeweils schwer auszuhaltenden Selbstverortungen zwischen antikapitalistischer Volkstümelei oder belehrungsbesessener Kader-Avantgarde – ich kann mit all dem wenig anfangen.

Von Dimitris Koufontinas wird behauptet, er hätte sich im Rahmen seiner Haft anarchistischen Positionen angenähert, was vielleicht auch die heftige Welle der Solidarität erklärt, die in ganz Griechenland vor allem vom antiautoritären Spektrum getragen wird. Ich würde es ihm wünschen. Denn so wie Raspe, Meinhof, Baader heute eben nicht mehr unsere Kader sind (oder es nie waren), gehören die Kämpfe von Gefangenen wie Dimitris zu unserer kulturellen DNA, wie man das wohl in dem links-bürgerlichen Milieu nennt, aus dem sich der auf Veränderung angewiesene Kapitalismus momenten sein verwaltendes und gestaltendes Personal bezieht.

Ich weiß nicht ob es aus einer ethischen Perspektive heraus richtig ist, auf die Macht, die Ausbeutung, die Unterdrückung, all die Gewalt zu schießen, wenn sie einem in Gestalt eines liebenden Familienvaters gegenübertreten. Ich weiß aber um dieses Gefühl, das ich nicht loswerde und das mir mitteilt, mindestens Verständnis zu haben für die, die diese Frage für sich beantworten konnten. Verständnis. Mindestens.

Wenn ich heute aufstehe und den Rechner anschalte, ist die erste Nachricht, nach der ich suche, die, ob Dimitris Koufontinas es einen weiteren Tag geschafft hat, ob dieser Kampf weitergeht, den er nur gewinnen kann, wir anderen aber verlieren werden. Ich glaube nicht, dass wir mit unseren Aktionen, Interventionen, dem kaputten Glas und der geschmierten Anklage, seinen Tod werden verhindern können. Darauf stelle ich mich ein: Dimitris Koufontinas verstorben. Und ganz unabhängig von der Binsenweisheit, dass jeder Tote hinter Gittern auf das Konto des Staats geht, werden wir hier einen staatlich legitimierten Mord erlebt haben, einen Mord, der den dafür Verantwortlichen selbst dann noch notwendig erscheint, wenn wir schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf die gleiche Weise antworten.

Dimitris, du wirst das hier nicht lesen. Aber wenn dir jemand mitteilen kann, dass dein Kampf auch in Deutschland wahrgenommen und unterstützt wird, ist das ja vielleicht schon etwas wert.

Nichts ist vorbei. Gegen jede Herrschaft.

Antikalypse, 5. März, 2021.


2 Gedanken zu „Für Dimitris.

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