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Berlin: Klassenkampf und nicht für eine Klasse kämpfen: eine antikoloniale Kritik an den Organisatoren des ersten Mai

Berlin. Ein Text von antikoloniale aktion zum 1. Mai 2021 in Berlin.

Ursprünglich veröffentlicht von Kontrapolis. Geschrieben von antikoloniale aktion.

Diese Reflexion begannen wir zu schreiben, als wir den Aufruf zur 1. Mai-Demonstration erhielten. Nach der Demonstration haben sich unsere Überlegungen nicht geändert, sondern eher gefestigt, und da uns bis heute keine öffentliche Selbstkritik der Organisierenden bekannt ist, haben wir uns entschlossen, sie zu veröffentlichen.

Als Migrantinnen und Migranten verteidigen und kämpfen wir aktiv für die Öffnung politischer Räume für die Teilhabe, und dazu gehört aus unserer Sicht die absolute Ablehnung einer Politik der Repräsentation.

Als ersten wollen wir sagen, dass wir sehr glücklich darüber waren, dass es den Versuch gibt eine klassenkämpferische Diskussion wiederzubeleben, mit dem ersten Mai als symbolischen Tag und dass wir komplett darin übereinstimmen, dass migrantische Perspektiven ein unabdingbarer Bestandteil dieser Diskussion sein müssen. Es freut und das diese neue Flamme des Klassenkampfes sich aus antikoloniale und antipatriarchale Gedanken nährt. Dieser erste Mai war ein Tag an dem unterschiedlichste Geschichten und Kämpfe zusammenkamen.

Nichtdestotrotz haben wir schon in dem Aufruf die Verfestigung eines Dynamik gesehen, dessen Aufkommen wir seit längerem fühlen. Jenseits der politisch-diskursiven Differenzen wollen wir eine Reflexion fördern und aufzeigen, dass die menschlichen Dynamiken, die diesen absolutistischen – aber individualistischen, für die Massen – aber elitären, revolutionären – aber pazifistischen, Diskurs produziert haben, nicht repräsentativ für uns als Migrantinnen sind; uns als Women of Color und Arbeiterinnen nicht zugute kommen und uns als Anarchistinnen und Antifaschistinnen nicht nähren.

Wir hoffen, dass unsere Absichten nicht falsch interpretiert werden wir wollen mit diesem Text nicht eine Gruppe angreifen. Vielmehr möchten wir klarstellen, dass uns diese Dynamiken in unserer Position einer antikolonialen, nicht-indentitären Politik stärken und bestätigen und uns erneut zeigen warum wir nicht nur mit Migranten kämpfen,sondern mit all jenen, die unabhängig von ihrem Pass, mit uns Träume für bessere Welten teilen.

Der erste Mythos: Alle Migranten gehöre der Arbeiterklasse an.

Wir halten die Verwechslung von prekärer Arbeit und Klassenkampf für äußerst gefährlich und sind besorgt über die Rolle, die diese beim diesjährigen 1. Mai gespielt hat. Es ist klar, dass prekäre Arbeit nur eine der vielen Formen der Materialisierung der Trennung in Klassen ist. Und deshalb ist es klar, dass die Bekämpfung der Präkarität für den Aufbau des Klassenkampfes nicht ausreicht. Uns ist bekannt, dass viele derjenigen, die migireren sich dadurch zum ersten Mal in der Situation einer prekarisierten Arbeit wiederfinden und einen sozialen Abstieg erleben. Im Diskurs des Klassenkampfes haben sie eine politische Nische gefunden, die ihnen Macht über andere gibt. Weit davon entfernt, ihre prekären Arbeitsbedingungen in einen gemeinsamen politischen Kampf zu verwandeln, sich in eine bestehende kollektive Geschichte zu stellen und Teil der kollektiven Konstruktion zu werden, die wir Arbeiterklasse nennen, versuchen sie aus ihrem Interesse an der Verbesserung ihrer persönlichen Lage heraus, ökonomischen Wohlstand zu erreichen. Wohlstand, der ihnen durch eine reformistische Politik, die auf von bürgerlichen Werten geleiteten Lebenserfahrungen basiert, die soziale Position, die sie einst vor der Migration einnahmen, zurückgeben soll.

Nach unserem Verständnis und als Menschen, die in der Arbeiterklasse sozialisiert wurden, mit einer Kultur der Arbeiterklasse, sozialen Werten der Arbeiterklasse, Umgangsformen und Lebensweisen der Arbeiterklasse, sehen wir, dass der Klassenpaternalismus ein Übel ist, das auch die migrantisch-politische Szene in Berlin korrumpiert. Der Klassenkampf ist Teil eines revolutionären Projekts, das die gesamte Matrix der Herrschaft angreift, und muss daher aus der Arbeiterklasse geführt werden und nicht von denen, die versuchen, die Massen zu erleuchten. Er kann nur durch kollektive Befreiung und nicht durch individuellen Aufstieg erfolgreich sein.

Der Klassismus ist die Form der Unterdrückung, welche die reformistische Linke – migrantisch oder weiß-deutsch – gegen uns wendet. Mit ihren Trugbildern einer Revolution, die sie in irgendeinem Buch oder einem wissenschaftlichen Aufsatz gelesen haben. Indem sie sich einen Prozess der sozialen Dekonstruktion rund um den Rassismus aneigneten, gelingt es ihnen, ihre politischen Projekte durchzusetzen: Die Zentralisierung des Diskurses, immer in der ersten Reihe (solange es keine Konfrontation mit der Polizei gibt, versteht sich) und das Treffen von Entscheidungen im Namen anderer. Bis zu dem Punkt, dass uns, Migranten und Arbeitern, ein so wichtiger Tag wie der erste Mai genommen wird. Und so wenden sie die selbe Bevormundung, die sie zu bekämpfen vorgeben, gegen andere Identitäten an, deren Stimmen keinen Platz in den bereits festgesetzten Strukturen finden. All dies materialisierte sich in unseren Augen in dem Aufruf zu einem friedlichen ersten Mai, mit der Begründung so für die Sicherheit migrantischer Teilnehmer:innen zu sorgen.

Denn wer hat um diese Hilfe gebeten? Mit welcher Berechtigung wird entschieden, was (alle) Migranten am 1. Mai brauchen? Wir lehnen es kategorisch ab, repräsentiert zu werden und unsere politische Subjektivität, uns als migrantisch und radikal zu definieren, aberkannt zu bekommen. Wir weisen die Bevormundung sowohl von der „weiß-deutschen“ Linken als auch von der „migrantisierten“ Linken oder den akademischen migrantischen Eliten zurück, die aus Angst ihren eigenen Reformismus öffentlich zu machen versuchen, uns mit einem der folgenreichsten Bilder zu diskreditieren, welches der Kolonialismus je erfunden hat: dem Etikett der Barbarei und der Dialogunfähigkeit für diejenigen von uns, die in der direkten Aktion einen von vielen Wegen zur Befreiung sehen.

Zweiter Mythos: Gewalt ja, Gewalt nein?

Indem sie das Bild der „weiß-deutschen“ Radikalen benutzten,die jedes Jahr Gewalt zelebrieren und Schlägereien mit der Polizei ritualisieren, ließen sich die Organisatoren von einem bürgerlichen Bild des sozialen Protests, gespeist aus der Angst vor der Selbstverteidigung der Unterdrückten, inspirieren. Wir identifizieren uns nicht mit der Tradition des „Revolutionären 1. Mai Berlin“. Aber wir denken ebend auch nicht, dass der Weg, Alternativen aufzubauen und den 1. Mai mit Inhalt zu füllen, darin besteht, sich mit anderen Aktionsformen und -methoden zu entsolidarisieren.

Entsprechend überrascht waren wir, dass eine Gruppe, die sich aus der Kritik am rassistischen Polizeiapparat gründete, sich von einem Diskurs blenden ließ, der von der Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas produziert wurde. Haben menschen wirklich geglaubt, dass die Polizei nur Demonstrationen angreift, wenn sie von den Demonstranten „provoziert“ wird? Wollen wir wirklich den Diskurs der Polizei akzeptieren, dass nur dann Protest niedergeschlagen werde, wenn es erforderlich sei? Ist Repression jemals berechtigt?
So wie der Rassismus von den Repressionsorganen des Staates mit jeder rassistischen Kontrolle, mit jedem Tod in Haft, mit jeder Abschiebung und mit jedem verweigerten Visum reproduziert wird, so verfestigt sich der Klassismus in jeder aufgelösten Demonstration und mit jedem Stock auf einem Kopf, der von einer besseren Welt träumt.

Gewalt ist unserer Existenz in diesem kapitalistischen, ableistischen, hetero-patriarchalen und rassistischen System inhärent. Eine vereinfachende und dualistische Herangehensweise wie Ja/Nein zu Gewalt passt nicht zu unserer Realität, in welcher wir nicht die Kontrolle über das System haben, das wir bewohnen. Wir haben nicht die Macht, ohne Gewalt zu leben. Friedlich sein, ist heute nicht das Gegenteil von Gewalttätigkeit. Weil es gewalttätig ist, wenn man sieht, wie die Polizei eine Genossin mitnimmt und nichts dagegen unternimmt. Es ist gewalttätig, Migranten aus der Arbeiterklasse als „rücksichtslos“ zu behandeln und zu behaupten, sie brächten andere in Gefahr, wenn sie ihren Körper einsetzen, um sich dem repressiven System entgegenzustellen. Es ist gewalttätig, wenn man sich als Linker versteht, aber Polizeigewalt und revolutionäre Gegengewalt gleichstellt.

Dieser paternalistischen Diskurs der Repräsentation wird von durch die absolutistische Besetzung einer Identität implantiert. Eine Avantgarde-Elite, die uns, auch Migranten, in ihren migrantischen Identitarismus zwingt mit Diskursen der multikulturell-nationalen Öffnung einem vereinheitlichenden und klassistischen Konstrukt unterwirft. Sie versuchen, uns in einen Identitätsraum innerhalb des deutsch-nationalen Konstrukts einzufügen, den wir ablehnen und in den wir uns nicht integrieren wollen, auch wenn er süß statt sauer schmeckt.

In anderen Worten: Was uns vom reformistischen und pazifistischen Diskurs dieses ersten Mais trennt, ist das dieser innerhalb des Rahmen des deutschen Nationalstaates geführt wurde, sei es aus der individualistischen Suche nach der Überwindung der Klasse um sich als Teil der kosmopolitischen Elite zu beweisen oder aus dem Bedürfnis als Teil der deutschen Nationalkultur anerkannt zu werden. Wir sind nicht Deutsch, kämpfen nicht dafür es zu sein, wollen nicht als solches behandelt werden. Nationen und ihre Institutionen können nur durch Ausschluss bestehen. Daher und mit Liebe im Herzen und für die Befreiung aller, kämpfen wir dafür uns miteinander selbstdefinieren zu können und somit bleibt uns nur der Weg der Selbstverteidigung.

Wir lehnen die Polizeigewalt gegen den schwarzen Block oder den anarchistischen Block ab, ohne uns zu fragen, aus welchen Identitäten diese bestehen. Denn wir schließen unsere Genossen nicht wegen ihrer Identität aus, sondern wir verbinden uns in unserem Fühlen und Denken. Weil wir als Migranten und rassifizierte Menschen sehr gut wissen, dass Dekonstruktionen Prozesse sind, die uns alle betreffen. Niemand ist frei davon, Herrschaft zu reproduzieren. Der Weg zur Befreiung, ist nicht die Diktatur der Unterdrückten und schon gar nicht die jene Situationen zu begünstigen, die der Unterdrückung derer dienen, mit denen wir Differenzen haben. Wir kämpfen für die gemeinsame Befreiung, und deshalb sind wir immer auf der Seite der Unterdrückten, die tagtäglich gegen die soziale Verdrängung, Monat für Monat auf der Arbeit kämpfen oder mit einer direkten Aktion eine Antwort auf Polizeigewalt setzen.

So schwer es auch zu verstehen sein mag, es lohnt sich klarzustellen, dass dies keine Kritik am Kampf der sich Organisatoren der ersten Mais ist. Denn auch wenn sie von unserem ideologischen Verständnis weit entfernt sind, betrachten wir sie als einen wichtigen Teil der Bewegung, zu der wir alle gehören. Aus unserer Zuneigung für die Autonomie der Menschen haben wir immer versucht, zuzuhören und ihre Kämpfe so weit wie möglich zu unterstützen. Der Bruch, der uns dazu bringt, diese Kritik öffentlich zu machen, ist weder eine ideologische Entscheidung noch ein politischer Bruch in dem Verständnis unseres gemeinsamen Kampfes. Vielmehr ist es die Tatsache, dass der Diskurs dieses 1. Mai – und damit die Gruppen, die ihn organisiert haben – uns unsichtbar gemacht haben, indem sie uns unsere Stimme wegnahmen und sie ohne Zustimmung ihrem politischen Projekt zurechneten, welches auf autoritäre Weise im Namen einer Gemeinschaft der Migranten präsentiert wurde, die sie nicht repräsentieren. Denn diese eine Gemeinschaft gibt es heute nicht, und wenn es sie gäbe, sollte wir alle wählen können mit wem und nach welchen Prinzipien wir unser Leben aufbauen wollen.

antikoloniale aktion, 26. Juni, 2021


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