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Communiqué zur Räumung der Hönggerstrasse 24 [Zürich]

Zürich. Am Dienstag den 11. Oktober 2022, wurde das besetzte Haus in Wipkingen, mit dem liebevollen Namen „H24“, von einem Grossaufgebot der Stadtpolizei Zürich geräumt. Das ehemalige Sozialamt an der Hönggerstrasse 24 war seit dem 1. Oktober 2022 besetzt.

Ursprünglich veröffentlicht von Barrikade Info.

In den letzten 10 Tagen wurde das H24 belebt und Raum geschaffen wo Menschen aufeinander treffen, neue Ideen entstehen und Kämpfe fortgeführt werden können.
Das Bürogebäude soll nun in einen Wohnkomplex mit 1-Zimmer- und Kleinstwohnungen umgebaut werden. Der Besitzer spricht von bezahlbarem Wohnraum, doch wir fragen uns für wen? Und was heisst bezahlbar für dich Robert? Erfahrungsgemäss zielt solch ein Vorhaben auf reine Gewinnmaximierung ab. Sei es durch die Abschöpfung der maximal 900 Franken, die Sozialhilfeempfänger:innen vom Sozialamt für sogenannten „Etagenzimmer“ erhalten, oder das Ausnützen der sich wandelnden Wohnraumansprüche. Eine angemessene Wohnfläche als Kriterium für die eigenen vier Wände, wird durch das weit verbreitete Bedürfniss (weiterhin) im Zentrum einer Stadt zu leben, in den Hintergrund gedrängt. Es entsteht ein Konkurrenzkampf, der die mehr oder weniger zahlungsfähigen Menschen dazu drängt immer mehr Miete hinzublättern, um ihren Wunsch nach einem urbanem Leben zu erfüllen.
Ausserdem: egal ob Mikroapartments, Studentencontainer, Minilofts oder Sozialwohnungen; in der Idee, ein ganzes Haus mit lauter Wohnungen für jeweils eine Person zu füllen, sehen wir ein deprimierendes Beispiel für die zunehmende Vereinzelung unserer Gesellschaft. Wir* wehren uns gegen diese isolierende und ausschliesende Stadtentwicklung.

Die Räumung des Koch-Areals steht bevor. Ein Space, der sich über die letzten neun Jahre als zentraler Ort kultureller Prozesse und des politischen Austauschs in Zürich entwickelt hat. Zahlreiche Events, Projekte, Vernetzung und gemeinschaftliches Wohnen wurde in diesem Raum ermöglicht. Die Räumung des Koch-Areals in Altstetten wird das Stadtbild massgebend verändern. Die Hönggerstrasse 24 war ein Versuch, diese Form von Diversität zu erweitern und aufrechtzuerhalten. Oppositionelle ausserparlamentarische Politik, intersektionale Basisarbeit und abwechslungsreiche Subkultur sind ohne Freiraum undenkbar. Freiraum bedeutet selbstorganisiert, ungebunden und nicht verpflichtet zu sein einem Leistungsdruck oder Bildungsauftrag entsprechen zu müssen. Deshalb müssen wir uns eigene Räume schaffen ohne Absegnung und finanzielle Unterstützung der Stadt oder Erlaubnis von Zwischennutzungsfirmen. Das bedeutet nicht, dass wir Zwischennutzungen grundsätzlich ablehnen. Im Gegenteil: auch wir wollen nicht, wie es die Zentralwäscherei (ZW) formuliert, dass wir als politische Räume gegeneinader ausgespielt werden. Der Stadtrat lässt zwar in einem Beschluss verlauten, dass „der Leerstand von Liegenschaften im städtischen Eigentum“ aufgrund des „grossen Bedarfs“ aber auch um „allfällige Besetzungen“ zu verhindern, zu vermeiden sei, weswegen möglichst viele Zwischennutzungen wie die ZW enstehen sollen. Trotzdem gilt unsere Abneigung gegen Zwischennutzungen nicht den Menschen, die auf diese Räume angewiesen sind, sie bespielen und sie nutzen. Unser Unmut geht gegen ein System, das darauf besteht, die Nutzung von Leerstand nur als kommerzielle und kontrollierte Räume zu akzeptieren.
Wir sind uns einig: „Zwischennutzungen sind keine Lösung für Leerstand, steigende Mietpreise und kapitalistische Stadtentwicklung“. Besetzen sehen wir als eine Praxis, die diese Kritik in sich trägt und mit jedem Haus und jeder Aktion neu verhandelt.
Für all das bietet die Hönggerstrasse 24 Raum, der nun wie viele andere einfach leer steht. Doch wir sind viele, wir machen weiter, ob an der Hönggerstrasse oder sonst wo. Da die Familie Fleck rechtzeitig das Haus verlassen konnte, gab es trotz des grossen Polizeiaufgebotes weder Bussen noch Verhaftungen. Natürlich sind wir dennoch wütend und traurig – wir haben uns langsam richtig wohlgefühlt. tant pis!

Wir sehen uns bald wieder! alles wird besetzt!
Freundliche Grüsse
Familie Fleck

*das “wir” in diesem Communiqué ist nicht nur für Besetzer*innen bestimmt, sondern offen für alle, die sich solidarisieren.

du möchtest die Besetzer:innen kontaktieren? schreib eine Mail an familie_fleck@riseup.net

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