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Wenn es nur keinen Krieg gäbe

Ein Beitrag über die zunehmenden Spannungen in der Ukraine und Belarus aus einer anarchistischen Perspektive.

Ursprünglich veröffentlicht von Pramen. Übersetzt von Riot Turtle.

Nach der russischen Besetzung der Krim und der Stationierung von Truppen auf dem Gebiet des Donbass beschloss ein Teil der belarussischen Opposition, den Versuch aufzugeben, Lukaschenko loszuwerden. Die Angst, dass Belarus seine Unabhängigkeit verlieren könnte, wurde wichtiger als der Wunsch nach Freiheit. Damals begannen viele Belaruss*innen zu fragen, was diese Ukrainer*innen erreicht hatten – den Verlust von Territorien, den hybriden Krieg mit Putin, den wirtschaftlichen Ruin, und das alles nur wegen einiger abstrakter Grundrechte. Und erst jetzt kommen wir endlich zu der Wahrheit, dass das Lukaschenko-Regime kein Hüter des Friedens ist. Es ist eher das Gegenteil: Die Diktatur glaubt, dass es irgendeinen starken Führer gibt, der besser weiß, was gut für die Menschen ist. Und ein solch großes Ego ist extrem gefährlich für alle.

Anarchist*innen haben Kriege nie begrüßt, weil sie die Bevölkerung von den wirklichen Problemen ablenken, die uns ständig umgeben. Statt nach Freiheit zu streben, fängt die Bevölkerung an, über die Erfolge des Fortschritts an der Front zu diskutieren. An die Stelle der internationalen Solidarität tritt der Nationalismus, der aus Brüdern, Schwestern und Genoss*innen Todfeinde gemacht hat. Der Krieg hat nichts Fortschrittliches an sich. Der Krieg ist der Triumph einer menschenfeindlichen Ideologie der Macht. Heute wie damals ist der Krieg eine Angelegenheit der Herrschenden, außer dass die Bevölkerung in ihm stirbt. In patriotischer Trance oder einfach wegen des Geldes.

Und nun befinden wir uns am Rande eines weiteren möglichen Krieges. Ein Krieg, in den Putins Vasall Lukaschenko die belarussische Gesellschaft hineinziehen wird. Und belarussische Soldat*innen werden losziehen, um die Ukraine in die sogenannte slawische Bruderschaft zurückzuführen. Mit der slawischen Bruderschaft meint der Diktator höchstwahrscheinlich das russische Imperium, das seit vielen Jahren unter Putins Führung versucht, seine Macht nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und im Nahen Osten auszubauen. Die Niederschlagung der Proteste von 2020 hat Belarus noch enger an Russland gebunden. Es ist noch unklar, welchen Preis Lukaschenko für die finanzielle und politische Unterstützung des Kremls zu zahlen hat.

Wird es einen Krieg geben?

Wir sehen keinen Sinn darin, das Verhalten von unfähigen Diktatoren analysieren zu wollen. Im Jahr 2020, auf dem Höhepunkt der Proteste, sagten viele Expert*innen, dass Putin niemals OVKS-Truppen nach Belarus schicken würde, um die Proteste zu unterdrücken. Im Jahr 2022 wurden Truppen nach Kasachstan entsandt, um das dortige moskautreue Regime zu stabilisieren. Es ist nicht klar, was als nächstes passieren wird. Die durch das Coronavirus verursachte wirtschaftliche und politische Krise zwingt die politischen Eliten zu riskanten Schritten, um ihre Macht zu sichern.

De facto wird die belarussische Gesellschaft von der Diktatur als Geisel gehalten, da alle russischen Truppen und Schlägerbullen bereit sind, alle Gegner*innen Lukaschenkos zu foltern und zu töten. Wir werden nicht in der Lage sein, die Handlungen des Regimes in irgendeiner Weise zu beeinflussen, wenn es beschließt, das Nachbarland anzugreifen. Wie wir im Fall von Kasachstan gesehen haben, werden Menschen nicht nur für ihre Taten, sondern auch für jedes Wort, das die Politik des Tyrannen verurteilt, inhaftiert. Und glaubt uns, seit es die Republik Belarus gibt, haben wir wiederholt Lukaschenkos Unvermögen unter Beweis gestellt. Nur liberale Analyst*innen können an seiner Bereitschaft, Chaos zu stiften, zweifeln.

Was soll ein einfacher Mensch in diesem Fall tun? Wenn ein Krieg beginnt – überlaufen. In Massen desertieren, zusammen mit all ihren Waffen und ihrer Ausrüstung. Die Frontlinie in der Ukraine überschreiten und sich dem Widerstand gegen Putins Plage der illiberalen Demokratie anschließen.

Im Gegenzug bereiten sich Anarchist*innen und Antifaschist*innen auch auf den Widerstand in der Ukraine vor. Nicht um den ukrainischen Staat zu erhalten, sondern um die minimalen Freiheiten zu verteidigen, die sich die ukrainische Gesellschaft in den letzten Jahren erkämpft hat. Und wenn du, wie wir, hoffst, dass es keinen Krieg geben wird, vergiss nicht, dass du dich immer auf das Schlimmste vorbereiten solltest…


2 Gedanken zu „Wenn es nur keinen Krieg gäbe

  1. Diese anarchistische Darstellung hätte auch ein cdu-vertreter schreiben können.

    1. Nein, CDU Vertreter*innen würden im Gegensatz zu den genannten Anarchist*innen und Antifaschist*innen ja für den Erhalt des Landes kämpfen.

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