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#GiletsJaunes: „Mögen unsere gelben Funken der Revolte die Welt 2019 in Brand setzen!“

Seit dem Beginn der Bewegung der ‚Gilets Jaunes‘ in Frankreich wurden mysteriöse und zugleich poetische ‚Gelbe Briefe‘ an den besetzten Verkehrskreiseln und in den sozialen Medien verbreitet. Dies ist eine sinngemäße Übersetzung des eindrucksvollen und inspirierenden 15. Schreibens, das auf der einflussreichen radikalen Website ‚Lundi Matin‘ veröffentlicht wurde und nah am Unsichtbaren Komitee , der Autoren von der kommenden Aufstand, steht.


Ursprünglich von Lundi Matin veröffentlicht. Übersetzt von Indymedia DE.

Hinweis: Enough is Enough organisiert keine dieser Veranstaltungen und Aktionen. Wir veröffentlichen diesen Text, damit Menschen in den USA und Europa sehen können, was passiert. Dieser Text wurde nur zur Dokumentation veröffentlicht.

Liebe ‚Gilets Jaunes‘, liebe Männer und Frauen aus dem tiefen Herzen unserer Gesellschaft.

Wir nähern uns einem kritischen Moment. Wir nähern uns einem historischen Moment. Wir nähern uns einem Wendepunkt in der Geschichte. Wir nähern uns dem Ende. Seit einigen Monaten führen wir gemeinsam einen Kampf, um dem suizidalen Treiben Derer an der Oberfläche der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Unser Leben, das Leben unserer Kinder, das Leben unserer Enkelkinder, steht auf des Messers Schneide. Wir werden daher nicht die Jongleure geben, indem wir die Vorteile oder Unannehmlichkeiten dieser oder jener verfassungsgemäßen Initiative abwägen, die uns, so heißt es, einen gewissen Gestaltungsspielraum zurückgeben könnte. Wir müssen ganz offen zugeben, dass wir die Lust auf solches gänzlich verloren haben.

Wir sind nicht mehr in der Lage, zu entscheiden, wie wir leben, und zwar auf eine durch uns selbst festgelegten Art und eigene Weise. Wie wir arbeiten, wie wir unsere Kinder erziehen, was wir essen, wie wir produzieren, wie wir uns kleiden, wie wir feiern, wie wir uns gegenseitig anschauen, wie wir kämpfen, wie wir teilen, wie wir küssen, wie wir uns treffen, wie wir lieben?!
Unser aller Leben wird von dieser Maschinerie der Oberfläche absorbiert und verschlungen, die sich nicht im geringsten um unsere Beschwerden, unsere Lebenssituation, unsere innersten Werte und unsere intimsten Gefühle schert.

Die da oben sind bereits Teil dieser Maschinerie und eine Maschine, meine Freunde, fühlt oder denkt nicht, sondern sie rechnet nur.

Liebe ‚Gilets Jaunes‘, liebe Männer und Frauen aus dem tiefen Herzen der Gesellschaft.

Im Jahr 2019 wird unsere lebendige Erde, unsere ganz reale und einzige Erde, all das, was uns umgibt, die Schönheit und der Reichtum unserer Landschaften, die Klarheit eines schönen Morgens, die Düfte von Jasmin und Flieder, die die Luft in den Straßen erfüllen, auch die Angst vor der schwarzen Nacht, die Wellen des Sonnenlichts, die unsere morgendlichen Gesichter streicheln, und das Lachen unserer Kinder in den Gärten ihrer Unschuld – all das wird zerstört werden und verschwinden unter einer gewaltigen Flut aus Beton.

Wir müssen einsehen, meine Freunde, dass es keinen ‚grünen Frieden‘ am Horizont gibt. Keine CO² – Steuer! Keinen verantwortungsvollen Umweltschutz! Keinen Gesellschaftsvertrag für die Umwelt oder COP 21, 22 oder 23! All dies sind nur Splitter grüner Farbe auf dem Alptraum, der uns erwartet.

So können es sich Macron und seine Freunde da oben durchaus leisten, uns ein frohes neues Jahr zu wünschen. Sie sind es nicht, die am Ende eines jeden Monats leiden und am Ende der Welt verzweifeln. Nein, sie verzweifeln an dem fehlenden Wachstum, sie machen sich nur Sorgen über das Versagen Frankreichs – von unten her -, sich an die wirtschaftlichen Diktate – von oben her -, anzupassen. Heute bedeutet unser Kampf – von unten her – eine totale Konfrontation und zweifellos auch die letzte. Ein Kampf gegen das planmäßige Aussterben der menschlichen Spezies. Es ist also an der Zeit, eine echte soziale Organisation mit lokaler Basis und globaler Reichweite zu schaffen. Die Probleme derer – von unten her – im Kongo, in Thailand oder in Brasilien sind auch unsere Probleme.

Während wir ermutigt werden, unsere Frustrationen zu lindern, indem wir die Regale der Einkaufszentren im Winterschlussverkauf leeren, stellt Euch bitte einen 20jährigen in Vietnam vor, der vom heimatlichen Boden entwurzelt wurde, auf dem seine Familie seit Generationen lebt. Der um 6 Uhr morgens, allein, auf ein Baumwollfeld geht oder sich auf den Weg in die riesigen, kalten Metallblöcke der internationalen Konzerne macht, um dort ein erbärmliches Kleidungsstück herzustellen!

Stellt Euch vor, das selbe Unternehmen gratuliert sich selbst zu seinen hervorragenden Quartalsergebnissen! Stellt Euch vor, wir Europäer fordern Verbraucherkredite, um dieses Objekt zu kaufen! Können wir uns vergegenwärtigen, wie erbärmlich das ist? Können wir uns wirklich die Welt vor Augen führen, in der wir leben? Das Gesicht, das Spiegelbild unseres täglichen Elends. Diese Welt, unsere Welt. Die, die wir so unerträglich, abscheulich, atemlos, uneinatembar und unbewohnbar machen, dass wir in unsere Zitadellen von Bildschirmen, in unsere Illusionen, in unsere Verleugnungen fliehen und uns verstecken…

Stellt Euch stattdessen vor, dass wir in unseren Wohnblöcken, in unseren Nachbarschaften, in unseren Dörfern, andere Wege der Produktion und des Konsums finden könnten. Können wir uns eine Waschmaschine pro Mehrfamilienhaus vorstellen? Können wir uns vorstellen, den Morgen mit dem Fischen, den Nachmittag mit der Betreuung der Kinder und den Abend mit der Vorbereitung auf das lokale Festival oder das Fußballspiel am nächsten Tag zu verbringen?

Können wir uns vorstellen, unser Essen in altmodischen Gläsern und gemeinschaftlichen Räumen zu konservieren? Können wir uns vorstellen, das Privateigentum zu zerstören, das uns einsperrt, uns verdrängt, isoliert und vertreibt? Ist es möglich, sich die 25-jährige schwangere Frau vorzustellen, deren Bedürfnisse nicht mit denen eines robusten 35-jährigen Mannes vergleichbar sind?

Können wir uns einen Nachtwächter vorstellen, der 40 Stunden pro Woche in der eisigen Kälte arbeitet, und auch einen Banker, der die gleiche Anzahl an Stunden in seinem klimatisierten Büro arbeitet, mit einer Tasse Kaffee und edlem Gebäck? Können wir uns diese beiden traurigen Zustände vorstellen? Können wir uns eine tatsächliche Ungleichheit vorstellen, und nicht diese abstrakte Gleichheit, die der abstrakten Arbeit, die darin besteht, dass die Arbeit nicht mehr nach realen, lebenswichtigen Bedürfnissen beurteilt wird, sondern nach fiktiven, imaginären Bedürfnissen?

Können wir uns echte Arbeit vorstellen, sinnvolle Arbeit? Können wir uns letztendlich ein menschliches Gesicht vorstellen?

Liebe ‚Gilets Jaunes‘, liebe Männer und Frauen aus der Tiefe der Gesellschaft.

In diesem Jahr liegt unser Schicksal wieder in unseren eigenen Händen. Lasst uns die Gelegenheit nutzen, die Fragen, die uns beunruhigen, anzusprechen und radikale und echte Lösungen außerhalb aller institutionellen Gepflogenheiten zu finden.

Unsere Welt stirbt, unsere Welt bricht zusammen, das menschliche Leben erlischt. Wir haben wieder einen Funken Hoffnung entfacht! Lasst uns also unsere Dörfer in Flammen setzen, unsere Städte in Flammen setzen, Frankreich in Flammen setzen, Europa in Flammen setzen, die Welt in Flammen setzen!

Mögen unsere gelben Funken der Revolte zu einem kreativen Schmelzofen werden! Möge die Zerstörung des Alltags zur Lebensgrundlage von morgen werden!

Ein frohes neues gelbes Jahr für uns alle!

Anmerkungen:

Die Übersetzung dieses Briefes, der am 7. Januar 2019 auf Lundi Matin veröffentlicht wurde,

https://lundi.am/Lettre-Jaune-15-2019-annee-jaune) erfolgte ziemlich frei und sinngemäß. Die Übersetzungsarbeit von Winter AOK (https://winteroak.org.uk/2019/01/08/may-our-yellow-sparks-of-revolt-set-the-world-ablaze-in-2019/) war dabei mehr als hilfreich.


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