Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Stimmen aus #Notara26: Interviews vom Kampf in #Exarcheia. Teil 2: „Sie können nur die Angst in unseren Herzen töten“.

Dies ist Teil zwei einer Reihe von Interviews mit Menschen, die in der Notara 26 Besetzung in Exarcheia, Athen, involviert sind. Der Kampf um die Freiräume setzt sich hier aus Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, Lebensgeschichten und Ideen zusammen. Wir sind bestrebt, die eigenen Worte der Menschen festzuhalten, ohne unsere Ansichten aufzuzwingen – obwohl wir natürlich unseren eigenen Perspektiven oder den Grenzen der Übersetzung nicht entkommen können. Teil 1 findet ihr hier.

Ursprünglich veröffentlicht von Stateless. Übersetzt von Enough 14.

2nd Kargar-e-sorgh („Rote Arbeiter)

Ich war eine politische und Arbeiter*innen-Aktivist*in im Iran. In der Stadt Ahwaz, im Süden des Iran, arbeitete ich in einer großen Fabrik, einer Metallfabrik, und ich wurde dort in der Arbeiter*innenbewegung aktiv.

Du warst Gewerkschafter*in?

Nein, keine Gewerkschaft. Die einzigen Gewerkschaften im Iran sind diejenigen, die vom Regime kontrolliert werden. Wir organisierten spontane Streiks und Demonstrationen, eine Basisbewegung. Unsere Fabrik und weitere Fabriken in der Nähe in Ahwaz wurden sehr aktiv. Die Bewegung wuchs etwa vier Jahre lang, und seit vor etwa zwei Jahren hatten wir viele Aktionen und Demonstrationen. Im vergangenen Oktober 2018 hatten wir 3000 Arbeiter*innen im Streik. Der Streik dauerte vierzig Tage, er war einer der größten und längsten, die seit der Revolution stattgefunden haben. Ich war Teil der Koordinierungsgruppe für diesen Streik.

Ich wurde am 23. Oktober verhaftet. Sie sagten mir: „Wir lassen Sie gehen, unter der Bedingung, dass Sie zu den Arbeiter*innen zurückkehren und ihnen sagen, sie sollen den Streik stoppen und den Bedingungen der Bosse zustimmen.“ Ich stimmte zu und sie ließen mich frei. Aber dann ging ich zu der Demonstration auf der Straße und sagte das Gegenteil von dem, was sie mir gesagt hatten.

„Sie können nur die Angst in unseren Herzen töten.“

Ich habe folgendes gesagt: „Unsere Herzen sind bereit für ihre Kugeln. Aber die Kugeln der Cops können uns nicht töten, sie können nur die Angst in unseren Herzen töten.“

Wir haben die Fabrik besetzt. Zwei Tage nach der Besetzung griff die Polizei in der Nacht die Häuser der Menschen an und verhaftete 41 Personen. Also beschlossen wir, wieder zu besetzen, und diesmal bleiben alle drinnen und gehen nicht nach Hause. Die Polizei hat uns komplett umzingelt, aber wir hielten die Besetzung fünf weitere Tage lang aufrecht.

Nach diesen fünf Tagen brachten einige Kolleginnen einen Lieferwagen mit, als würden sie Materialien transportieren, sie versteckten mich im Lieferwagen unter dem Zeug und nahmen mich mit. Ich schaffte es, aus Ahwaz herauszukommen und unterzutauchen. Sie haben weitere Arbeiterinnen aus unserer Fabrik verhaftet, und sie haben eine Dokumentation im nationalen Fernsehen veröffentlicht, in der sie mich beschuldigten, ein arabischer Separatist zu sein. Es spielt keine Rolle, ob du iranisch, kurdisch, arabisch oder was auch immer bist, sie werfen dir solche Lügen vor.

Wie bist du also aus dem Iran herausgekommen?

Ich schaffte es, über die Berge in die Türkei zu gelangen. In der Türkei wurde ich wieder verhaftet, weil ich falsche Papiere hatte, und für 50 Tage ins Gefängnis gesteckt. Ich habe insgesamt vier Monate in der Türkei verbracht, fast die Hälfte davon im Gefängnis. In der Türkei erlebte ich viel Rassismus, viel rassistischen Missbrauch, weil ich kein Türkisch sprach.

Nach Griechenland zu kommen, das ist wieder eine andere Geschichte. Ich habe dreimal versucht, die Landgrenze bei Evros zu überqueren. Die ersten beiden Male wurde ich von griechischen Soldaten erwischt. Sie schlugen uns zusammen, sie ließen uns unsere Kleider ausziehen und warfen sie in den Fluss. Dann haben sie uns in die Türkei zurückgeschoben.

Aber das, wovor ich am meisten Angst hatte? Nicht die griechischen Soldat*innen, aber wenn ich von den türkischen Soldaten*innen erwischt werde, die wieder in ihr Land zurückkehren. Ich hatte Angst, dass sie mich, wenn ich wieder in der Türkei verhaftet würde, in den Iran deportieren würden.

In Exarcheia

Letztendlich habe ich es geschafft. Als ich in Griechenland ankam, hatte ich wirklich Angst vor faschistischen Angriffen. Nach meinen Erfahrungen in der Türkei und an der Grenze dachte ich, die Welt ist voll von Faschistinnen und Rassistinnen, in Griechenland wird es genauso schlimm sein. Dieser Gedanke lag mir immer im Kopf.

Dann, am zweiten Tag in Athen, kam ich hierher, nach Exarcheia. Und ich dachte – „Wow!“ Wirklich, wow!

Ich kannte keine zwei Wörter der Sprache, aber es war niemandem wichtig. Der erste Ort, an den ich ging, war K-Vox (besetztes Café und Sozialzentrum). Ich kannte niemanden, ich kam nur rein, um einen Kaffee zu trinken. Ich konnte kaum kommunizieren, aber die Leute lächelten mich an! Ich hatte so ein gutes Gefühl. Ich fühlte mich – hier bin ich irgendwo, wo deine Hautfarbe, deine Sprache, deine Kleidung keine Rolle spielt. In Exarcheia, so fand ich, kümmert sich niemand um diese Dinge.

Später traf ich einen Freund, einen Genossen, den ich aus dem Iran kannte. Er brachte mich zu Notara. Ich lebe nicht in Notara, ich komme aus Solidarität hierher. Als ich hierher kam, fühlte ich mich an einem Ort, an dem Menschen Teil einer Bewegung sind, eines gemeinsamen Kampfes. Ich fühle mich den Menschen hier nahe, ich spüre, dass wir Ideen teilen.

Was bedeutet Notara für dich?

Dieser Ort ist für mich sehr wichtig geworden. Ich sage den Leuten hier: Du kannst bei allem auf mich zählen, auch wenn du jemanden brauchst, der die Toiletten reinigt, bin ich bereit dazu.

Dann begannen die Räumungen im August und die Polizei begann, Notara zu bedrohen. Als ich sah, wie Leute sich versammelten und zu Demos kamen, beschloss ich, mich mehr zu engagieren. Vielleicht kann ich nicht viel tun, aber ich denke, es ist wichtig, hierher zu kommen und meinen Freund*innen Unterstützung zu zeigen. Um ihnen zu helfen, ihre Stimmung aufrechtzuerhalten. Wenn die Polizei jetzt kommt, könnte ich in Gefahr sein, aber es ist mir egal. Ich ziehe es vor, nicht an meine persönliche Situation zu denken, ich freue mich, meinen Freund*innen hier nahe zu sein.

Notara war eine große Erfahrung in meinem Leben. Menschen so zusammenleben und arbeiten zu sehen, einen gemeinsamen Ort zu schaffen, ohne viele große Probleme. Menschen aus anderen Ländern kommen, um ihre Solidarität zu zeigen. Zu sehen, wie Menschen gleichberechtigt handeln, alles auf der gleichen Ebene, egal woher man kommt.

Die Sprache des Kampfes

Ich bin sehr glücklich, wenn diese Bewegung mich akzeptiert und als Genosse kennt. Diese Bewegung in den Hausbesetzungen und Straßen von Exarchia hat mich gelernt, dass unser Kampf, unser Widerstand, keine geographischen Grenzen hat, dass er keinen einzigen Ort hat. Wir alle kommen von verschiedenen Orten, wir sprechen viele Sprachen. Aber wir alle teilen eine Sprache – die Sprache des Kampfes.


Enough 14: Unterstützt unsere Arbeit!

Unterstützt unsere unabhängige Berichterstattung und Info-Café.

€1,00


Enough 14 braucht eure Unterstützung:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.