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Antikoloniale Aktion: La Gira Va! – Visum für die zapatistische Delegation abgelehnt

Vor einigen Tagen wurde das Visum für die zapatistische Delegation, die über Frankreich nach Europa einreisen wollte, abgelehnt. Wiedereinmal die Pandemie als Ausrede für die Verbreitung des rassistischen Systems. Die Ankündigung des Besuchs der Zapatisten und ihrer „Reise für das Leben“ ist eine Gelegenheit, Kämpfe zu vereinen und politische Verbindungen zu stärken. Dieser Besuch ist als Invasion in Europa proklamiert. Eine Invasion des europäischen Territoriums, eine Entdeckung der Kontinuität und Unversehrtheit der kolonialen Macht. Auf der einen Seite die zapatistischen Compañeras, die Hoffnung auf eine 500 Jahre alte Geschichte des Widerstandes, auf der anderen Seite die Dominanz der europäischen Nationen, der Rassismus und Klassismus in der Form bürokratischer Hindernisse, die das Migrationssystem ungestraft unseren Compas in den Weg legt.

Ursprünglich veröffentlicht von Indymedia DE (Tor-Adresse). Geschrieben von antikoloniale aktion.

Die Ankündigung des Besuches der Compas hat von Anfang an Freude und Solidarität in Europa gesät, und diese sind intakt, auch wenn die europäischen Nationalstaaten versuchen, sie zu zerstören. Nach unseren Erfahrungen und denen von Abertausenden in Europa haben wir leider auf diesen Moment gewartet. Es war klar, dass, so wie die Ankunft so vieler Menschen aus der lateinamerikanischen Arbeiterklasse mühsam und oft unmöglich ist, die Ankunft der Compas nicht einfach sein würde.

Die Compas fügen der Liste der Merkmale für die Untauglichkeit als Besucher eines so elitären Raums wie des „Alten Kontinents“ noch einiges hinzu: Ihre Zusammensetzung als Kollektiv, als Revolutionäre und als Freunde des Europas von linksunten, das sie mit offenen Armen und offenen Herzen erwartet.

Wie das Kommuniqué für das Leben vom Januar 2021 sagt, sind unsere Realitäten obwohl sehr unterschiedlich vereint, weil „wir uns die Schmerzen der Erde zu eigen machen: Gewalt gegen Frauen; Verfolgung und Verachtung derer, die in ihrer affektiven, emotionalen und sexuellen Identität anders sind; die Vernichtung von Kindern; Völkermord an den Eingeborenen; Rassismus; Militarismus; Ausbeutung; Enteignung; die Zerstörung der Natur“.

Wir sind im Widerstand verbunden, in einem Widerstand, der gegen die Gefängnisse und die militärischen Intervention gerichtet ist, weil er das System der Repression als eine entscheidende Institution für die Verbreitung der kolonialen Dichotomie von Rationalität vs. Barbarei begreift. Eine Dichotomie, die die Wenigen  über die Vielen stellt; die das hier und dort inhaftiert; die Unterschiede als Probleme und Gewalt als Lösung begreift. Dagegen ein Widerstand, der für die Konstruktion von Welten kämpft, in denen die Heteronormativität uns nicht verflucht, weil wir das Patriarchat als einen der Füße des Kapitalismus begreifen. Einen Fuß, der heute die Körper der FLINTA erdrückt und sie zu Schlachtfeldern für private Profite macht.Und so schwer es für uns ist, dieser koloniale Kapitalismus (den wir abstrakt als System bezeichnen) wandelt in menschlicher Gestalt, denn sein zweiter Fuß vernichtet Wesen und natürliche Ressourcen im mexikanischen Südosten (wie in so vielen anderen Gebieten des globalen Südens) für unser Wohlbefinden hier in Berlin.

Es war klar, dass die Compas mit ihrer rebellischen Aufrichtigkeit, mit der sie kommen, um den Kolonialismus in seinem Heimatgebiet zu bekämpfen, nicht unbemerkt von den nationalen Überwachungssystemen bleiben würden.Es liegt in unserer Verantwortung die Destabilisierung Europas und die Implosion des westlichen Systems der Privilegien voranzutreiben, sowie die „Rettungspolitik“, die es weiß-europäischen Aktivisten erlaubt, in autonomes zapatistisches Territorium zu reisen und sich ermächtigt zu fühlen, als  „humanitäre“ Schutzschilde für die Menschen des globalen Südens zu handeln, zu beenden.

Für eine radikale Politik einzutreten bedeutet, die intimsten menschlichen Beziehungen anzugreifen, die uns dieses heteropatriarchale, rassistische, klassistische und ablaistische System auferlegt hat. Wir müssen aufhören, uns aufzuteilen zwischen denen, die reisen können und jenen, die es nicht können, zwischen denen, die andere Realitäten erfahren können und denen, die es nicht können, zwischen denen, die helfen und jenen, welchen geholfen wird. Und dafür ist die freie Mobilität unabdingbar, denn sie ist der Grundimpuls unserer Subjektivität als Wesen: Blinzeln, lachen, laufen…

Es ist auch wichtig, nein zu sagen, als Einzelne und als Kollektiv. Nein zu den europäischen kolonialen Grenzen, nein zur weißen Vorherrschaft des bordeaux Passes!  Nein zum Rettungsaktivismus, nein zum Vergessen unserer Verantwortung, auf unserem europäischen Territorium zu handeln! Nein zum Visumverbot für die zapatistischen Genossen!

Wir rufen alle auf, praktische Solidarität gegen die Blockade zu zeigen, mit der die EU heute gegen die zapatistische Delegation vorgeht. Aber vor allem rufen wir dazu auf, diesen Moment zur Sichtbarmachung und zum Kampf gegen das rassistischen Grenzsystems, zu nutzen indem wir die migrantischen, Anti-Abschiebekämpfe, für die Abschaffung aller Grenzen auf konstante, praktische und radikale Weise unterstützen.Eine Umarmung heute aus der Ferne, an Euch alle dort in den Bergen des mexikanischen Südostens, an alle hier auf der Straße.


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